Pegnitz
Autobahnnomaden

Zweifel, ob EU-Verordnung Lkw-Fahrern hilft

Jedes Wochenende campieren tausende Lkw-Fahrer auf den Raststätten entlang der Autobahnen. Das EU-Mobilitätspaket soll das ändern helfen.
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Kochen vor dem eigenen Fahrzeug  - für viele Lastwagen-Fahrer auch an den oberfränkischen Autobahn-Raststätten Alltag.Jessica Kliem
Kochen vor dem eigenen Fahrzeug - für viele Lastwagen-Fahrer auch an den oberfränkischen Autobahn-Raststätten Alltag.Jessica Kliem
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In einer Pfanne auf dem Gaskocher brutzelt Sauerkraut. Zwei Männer in signalgelben Jacken stehen um die Flamme, unterhalten sich, hantieren mit Kochutensilien. Was nach wilder Campingromantik klingt, ist Alltag auf den Raststätten der Region - und hat mit Romantik nur wenig zu tun.

Tausende Lkw-Fahrer, viele von ihnen aus Osteuropa, verbringen ihre Sonntage, an denen für Lkw ohne Sondergenehmigung Fahrverbot herrscht, auf den überfüllten Autobahnparkplätzen entlang der A9. So auch Martin und Rudi aus der Slowakei.

Die beiden Männer sind seit 14 Tagen unterwegs. Für ihre gesetzlich vorgeschriebene Wochenruhezeit von 45 Stunden, in denen der Truck stillstehen muss, haben die Familienväter aus Bratislava ihre Lastwagen auf der Raststätte Fränkische Schweiz bei Pegnitz geparkt. Sie können froh sein, dort einen freien Parkplatz für ihre tonnenschweren Arbeitsgeräte gefunden zu haben, die ihnen während ihrer oft wochenlangen Touren auch als Unterkunft dienen.

Laut dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) liegt die Zahl der fehlenden Lkw-Stellplätze entlang deutscher Straßen im fünfstelligen Bereich. Auch in Oberfranken, das an einer der längsten Autobahnen Deutschlands liegt, der A9, fehlen zahlreiche Parkplätze.

So berichtet der Geschäftsführer des Kulmbacher Logistikunternehmens Murrmann, Gerhard Souza Murrmann, dass seine Fahrer, die ihre Wochenenden stets in der fränkischen Heimat statt auf Rastplätzen verbringen, auch wochentags oft Probleme haben, geeignete Parkplätze für Ihre vorgeschriebenen Pausenzeiten zu finden. Ab 16 Uhr werde die Parkplatzsuche für die Fahrer häufig zum besonderen Stresstest.

Haben die Fahrer Glück und ergattern einen der begehrten Parkplätze entlang der A9, stellen in der Kabine untergebrachte Fernseher und Laptops oft die einzige Wochenendunterhaltung dar. Für eine warme Mahlzeit im Restaurant der Raststätte sei sein Fahrerlohn zu gering, betont der Slowake Rudi. Also greifen der 35-Jährige und sein 49-jähriger Kollege selbst zum Kochlöffel.

Immerhin günstig einkaufen könne man in Deutschland, sagt Rudi, der seinen Nachnamen lieber nicht verraten möchte. Der Serbe Danijel Petric, der für eine italienische Spedition unterwegs ist und seinen 40-Tonner seit zwei Monaten quer durch Europa lenkt, stimmt ihm zu. Preisgünstige Discounter - ein schwacher Trost angesichts der Tatsache, dass der 42-Jährige genauso wie Martin, Rudi und auch der neben der erloschenen Glut eines Klappgrills stehende Tomas Maj aus Katowice in Polen ihre Familien oft wochenlang nicht zu Gesicht bekommen. Seine Tochter sei sieben, berichtet Maj in gebrochenem Deutsch. Dass er sie nur alle paar Wochen sieht, empfindet der Lkw-Fahrer als den größten Nachteil seines Jobs, für den er bereits seit zehn Tagen unterwegs ist und der ihn an diesem Wochenende nach Oberfranken geführt hat.

Das Nomadentum auf Raststätten zumindest eindämmen soll nun das sogenannte EU-Mobilitätspaket, auf dessen Inhalt sich das Europäische Parlament im April geeinigt hat. Nach den Europäischen Parlamentswahlen am 26. Mai wird es seinen Weg in die Trilogverhandlungen zwischen EU-Ministerrat und Kommission finden.

Geht es nach der Mehrheit der Parlamentarier, sollen Lkw-Fahrer künftig mindestens alle vier Wochen nach Hause zurückkehren. Das Paket sieht zudem vor, dass die Fahrer ihre vorgeschriebenen Wochenruhezeiten nicht mehr in den Kabinen ihrer Trucks verbringen, sondern beispielsweise in Hotelzimmern, für die ihre Arbeitgeber aufkommen. Neben Lkw-Kabinen aufgestellte Gaskocher und Campinggrills könnten auf der Raststätte Fränkische Schweiz so an Sonntagen bald der Vergangenheit angehören.

Die Lkw-Fahrer Martin und Rudi halten von dem EU-Vorstoß allerdings wenig. Sie können sich nur schwer vorstellen, ein freies Hotelzimmer entlang der Autobahn zu finden. Zudem möchten sie ihre Laster samt Ladung ungern unbewacht zurücklassen. Regelmäßig würden sich Diebesbanden an den Lkw-Planen zu schaffen machen, erzählt Rudi. Ein ohne Fahrer herumstehender Lkw und seine Fracht würden zur leichten Beute, obwohl deutsche Raststätten laut dem Slowaken im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien verhältnismäßig sicher seien.

Auch der Kulmbacher Unternehmer Souza Murrmann, der vor drei Jahren die Geschäftsführung der familieneigenen Spedition übernommen hat, kann sich nicht vorstellen, dass sich die Situation auf deutschen Raststätten durch ein Kabinenübernachtungsverbot während der wöchentlichen Ruhezeit deutlich verbessern würde. Er fordert stattdessen, dass beispielsweise die zuletzt signifikant erhöhten Mauteinnahmen in den Ausbau entsprechender Infrastruktur, wie um Beispiel in adäquate Parkplätze, investiert werden.

Auf der Raststätte Fränkische Schweiz räumt derweil Danijel Petric seine neben dem Führerhaus aufgereihten Kochtöpfe zusammen. Sein italienischer Arbeitgeber zahlt ihm bereits jetzt regelmäßige Übernachtungen außerhalb der Kabine, erklärt er in fließendem Englisch. Während Rudi und Tomas Maj mit den langen Phasen des Unterwegsseins hadern, bewertet der Serbe sein Arbeitsleben als moderner Autobahnnomade deutlich positiver.

Nach zwei Monaten auf der Straße hat er jeweils zwei Wochen frei. Zeit, die er mit der Familie Zuhause verbringen kann, fernab von Campingkochern und den Asphaltwüsten deutscher Raststätten. Nicht mehr lange, und er kann sich von Franken aus auf den Heimweg machen.Jessica Kliem

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