Bamberg

Bitte abschalten oder wo sich Wutbürger zu Hause fühlen

Wutbürger, so heißt die meist ältere Männergruppe aus der Mittelschicht. Sie empören sich mit Leidenschaft und Ausdauer über alles, was ihnen vor die Flinte läuft. Das können politische Entscheidungen sein, aber auch die Nichteinhaltung der Straßenverkehrsordnung, wahlweise auch die Form von Ampelmä...
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Foto: RitaRue
Wutbürger, so heißt die meist ältere Männergruppe aus der Mittelschicht. Sie empören sich mit Leidenschaft und Ausdauer über alles, was ihnen vor die Flinte läuft. Das können politische Entscheidungen sein, aber auch die Nichteinhaltung der Straßenverkehrsordnung, wahlweise auch die Form von Ampelmännchen. Liebste Beschäftigung aber ist das wünschelrutenartige Aufspüren von Verschwörungen, und wenn sich partout keine ausmachen lassen will, eben das Herabwürdigen bestimmter Gesellschaftsgruppen. War die Zuhörerschaft früher durch die Stuhlkreisrunde am Stimmtisch arg begrenzt, so erweitert sie sich heute dank moderner Medien enorm.

Ideales Forum heute: die Kommentarfunktion der heimatlichen Internetzeitungen. Je konservativer diese ausgerichtet sind, um so lieber schalten sie dann das Gedönse durch. Schließlich muss man sich an seine Leserschaft herankumpeln.

Oberflächlich betrachtet liegen viele Wutthemen herum, die sich aufgreifen lassen. Näher betrachtet, sind die Themen meist miteinander verwandt. Xenophobie, Islamophobie, Nationalismus und Homophobie – sie alle, um nur einige zu nennen, konkurrieren um die Erregungskurven der Wutbürger. Begleitet von einem unversöhnlichen Tonfall und konstruierten Angstformeln, manchmal gewürzt mit willkürlich ausgesuchten Bibelversen.

Um die Lösung von Problemen geht es dabei längst nicht mehr, sie werden einfach wegdefiniert. Debatten, Diskurse, Verständnis und Kompromiss zählen nicht, Schuldzuweisungen und das unschuldige Rechthaben stehen im Mittelpunkt.

Xenophobie und Homophobie, also Fremdenfeindlichkeit und Schwulen-/Lesbenfeindlichkeit nehmen mittlerweile bei den Wutbürgern die ersten Ränge unter allen anderen möglichen Themen ein. Was zum Beispiel als Kichern der Lustgreise beginnt, setzt sich fort mit wildesten Fantastereien über Sexualpraktiken, die selbst viele Homosexuelle nur vom Hörensagen kennen, und endet in eiskalter Homophobie. Welche wiederum umgehend als solche vehement geleugnet wird. – Prozesse, die durch ein rigides Verständnis der Geschlechterrollen, fundamentalistische Religiosität und vor allem Unkenntnis katalysiert werden.

Diskussionsbeiträge sind solche Kommentare nicht. Es geht um die Erregung an sich und Proteste äußern sich als bloße Rückschrittlichkeit. Natürlich und unbedingt gibt es das Recht auf freie Meinungsäußerung. Es gibt aber kein Recht darauf, jemanden oder eine Gruppe zu beleidigen oder herabzuwürdigen. Wo der Wutbürger die Grenze zur Diskriminierung überschreitet, hat er den Bereich der freien Meinungsäußerung verlassen. Diskriminierung in jeglicher Form ist aufs Tiefste zu verabscheuen.

Die sogenannte Netiquette, ein Verhaltenskodex für Teilnehmer der Kommentarfunktion einer Internetzeitung, soll deshalb die Art der Kommunikation für alle so angenehm wie möglich machen. Keine Vulgärsprache, keine Beleidigungen, keine Feindseligkeiten – kurz: höflich und sachlich bleiben.

Nur: Wutbürger schert das nicht groß – wozu auch, eine Netiquette ist Gift für die Wut. Infranken.de hat nun das einzig Richtige getan, und die Kommentarfunktion vieler Artikel ausgeknipst. Verständlich, dass es einer Online-Redaktion nicht in allen Fällen möglich ist, die Flut an Leserkommentaren auf ihre Sozialverträglichkeit hin zu durchleuchten. Und so möge auch bei diesem Leserbeitrag gelten: Kommentarfunktion bitte abschalten!
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