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LKR Kulmbach
Corona

Wie heftig traf Corona die Kulmbacher Partnerstädte?

Die Corona-Krise hält die Welt in Atem. Wir haben uns mit Menschen aus den Kulmbacher Partnerstädten über die momentane Situation unterhalten.
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Die Thurnauer Partnerstadt Positano lebt vom Tourismus. Momentan ist der Ort an der Amalfiküste menschenleer. Foto: Vincent Reimann
Die Thurnauer Partnerstadt Positano lebt vom Tourismus. Momentan ist der Ort an der Amalfiküste menschenleer. Foto: Vincent Reimann
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Italien ist von der Corona-Pandemie besonders schwer betroffen. Zwei Kommunen aus dem Landkreis, die Stadt Kulmbach und der Markt Thurnau, unterhalten Partnerschaften mit Städten in Italien. Wir haben uns dort, aber auch im ungarischen Pilisszentivian, Partnergemeinde von Marktleugast, und in der Kulmbacher Partnerstadt Bursa in der Türkei umgehört.

Existenzängste im Touristenort

Heidi Tutino ist eine gebürtige Bayreutherin und lebt seit 1973 in Positano. Im Italienurlaub lernte sie ihren späteren Ehemann kennen und lieben. Beide zogen in den 70er Jahren in die 50 Kilometer südlich von Neapel gelegene "vertikale Stadt". Das Städtchen an der Amalfiküste lebt fast ausschließliich vom Tourismus. Tutino sagt, dass der 3500-Seelen-Ort während der Sommersaison auf 30 000 Bewohner wächst. Viele Positanesen kämpften jetzt mit Existenzängsten, denn je länger die Krise andauere, desto kostspieliger werde es für sie. Viele Hotels hätten mit Stornierung zu kämpfen. Heidi Tutino berichtet, dass es in Positano zwar noch keinen Corona-Fall gibt, sich das Virus jedoch schon in ganz Italien verbreitet habe.

Die gelernte Malermeisterin erklärt, dass viele Süditaliener, die im Norden studieren oder arbeiten, aus Angst vor der Ausgangssperre in den Süden geflüchtet sind. Deshalb gebe es auch schon in Sizilien Corona-Infizierte. Die gebürtige Bayreutherin hat ihre Wohnung seit fast drei Wochen nicht verlassen. Den Einkauf erledigt ihr Sohn für sie. Engpässe bei Lebensmittel gibt es nicht.

Polizei kontrolliert

Heidi Tutino hält sich auch an die Vorschriften, die die italienische Regierung veranlasst hat. "Falls jemand das Haus verlässt, wird er von der Polizei abgefangen", erzählt sie. Es sei unsinnig, nach Schuldigen zu suchen. Das Ziel sei jetzt, die Infizierungen einzudämmen, erklärt die Wahl-Positanesin.

Die Disziplin der Italiener habe sie positiv überrascht. Es sei wichtig, sich an die Informationen und Ratschläge der Regierung zu halten. Die italienischen Medien lieferten ständig neue Infizierten- und Todeszahlen, so Tutino. Man werde förmlich "überfüttert", sagt sie. Deshalb lenke sie sich mit Netflix und Facebook ab.

Die 72-Jährige sagt von sich selbst: "Ich habe kein Talent zur Langeweile." Sie räume ihre Wohnung auf, male, stricke oder unterhalte sich mit Freunden aus Deutschland per Whatsapp und Facebook. Die Ausgangssperre wirke sich zwar nicht gut auf die Figur aus, aber die Natur könne einmal richtig aufatmen, so Tutino. Der Dorfpfarrer habe sich "in einen Muezzin verwandelt" und halte die Predigt vom Kirchenturm ab, lacht sie. Allgemein werde ständig und lautstark gepredigt. Dazu meint Heidi Tutino nur: "Der liebe Gott ist ja nicht taub."

Auch die Bewohner von Positano singen allabendlich von ihren Balkonen und Wohnungen. Sie habe zwar "keine Stimme", aber bei der Nationalhymne singe sie dennoch mit. Sie mache sich Sorgen um Positano, niemand wisse, wie es weitergehe. Den Deutschen attestiert Tutino Blauäugigkeit. Man habe die Situation anfangs unterschätzt. Nun hoffe sie, dass die Menschen vernünftig handeln und sich an die neuen Regeln halten.

Auch in Lugo wird gesungen

In Lugo, der Partnerstadt Kulmbachs in der Emilia Romagna, ist die Lage deutlich prekärer. Deshalb halten sich die Bewohner Lugos an die vom Staat verteilte Ausgangssperre, berichtet Alessandra Montanari, Präsidentin des Partnerschaftskomitees. Wie fast überall in Europa sind auch in der italienischen Kleinstadt die Geschäfte, Schulen und Kindergärten geschlossen. "Die Lugeser verlassen das Haus nur für die nötigsten Besorgungen."

Für die Älteren in der Stadt gibt es einen Einkaufsservice. Denn die Gesundheit der Bevölkerung stehe an erster Stelle, so Montanari. Ähnlich wie in Positano wird auch in Lugo am Abend musiziert und für das medizinische Personal applaudiert. Häufig wird die italienische Hymne gespielt. Die Italiener versuchen, sich mit Durchhalteparolen wie "Alles wird gut!" Mut zu machen.

Die Stadtbibliothek in Lugo hat einen Fotowettbewerb ins Leben gerufen. Die Lugeser sind aufgefordert, dass Leben in Zeiten von Corona festzuhalten. Die Bücherei, das Stadtarchiv und das Baracca Museum veröffentlichen in den sozialen Medien Videos, die es den Bewohnern ermöglichen, sich kulturell weiterzubilden.

Das Krankenhaus von Lugo behandelt mittlerweile Covid-19-Patienten aus der gesamten Region Emilia Romagna. Die Region liegt im stark betroffenen Norden Italiens. Viele Bewohner versuchen, mit Spenden die Krankenhäuser zu unterstützen. Einige haben auch schon angeboten, Schutzmasken und -kleidung zu besorgen, erzählt Montanari. Sie hofft auf das baldige Ende der Corona-Krise und auf ein Wiedersehen mit den Kulmbachern. Bis dahin lässt sie ausrichten, "dass wir es schaffen werden".

In der Marktleugaster Partnergemeinde Pilisszentivan berichtet und der Zweite Bürgermeister vom täglichen Leben in Zeiten von Corona. Laut Adam Brandhuber halten sich die Pilisszentivaner an die Verordnungen. Der 4500-Einwohner-Ort in Ungarn hat zwar noch keinen Corona-Fall, doch auch hier hat man sich auf den Ernstfall vorbereitet. In einigen Nachbargemeinden ist das Virus nämlich schon angekommen.

Pilisszentivan auf "Sparbetrieb"

Auch in Ungarn herrschen Ausgangsbeschränkungen. Die Bürger sind angehalten, wenn möglich von daheim zu arbeiten und das Haus nur für die nötigsten Fälle zu verlassen. So wie in Deutschland sind auch dort Schulen, Unis, Kindergärten und Geschäfte geschlossen. Das Gemeindeamt läuft auf "Sparbetrieb", so nennt das Brandhuber. Angelegenheiten sollen am besten über das Internet oder per Telefon geklärt werden.

In Ungarn haben sich bereits rund 450 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. 15 Ungarn sind Covid-19 schon zum Opfer gefallen. Eine Ausgangssperre wie in Spanien oder Italien gibt es zwar noch nicht, aber Brandhuber geht davon aus, dass sie nächste Woche kommen wird.

Um die älteren Bewohner, die zur Risikogruppe gehören, zu schützen, bietet die Gemeinde Pilisszentivan einen Einkaufsservice an. Jeder, der Hilfe benötigt, kann sich bei der Gemeinde melden. Freiwillige erledigen dann den Einkauf und legen diesen vor die Tür.

Die Menschen in Pilisszentivan haben sich an die Situation "angepasst", meint Brandhuber. Gesangseinlagen wie man sie in Italien sieht, hört man bei ihnen nicht. "Wir sind hier in Ungarn und nicht in Italien. Das Temperament ist ein anderes" sagt der Zweite Bürgermeister. Das fehlende Musizieren könnte auch auf die niedrigen Temperaturen zurückzuführen sein. Denn momentan ist es noch ziemlich kalt, teilweise fällt leichter Schnee. Deshalb hoffen die Ungarn, dass es bald wärmer wird. Hohe Temperaturen sollen eine Verbreitung des Virus nämlich hemmen. Bis dahin halten sich die Pilisszentivaner an die neuen Regeln.

Zwei Tote in Bursa

Die Lage spitzt sich auch langsam in der Türkei zu. Der Arzt Engin Bozkurt aus Bursa erwartet einen dramatischen Anstieg der Infektionszahlen. In der Türkei seien etwa 9200 Menschen mit Covid-19 infiziert, 130 starben schon an dem Virus. In Bursa seien schon zwei Tote zu beklagen, so Bozkurt. Hierbei handele es sich jedoch nicht um offiziell bestätigte Corona-Fälle, ergänzt Bozkurt.

Auch in der Türkei sind Schulen, Unis, Geschäfte und Restaurant geschlossen. Viele Restaurants bieten einen Lieferservice an, um über die Runden zu kommen. Der Arzt macht sich auch Gedanken, wie Bursa die Corona-Krise wirtschaftlich stemmen wird. Zwei große Autobetriebe haben schon die Produktion eingestellt. Im konservativen Bursa haben selbst die Moscheen geschlossen. Menschen werden dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Für Menschen über 65 Jahren herrscht sogar eine Ausgangssperre.

Große Sorgen bereiten dem Arzt die vielen Flüchtlinge. In Bursa seien es allein 200 000, ein großer Teil von ihnen sei auch nicht registriert. Bozkurt verweist auch auf die zahlreichen Flüchtlingscamps, in denen keine medizinische Verpflegung gegeben ist. Präsident Erdogan verkündete vor ein paar Tagen: "Der liebe Gott schützt uns." Das sieht Bozkurt kritisch, denn in den staatlichen Einrichtungen gebe es mehr Angestellte als im Gesundheitswesen.