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Trebgast
Kabarett

Wortgewalt und ein kackdreister Vogel: Jochen Malmsheimer zieht in Trebgast alle Register

Eine Busfahrt mit Bildungsauftrag? Das klappt, wenn der Reiseleiter Jochen Malmsheimer heißt. 250 Besucher stiegen in Trebgast zu.
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Mit Furor und unvergleichlichem Tempo hetzt Jochen Malmsheimer seine Figuren aufeinander. Ein Geniestreich!Jochen Nützel
Mit Furor und unvergleichlichem Tempo hetzt Jochen Malmsheimer seine Figuren aufeinander. Ein Geniestreich!Jochen Nützel
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Am Anfang ist das Wort - und ein kackdreister Vogel. Der luftige Urheber unbekannt, das Resultat aber deutlich sichtbar: ein weißer Fleck auf der dunklen Weste des Meisters. In diesem Moment, in dem er sich buchstäblich beschissen fühlen darf, scheint Jochen Malmsheimer das Lied von der Vogelhochzeit kurz uminterpretieren zu wollen, ja ein entscheidendes Komma wegzulassen: "Alle Vöglein sind schon da. Amseln drosseln..." Vielleicht war es aber auch die Lerche. "Das ist mir in 20 Jahren Freiluft-Auftritten noch nicht widerfahren", entfährt es dem Kabarettisten. Es ist immer irgendwie irgendwo irgendwann das erste Mal. Diesmal eben auf der Trebgaster Naturbühne.

Dort nimmt der gebürtige Essener von der türfüllenden Gestalt Platz an einem Tisch. Der wird schnell zum Tischlein-deck-dich, sobald der 56-Jährige zum Vortrag aus seinem Programm "Dogensuppe Herzogin - ein Austopf mit Einlage" anhebt. Silben und Sätze unaufhörlich wie aus einem Füllhorn sprudelnd, kredenzt er den Zuhörern jene Nahrung, die nicht im Magen für Behagen sorgen, sondern im Kopf.

Der Lustwandler des Wortes hat sich diesmal einer Busreise angenommen. Mit seiner Frau. Nach Venedig. Vor dem inneren Auge der 250 Naturbühnen-Gäste, die en passant zu Mitreisenden mutieren, ploppen Abziehbilder der Gesellschaft auf: das verheiratete Windjackenträger-Duo, das vor lauter inniger Innigkeit alles Individuelle hat fahren lassen und sogar im Gleichklang verdaut; die "Handglotze"-Fraktion, die Jugendlichen, deren Smartphone-Kauderwelsch nicht mehr Kommunikation zu heißen verdient; und auch die eigene Gefährtin, die im Schlaf schon mal Clara Schumanns Totenmaske aufträgt.


Der Vokabelberg kreißte...

Weit kommen alle nicht, denn die Reise per se ist nur das Vehikel für das, was Malmsheimer zelebriert: die Lust an der Formulierung und Fabulierung, am Zusammenspannen scheinbar ungelenker Wortkutschen. Er hisst die Segel auf dem Silbendreimaster und bugsiert diesen durch die Stromschnellen des deutschen Vokabulars, das tosend wie liebsäuselnd zugleich sein kann - wenn sich ein Könner seiner bedient. Eine Schatzinsel... ach, was sage ich: ein Atlantis, das täglich neu seiner Entdeckung harrt! Da gehen sogar Städtenamen in Tateinheit mit unschuldigen Infinitivformen eine Melange ein, die selbst Bocuse nicht schmackhafter hätte anrichten könne: "Cochem konnte er nicht, Essen hingegen schon. Aber anstatt sich mit ihr auszusprechen, wollte er viel Leverkusen. Manchmal dachte sie schon: Venedig damals doch nicht getroffen hätte! Dennoch schwebte sie auf Olpe Sieben. Soest die Liebe."

Liebe Mühe hat der, der bei voller Fahrt nur für einen kurzen Moment geistig aussteigt, um wieder den Anschluss zu finden. Denn Malmsheimer wechselt in seinem gesprochenen Parforceritt die Pferde im irrwitzigen Tempo, ohne sich zu vergaloppieren. Schon sind die Passagiere im Traum ausgetauscht gegen die literarischen Helden seiner Kindheit, hocken plötzlich Robin Hood, Odysseus und Pirat Long John Silver, Kapitän Ahab und Jim Knopf mit der kompletten Wilden 13 im Bus. Dazu gesellen sich die drolligen Drillinge von der Rothaut-Fraktion: Winne-Two hat seine Brüder Winne-One und Winne-Three im Schlepptau. Auf die Frage, ob es sich um ein-eiige Drillinge handelt, merkt der Träumende schnell, dass man Amerikas Ureinwohner besser nicht auf deren Gemächtszustand anspricht, denn: Da kennt der Indianer keinen Scherz.


Helden in Strumphosen

Während sich Robin Hood mit dem Sheriff von Nottingham ein Scharmützel um das strumpfbehoste Beinkleid des Bogenschützen liefert, bekommt es Odysseus mit der Angst zu tun, weil er sich vor Sirenen aller Art fürchtet - auf einer deutschen Autobahn durchaus keine Seltenheit. Doch gottlob ist er flugs beruhigt, wähnt er sich doch unterwegs in die Heimat Ithaka (auch wenn Venedig ja eher Richtung Itaker bedeutet...)

Hinter all den geschraubten und gestelzten, kunstvoll gedrechselten wie mundgeblasenen Pretiosen seiner Erzählung steckt Jochen Malsheimers eigentliche Botschaft, die da lautet: Lest! Eröffnet euch die Welt der Fantasie, der Abenteuer und Mythen. Es ist alles bereitet. Und gebt vor allem den Kindern wieder Bücher an die Hand; ermuntert sie zum Schmökern; öffnet ihnen den Zugang zu Geschichten (man möchte hier fast ein "Vermalmsedeit noch mal!" anfügen). Oder wie es der trraumumwölkte Businsasse gegenüber seinen unwirklichen Heroen ausdrückt: "Ihr verlangt von mir, dass ich das in aller Öffentlichkeit vortragen soll, damit die Leute eure Namen wieder hören, sich erinnern und eure Geschichten wieder lesen, damit die Welt einen Hauch besser wird? Habe ich das richtig verstanden?" - Ey ey Käpt'n.


Mit Hintersinn und Mutterwitz

Wer busreist, bildet sich? Vielleicht. Wer liest, tut das ganz sicher, und zwar Herz und Hirn - gerade in modernen Zeiten wie der unsrigen, wo das Perpetuum debile das eigentliche Schwungrad der Welt zu sein scheint. Malsmheimer ist das Paradebeispiel des Widerstands dagegen: Wie er mit Hintersinn, Eleganz, Verspieltheit und einer Titanic-großen Schippe Mutterwitz gleichsam die Matrix seines Anliegens auffächert als Astwerk am Baum der Erkenntnis, von dem alle naschen sollen - das ist seine große Kunst.