Wirsberg
Entdecker-Tour (124)

Zwischen Wirsberg und Neufang gibt es eine rätselhafte Kultstätte

Zwischen Wirsberg und Neufang stand einmal die St.-Leonhards-Kapelle. Die Glocke läutet noch heute.
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Der massive Steintisch ist mit verschiedenen Wappen und einer Übersichtsplatte verziert. Foto: Erich Olbrich
Der massive Steintisch ist mit verschiedenen Wappen und einer Übersichtsplatte verziert. Foto: Erich Olbrich
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Unweit der Heilingskirche bei Neufang befand sich am Waldrand noch eine Kapelle. Eine Tafel weist auf die bei Ausgrabungen gefundenen Mauern hin. Diese und ein massiver Steintisch mit Wappen und einer etwas in die Jahre gekommenen Übersichtsplatte lassen den Betrachter die Abmessungen der Kapelle erahnen.

Auf Knien den Berg hinauf

An dieser Stelle, auf der Ostkuppe der Buchleite nordwestlich von Wirsberg, entstand Anfang des 12. Jahrhunderts ein kleines Kirchlein. 1433 wird es in einer Urkunde des Bischofs Antonius aus Bamberg erwähnt. Es handelte sich um eine Wallfahrtskirche, die dem heiligen Leonhard geweiht war. Zu ihr hoch führte, von Wirsberg kommend, der "Kniesteig". Wie der Name anzeigt, wurde die letzte Wegstrecke von den Wallfahrern auf den Knien zurückgelegt.

Doch anscheinend verlor die Kapelle irgendwann ihre Bedeutung. Bekannt ist, dass bereits vor 1600 das noch übrig gebliebene Mauerwerk abgetragen wurde. Gras wuchs über die Grundmauern. Jahrhunderte vergingen.

Die Pflugschar eines Bauern, der immer wieder auf Steine, Knochen, Kettenstücke, Hufeisen, Hufnägel und Mauerreste stieß, wurde den Geschichtsfreunden schließlich zum Wegweiser. Die ständigen Funde machten nicht allein die Heimatforscher mobil, auch in der Bevölkerung blühte die Fantasie. Man vermutete hier den Platz, an dem eine goldene Marienstatue vergraben liegen sollte. Das Gelände wurde sogar mit einer Wünschelrute abgesucht.

Begründer des CHW

Eduard Margerie, der Begründer des Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW), war der Erste, der den Schlüssel zu dem Rätsel fand und der Heimatforschung durch sachgemäße Grabungen auf den richtigen Weg verhalf.

Mithilfe einer Abteilung des Reichsarbeitsdienstes Kulmbach wurden von 1933 bis 1936 jene Grabungen unter fachlicher Aufsicht des Generalkonservators Hock aus Würzburg eingeleitet. Schon im Oktober 1933 war es soweit: Eduard Margerie konnte mit beachtlichen Ergebnissen aufwarten. In einer festlichen Veranstaltung des CHW informierte er die Öffentlichkeit über die Ausgrabungen. Selbst Vertreter des Bezirksamts Kulmbach und der Regierung aus Bayreuth fanden sich neben vielen Interessierten ein.

Vermutlich hatte sich hier bereits vor dem ersten Kirchenbau eine altgermanische Kultstätte befunden. Die Experten erklärten den Besuchern die freigelegten Fundamente von zwei Kirchen, der Umfassungsmauer und Nebengebäuden.

Achse von West nach Ost

Die ältere, im romanischen Stil erbaute Kirche wurde vermutlich zwischen 1109 und 1143 errichtet. Der Umbau und die Vergrößerung zur gotischen Kirche fanden um 1433 statt. Die Mauer an der Nordseite der alten Kirche blieb erhalten und wurde für den Neubau mit verwendet.

Die Achse der Kirche läuft von West nach Ost. Der gotische Vorbau im Westen trug wahrscheinlich über dem Dach ein spitzes Türmchen. Die Maße der romanischen Kirche betrugen 26 mal acht Meter, die Maße des gotischen Gotteshauses 31,5 mal 12,3 Meter. Am Chorraum ist nach Süden zu der Ansatz der ehemaligen Friedhofsmauer erkennbar. Funde von Hufeisen und daraus gefertigten kleinen Opfergaben bestätigten die Verehrung des heiligen Leonhard. Gefäßscherben mit schnurartigen Verzierungen hingegen weisen auf eine noch ältere, vorgeschichtliche Kultstätte hin.

Vermutlich ist die Kirche nach der Reformation 1528 verfallen. Die Mauern wurden 1600 abgetragen, die Steine für die Grabkapelle, die Friedhofsmauer und andere Gebäude in Wirsberg und Neufang verwendet.

Glocke hängt in der St.-Johannis-Kirche

Die Glocke der St.-Leonhards-Kapelle wurde in die St.-Johannis-Kirche nach Wirsberg überführt. Sie hängt heute noch in der Mitte des Glockenstuhls. Beim einen Brand 1633 ist ihr das Öhr abgeschmolzen, man heftete ihr zur Befestigung am Joch sechs Zapfen an. Um den Rand der Glocke steht in schwer lesbarer Schrift: "O Rex gloriae. veni cum pace. Linhardus. Ave Maria. Lucas. Marcus. Johannes. Matthaeus." Übersetzt bedeutet dies "O ruhmreicher König. Ich bin gekommen mit Frieden. Linhardus. Gegrüßet seist du Maria." Sie soll die älteste Glocke in weiter Umgebung sein. Deshalb wurde sie im Zweiten Weltkrieg auch nicht eingeschmolzen.

Leonhard gilt als Schutzheiliger der Gefangenen, Bergleute und Fuhrleute sowie als Nothelfer der Landwirte und Beschützer der Tiere. Als Schutzpatron fürs Vieh, insbesondere für die Pferde, bekam er den Beinamen "Bauernherrgott". Vor allem im südlichen Bayern gibt es rund um seinen Gedenktag, den 6. November, zahlreiche Leonardi-Ritte mit Tiersegnung.

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