Kulmbach
Landwirtschaft

Zwischen Stolz und Vorurteil: Bauer Alexander Eber aus Kulmbach

Kaum eine Branche steht so im öffentlichen Fokus - und in der Kritik. Versuch einer Bestandsaufnahme.
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Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Alexander Eber versorgt im Biegersgut 70 Mutterkühe samt Nachzucht.  Die Erlössituation sei bisweilen kritisch: 40 Cent pro Liter Milch müssten es sein, um kostendeckend zu arbeiten - rund 35 Cent sind es aktuell. "Es gibt Zeiten, da gehe ich mit der Gewissheit in den Stall: Ich blockere diese Woche 70 bis 100 Stunden, werde aber trotzdem keinen Gewinn erwirtschaften."J. Nützel
Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Alexander Eber versorgt im Biegersgut 70 Mutterkühe samt Nachzucht. Die Erlössituation sei bisweilen kritisch: 40 Cent pro Liter Milch müssten es sein, um kostendeckend zu arbeiten - rund 35 Cent sind es aktuell. "Es gibt Zeiten, da gehe ich mit der Gewissheit in den Stall: Ich blockere diese Woche 70 bis 100 Stunden, werde aber trotzdem keinen Gewinn erwirtschaften."J. Nützel

Bauern schwimmen im Geld, bekommen Steuergelder via Brüssel in den Rachen geworfen, verpesten als "Gegenleistung" die Böden und quälen Tiere aus Gewinnstreben. - So viel zum Kübel an Kritik, der über den Landwirten ausgekippt wird. Was ist Märchen, was in Teilen berechtigt? Was an der öffentlichen Wahrnehmung haben Erzeuger und Lobbyisten ein Stück weit selber zu verantworten? Eine Bestandsaufnahme, exemplarisch vorgenommen am Beispiel des Milchviehbetriebs von Alexander Eber in Höferänger.

Der 39-Jährige führt den Hof des Großvaters im Biegersgut seit 2005 fort. Eber baute die Landwirtschaft aus und erweiterte den Milchviehbetrieb auf heute 70 Kühe (plus weiblicher Nachzucht). Der Kulmbacher ist Bauer im Fulltime-Job, bearbeitet 95 Hektar - 50 Hektar Grünland, 45 Hektar Ackerfläche. Unterstützung erhält der 39-Jährige durch seine Eltern und seine Schwiegermutter. Lebensgefährtin Nicole kümmert sich um die drei Kinder. Subventionen

"Ich weiß, dass viele Leute die Vorstellung haben, bei uns Bauern weht's das Geld zum Schornstein rein", sagt Alexander Eber und lächelt. "Wahr ist, egal um welche Betriebsbranche es geht: Von den Prämien vom Staat geht ein Teil dafür drauf, die Kredite zu bedienen, damit ich überhaupt produzieren kann. Unter anderem für den neuen Stall. Wenn ich Glück habe und gut wirtschafte, bleibt etwas übrig, was ich aber wieder reinvestieren muss in Maschinen etc." Das liege nicht selten an den Auswirkungen veränderter gesetzlicher Vorschriften.

Als Beispiel nennt er die verschärfte Düngemittelverordnung, die ihn dazu zwinge, neue Gerätschaften zur Gülleausbringung anzuschaffen. Allein die technische Nachrüstung für sein vorhandenes Güllefass kostet so viel wie ein neuer Kleinwagen.

Dazu komme der Aufwand für Bürokratie. "Als studierter Landwirt habe ich gelernt: Im Winter werden die Maschinen gewartet und die Tiere weiterversorgt, während die Feldarbeit ruht. Doch was kommt alles dazu? Ich muss Düngepläne erstellen und Nährstoffbilanzierungen, Dokumentationen für Betriebskontrollen, Amtsgänge, Schulungen und und und..."

Faktencheck: Für 2017 schüttete die EU 58 Milliarden Euro an Agrarhilfen an die 27 Mitgliedsstaaten aus - das sind 40 Prozent des Gesamtbudgets. 6,5 Milliarden flossen nach Deutschland. Allein die 15 Top-Subventionsempfänger hierzulande erhielten 86 Millionen Euro (darunter Ministerien, Umweltämter und eine Naturschutzstiftung, die gefördert werden für den Hochwasser- und Küstenschutz sowie ländliche Entwicklung.)

Für Alexander Ebers Hof sind im EU-Haushaltsjahr 2017 insgesamt 26500 Euro an Prämien geflossen (dagegen stünden allein monatliche Unkosten von 14000 Euro für die Produktion). Die Summe beinhaltet unter anderem Ausgleichsgelder für benachteiligte Gebiete wie Hanglagen und Trockenregionen, Förderungen für freiwillige Klimaschutzmaßnahmen sowie die Greening-Prämie.

Im Schnitt erhält ein landwirtschaftlicher Betrieb in Deutschland über die "erste Säule" der EU-Agrarförderung 180 Euro Basisprämie pro Jahr und Hektar. Landwirte können sich zudem Grünflächen anrechnen lassen, etwa wenn sie Hecken oder Blühstreifen anlegen.

Die Greening-Prämie umfasst 87 Euro pro Hektar. Um das zu erhalten, gilt seit 2014 die Vorgabe: Jeder Betrieb, der mehr als 15 Hektar Ackerfläche hat, muss auf fünf Prozent ökologische Vorrangflächen einrichten. Agrarwissenschaftler wie Biologen bezweifeln die ökologische Wirkung der Maßnahmen. Und auch der Bauernverband hatte sich anfangs gewehrt, kann aber mit dem Kompromiss leben. Tierhaltung

Kaum ein Tag vergeht, an dem in Medien oder Netzwerken nicht über Missstände auf Höfen oder in Schlachtbetrieben berichtet wird. Nicht zuletzt die Überlegung für ein Tierwohl-Label hat die Debatte befeuert. "Kein verantwortlicher Landwirt, den ich kenne, quält seine Tiere", sagt Alexander Eber. Ein Grund für manches Missverständnis: "Man neigt dazu zu vermenschlichen. Fakt ist: Wenn eine Kuh Milch geben soll, muss sie ein Kalb geboren haben. Nur so funktioniert Milchviehhaltung überhaupt. Das sollten sich alle bewusst machen, die Milch oder Käse verzehren wollen."

Für das Kalb sei es gesünder, wenn es in einem Extrastall gehalten wird, weil es nicht mit Keimen der Mutter in Berührung kommt und kontrolliert werden kann, ob es genug trinkt. "Im Stall sind deutlich geringere Sterberaten zu verzeichnen als in freier Natur. Hier haben die Tiere beste Voraussetzungen beim Nahrungsangebot."

Männliche Kälber verkauft er im Alter von sechs Wochen an den Händler, von dort gehen sie an einen Mäster. "Wenn ich ein Bullenkalb verkaufe, bekomme ich pro Kilo fünf Euro. Zum Schlachten hingegen würden weitere Ausgaben für die Aufzucht anfallen. Der zu erlösende Betrag wäre aber nicht mehr. Ein Nullsummenspiel - aber mit höheren Kosten verbunden." Seine Tiere sehe er nicht als Produktionseinheit, sondern als Lebewesen. "Ich muss schauen, dass es ihnen gut geht. Nur gesunde und leistungsfähige Tier erwirtschaften mir ein ausreichendes Familieneinkommen."

Wie alt wird eine Kuh durchschnittlich im Stall? "Fünfeinhalb Jahre", sagt Eber. Würde er sie auch nach ihrer Leistungsphase als Milchlieferant bei sich behalten, seien 15 bis 20 Jahre drin. "Wirtschaftlich gesehen wäre ein höheres Alter sogar besser. Aber es gibt Gründe dagegen, etwa Erkrankungen wie Euterentzündungen." Die beste Kuh im Stall gibt 13000 Liter Milch im Jahr. Voraussetzung: ganzjährig optimales Futter.

Faktencheck: Eber hat zwei Stallbereiche - einen neueren Außenklima-Laufstall und einen älteren, in dem seine Jungrinder in Anbindehaltung stehen. Dagegen regt sich Protest mit Blick auf artgerechte Haltung und Tiergesundheit. Aber: Für Rinder gibt es (außer im Ökolandbau) keine entsprechende EU-Regelung. Insgesamt werden laut Statistik der Deutschen Milchwirtschaft drei Viertel der Rinder in Laufställen gehalten. Dort können sich die Milchkühe bewegen und ihrem natürlichen Herdenverhalten nachgehen. Der Bundesrat hat sich 2016 in einem Entschließungsantrag für ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung bei Rindern ausgesprochen, dabei jedoch eine Übergangsfrist von zwölf Jahren eingeräumt. Gülle und Nitrat

Nutzpflanzen wachsen durch Dünger besser, das ist bekannt. Die Landwirtschaft ist ein großer Verbraucher, unter anderem von Phosphat. Doch die Mengen schwinden. "Da ist eine Landwirtschaft mit Viehhaltung immer im Vorteil, weil ich meinen eigenen Dünger habe", sagt Alexander Eber und deutet auf die Güllegrube. So habe er in zehn Jahren weder Phosphat noch Kalidünger zukaufen müssen. Doch auch hier geht nichts ohne Regularien. "Aufgrund der neuen Verordnung müssen wir eine Düngevorausplanung machen. Der Hitzesommer 2018 hat gezeigt: Es bringt nichts zu planen, wenn ich wegen der unerwarteten Trockenheit über Wochen keine Gülle fahren kann."

Faktencheck: Die EU hatte Deutschland aufgrund bisweilen erhöhter Nitratbelastungen von Gewässern verklagt. Nitrat ist eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Sauerstoff; Pflanzen brauchen die Substanz, um wachsen zu können. Im Boden, in Nahrungsmitteln, in Gewässern und im menschlichen Körper wird Nitrat zu Nitrit reduziert; das ist an sich giftig und an der Bildung der krebserregenden Nitrosamine beteiligt.

Das beschlossene neue Düngerecht schreibt unter anderem größere Behälter vor, damit die Bauern die Gülle nicht nur aus Platzmangel auf die Felder bringen. Es schränkt außerdem die Zeiten ein, in denen gedüngt werden darf. Wasserwerke betonen, dass sich ohne Beschränkungen die Kosten für die Wasseraufbereitung erhöhten und die Gebühren für Verbraucher stiegen. Problem: Die neue Gülleverordnung gilt nur in Deutschland. "Wieder ein Standortnachteil für uns", ist sich Alexander Eber sicher. Versicherung

Der Dürresommer 2018 mit erheblichen Ernteverlusten rief den Bauernverband auf den Plan. Bundesweit ergab sich beim Getreide ein Minus von 22 Prozent, heißt es in der Bilanz. Hinzu kämen Einbußen bei Kartoffeln, Zuckerrüben und beim Anbau von Tierfutter. In einigen Regionen lägen die Verluste zwischen 50 und 70 Prozent bis zum Totalausfall. Die Forderung von Bauernpräsident Joachim Rukwied folgte prompt und belief sich zunächst auf eine Milliarde Euro aus dem Steuersäckel. Laut Bundesministerin Julia Klöckner sollen 340 Millionen gewährt werden. Sofort nach Bekanntwerden der Forderung kam Kritik auf. Bauern müssten sich, wie andere Branchen und Privatleute, gegen Ausfälle oder Schäden versichern und dürften nicht automatisch nach dem Staat rufen.

Faktencheck: Gegen Hagel oder Sturm können sich Bauern versichern - gegen Trockenheit nicht. "Grünland lässt sich nicht versichern", so Alexander Eber. Das würde hohe Prämien nach sich ziehen, die er vom ohnehin überschaubaren Betriebsgewinn noch abziehen müsste. "Selbst Versicherungsmakler bestätigen: Das wäre ein Draufzahlgeschäft." Angedacht ist ein Selbsthilfemodell, das Landwirte und Staat gemeinsam finanzieren - ohne Versicherungsgesellschaften.

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