Kulmbach
Frauenbewegung

"Wir könnten viel weiter sein"

Sie ist Gründungsmitglied des Vereins "Courage" und seit Jahrzehnten Verfechterin von Frauenrechten: Sabine Kage im Gespräch
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Es ist ein bisschen ruhig geworden um die Frauenbewegung. Das heißt freilich nicht, dass es nicht genügend Themen gäbe: Die Palette reicht von der "#MeToo"-Debatte um sexuelle Selbstbestimmung bis hin zu einer in manchen Branchen immer noch existenten Ungleichbezahlung von Mann und Frau. Die gibt es übrigens bereits seit den 1980er Jahren - eine Zeit, in der sich Sabine Kage aktiv für die Belange ihrer Geschlechtsgenossinnen eingesetzt hat. Was ist davon geblieben, was von den Zielen des Vereins "Courage", zu deren Gründungsmitgliedern die 62-Jährige zählt? Wir haben mit ihr das Rad der Zeit um 30 Jahren zurückgedreht. Frau Kage, sie haben lange in Nordrhein-Westfalen gelebt, unter anderem in Düsseldorf, bevor Sie in den Landkreis Kulmbach kamen. War es in Sachen Frauenbewegung ein Kulturschock? Sabine Kage: Schock nicht, aber mir ist schon aufgefallen, dass die Frauen im gesellschaftlichen Alltag hier weniger vorkamen, auch weniger im Bewusstsein verankert waren als etwa in einer Großstadt. Wenn ich mir damals Fotos in der Bayerischen Rundschau angeschaut habe, musste ich feststellen: Da waren fast keine Frauen drauf. Wie haben Sie sich als Neubürgerin vernetzen können? Ich habe damals während meines Studiums in Bayreuth in Stadtsteinach gewohnt und hatte das Glück, dass sich im Landkreis gerade eine Frauengruppe gründete. Als Gleichgesinnte haben wir versucht, für Frauen einen Raum zu schaffen, sich um ihre Belange auf vielen Ebenen zu kümmern. Da steckten ganz praktische Überlegungen dahinter. Ich fand das gut, weil ich unabhängig von der Universität Leute kennenlernen konnte. Diese Kontakte blieben über die Jahre bestehen, auch als das erste Kind da war. Es war die Zeit, als die Grünen auf der Bildfläche erschienen. In der Oberen Stadt in Kulmbach bezogen wir ein Büro. Das war sozusagen der fließende Übergang bis zur Gründung des Vereins "Courage". Der hatte sich knapp zehn Jahre später wieder erledigt - aber der Hintergrund, der dazu führte, war ein positiver: Unser Angebot, das wir geschaffen hatten, wurde unter anderen von der Volkshochschule aufgegriffen und erweitert. Gab es für Ihren Einsatz für Frauen so etwas wie ein Initialerlebnis? Nein, aber es hängt wohl in gewisser Weise mit meiner Biografie zusammen. Mein Vater ist früh verstorben. Meine Mutter musste meine Schwester und mich allein durchbringen. Es war also normal für uns, dass eine Frau einen Beruf hat und für vieles zuständig ist. Insofern bin ich auch innerhalb der Familie nie auf Widerstände gestoßen, wenn ich mich verwirklichen wollte. Es standen uns alle Möglichkeiten offen. Als angehende Studentin der Biologie, anfangs noch in Düsseldorf, habe ich mich nicht anders als meine männlichen Kommilitonen gefühlt - auch wenn es sicher weniger Studentinnen gab, gerade in naturwissenschaftlichen Fächern.

Bis zur Ausbildung ist es nicht das Problem - der Bruch für Frauen kommt mit dem Kinderkriegen. Ich sehe das bei meinen Töchtern: Jede ist Mutter, und es ist mutig, sich dafür zu entscheiden, denn es verursacht einen Knick in der Biografie. Und dass wir immer noch Debatten führen über "Equal pay", also gleicher Lohn für gleiche Arbeit, empfinde ich als beschämend. Warum hinken wir da hinterher? Wir könnten viel weiter sein, denke ich. Meist bleibt - bei aller Gleichberechtigung - ja trotzdem die Frau zu Hause, oft auch, weil sie das geringere Einkommen erzielt, auf das man zur Not eher verzichten kann. Nun kann man ja fordern: Erhöht doch einfach die Zahl der Krippenplätze, dann können beide Elternteile arbeiten gehen. Ich sehe das als Familien- und Psychotherapeutin aber kritisch. Warum? Wenn man weiß, wie wichtig die ersten drei Lebensjahre in der Entwicklung eines Kindes sind, um eine feste Bindung aufzubauen, und welche gravierenden Konsequenzen eine gestörte Bindung später haben kann - dann ist das in der modernen Berufswelt ein klassisches Dilemma. Man kann vordergründig Berufstätigkeit ermöglichen, aber gesellschaftlich kann daraus ein erheblicher Pferdefuß erwachsen. Ich kenne aus meiner Praxis keinen Burn-out-Betroffenen, dessen Ausgebrannt-Sein nicht auch eine Vorgeschichte in seiner Kindheit hat. Wer an Frauenrechte in den 1980ern denkt, kommt an Alice Schwarzer und ihrer Publikation "Emma" nicht vorbei. War sie für Sie auch eine Vorkämpferin? Ja, ich fand sie toll und beeindruckend. Sie ist natürlich im Laufe der Jahre auf ein normal-menschliches Maß geschrumpft, aber das schmälert nicht ihre Verdienste. Sie hat es ins Bewusstsein gebracht, wie stark die Unterschiede im Ansehen von Mann und Frau doch sind und was Gleichstellung wirklich heißt. Es ist nicht so lange her, da benötigte eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemannes, wenn sie arbeiten wollte - das betraf noch die Generation meiner Mutter. Aber so ein neues Verständnis zu verorten, das braucht einen langen Atem. Wurden Sie schon als Feministin tituliert? Es wurde mir schon nachgesagt, dass ich emanzipiert sei, ja. Ist das Schimpfwort oder Ritterschlag? Als Kompliment war es in den 80er Jahren sicher nicht gemeint. Was kann man den eigenen Töchtern als Frau mit auf den Weg geben? "Du hast alle Freiheiten, das zu tun, was dir entspricht." Aber das sage ich meinem Sohn genauso.

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