Wirsberg
Organspende

Wie ein Herz das Leben eines Kardiologen veränderte

Er hat viele Jahre in der Kardiologie gearbeitet. Doch dann wurde der Ossericher Lutz Thoma selber schwer herzkrank.
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Auch sein neues Herz schlägt für Tiere. Lutz Thoma und Hündin  Tamira waren ein Jahr getrennt: Der 62-Jährige aus Osserich litt an einer schweren Herzschwäche, schließlich half nur noch die Transplantation.Jochen Nützel
Auch sein neues Herz schlägt für Tiere. Lutz Thoma und Hündin Tamira waren ein Jahr getrennt: Der 62-Jährige aus Osserich litt an einer schweren Herzschwäche, schließlich half nur noch die Transplantation.Jochen Nützel

Dass Lutz Thoma im Garten in Osserich sitzt, Kaffee mit seiner Frau Chris Harah trinkt und den Kopf der Kleinwagen-großen Wolfshunddame Tamira streichelt, ist ein Wunder. Genauer gesagt: ein Osterwunder. Der 7. April 2018 ist der zweite Geburtstag des 62-Jährigen. An diesem Tag wird ihm in einer siebenstündigen Operation ein Spenderherz eingepflanzt. Das Ende einer Odyssee durch Kliniken und Rehamaßnahmen - von Kulmbach über Augsburg bis Hannover.

Die besondere Note bei diesem Fall: Lutz Thoma hat selber viele Jahre in der Kardiologie gearbeitet. Ein Herzspezialist, der selber herzkrank wird? "Es ist verrückt, aber alles, was ich über das Thema Herzschwäche studiert habe, habe ich an mir festgestellt - nur wollte ich es lange Zeit nicht wahrhaben!" Er selber bezeichnet sich als Workaholic; die Arbeit an einer Rehaklinik in Bischofsgrün stresst ihn, Dienst an Dienst reiht sich, auch an Feiertagen wie Weihnachten, dazu springt er auch für erkrankte Kollegen ein.

2007 fängt sich der Ossericher einen Virus ein, der - wie sich später herausstellt - auf seinen Herzmuskel gegangen ist. "Die Pumpfunktion sank rapide", schildert er die Anfänge der Malaise. Die anfängliche Kurzatmigkeit steigert sich zur veritablen Atemnot, er hat Probleme beim Treppensteigen, schon die kleinste Belastung zwingt ihn in die Knie. Die Hausärztin schreibt ihn krank. Doch als es ihm auch Wochen später nicht besser geht, lässt er sich von einem Kollegen untersuchen. Diagnose: Sein Herz ist bereits so weit angegriffen, dass er nicht mehr als Arzt arbeiten kann. Er wird frühverrentet.

Teufelskreis setzt ein

Das war 2007. Bis zum Februar 2017 kommt er halbwegs klar mit seiner körperlichen Verfassung. "Dann starb meine Mutter. Ich habe zu diesem Zeitpunkt an alles Mögliche gedacht - nur nicht an meine eigene Gesundheit. Dazu kam ein erneuter Infekt." Der Teufelskreis beginnt von vorn. Sein Körper lagert Wasser ein, was das Herz zusehends fordert. "Irgendwann konnte ich nur noch im Stehen schlafen. Ich stand auf, habe mich gewaschen und bin wieder ins Bett. Zu mehr war ich nicht fähig." Ein befreundeter Arzt in Kulmbach schaut sich den Patienten an - und ist alarmiert. Lutz Thoma wird sofort nach Hannover ins dortige medizinische Zentrum zu den Herzspezialisten geschickt.

Zunächst wird ihm eine Herzklappe eingesetzt. Doch es stellt sich heraus: Das Herz ist schon so weit geschädigt, dass er zunächst um die Implantierung einer künstlichen Pumpe nicht herumkomme. "Nicht wenige haben mich da schon aufgegeben", sagt Lutz Thoma. Auf der Eurotransplant-Warteliste für ein Spenderorgan steht er bereits, die Verschlechterung seines Zustands katapultiert ihn weiter nach oben. Kurz nach Ostern muss er auf die Intensivstation. Das Kunstherz ist seine einzige Chance. "Ich habe gesagt, sie sollen noch warten. Ich war mir sicher, ich bekomme ein Herz!"

Und tatsächlich: Am gleichen Vormittag kommt die Nachricht von Eurotransplant: Es ist ein Spenderorgan da! Ein Brite, 58, ist an einem Aneurysma im Kopf gestorben. Mit dem Hubschrauber wird das Organ von der Insel geholt und noch am selben Tag Lutz Thoma implantiert. Seither geht es aufwärts. "Ich habe zum Glück kaum Abstoßungsreaktionen, die Immunsuppression hält sich im Rahmen."

Dass Organspende für den Klinker einmal bedeutend sein würde? "Ich hatte einen Studienfreund mit Niereninsuffizienz, der lange an der Dialyse war und später eine Niere bekam. Da wurde das Thema evident, denn ich bekam direkt vor Augen geführt, wie lebensentscheidend es sein kann, dass diesen Menschen mit einem Spenderorgan geholfen werden kann." Seither hat Lutz Thoma einen Ausweis und ist registrierter Plasmaspender.

Solidarisch - über den Tod hinaus

Seine eigene Rettung verdankt er neben dem medizinischen Können der Ärzte nicht zuletzt der Tatsache, dass sich ein Mann in Großbritannien zu Lebzeiten Gedanken gemacht hat und sich als Spender registrieren ließ. "Wenn ich die Diskussion in Deutschland verfolge, so empfinde ich das bisweilen als beschämend, ja da geht mir das Messer in der Tasche auf." Die Widerspruchslösung (siehe Infokasten), wie sie Gesundheitsminister Jens Spahn in die politische Debatte geworfen hat, hält er für die einzig richtige Lösung.

"Wir sind ein Solidarstaat, in dem einer für den anderen eintritt. Das sollte dann in der Frage der Organspende auch so sein, oder? Es ist nur fair, wenn jeder als potenzieller Spender registriert wird, weil er selber als Betroffener ja auch hofft, dass ihm das Gemeinschaft hilft. Und diese Vorgehensweise entlastet alle: die Angehörigen, weil sie nicht im Angesicht des Todes eines geliebten Menschen noch entscheiden müssen; die Ärzte, die ohnehin mit zu viel überflüssiger Arbeit überhäuft sind. Und auch das Gesundheitssystem an sich, denn die Folgekosten für Dialyse etc. sind gravierend."

Das bedeutet Widerspruchslösung

In Deutschland gilt bei der Organspende seit 2012 die erweiterte Zustimmungslösung. Doch sie soll durch die Widerspruchslösung ersetzt werden. Die besagt: Hat die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister, können Organe zur Transplantation entnommen werden. Das gilt unter anderem in Frankreich, Irland, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn.

Kommentar

Meiner hat Eselsohren und kleine Risse. Gültig ist er trotzdem. Das Papierchen in Visitenkartengröße trägt als Datum den 25. Juni 1997. Seither bin ich potenzieller Organspender. Willentlich! Einschränkungen habe ich keine angegeben, man darf mich im Falle des Todesfalles also "ausschlachten". - Diesen Begriff habe ich oft gehört. Einige wenige hießen mich willkommen im Club und zeigten ihr Kärtchen. Die meisten schüttelten den Kopf. Wie ich mich der Ärzte-Mafia ausliefern könne und/oder wie sich das mit dem christlichen Glauben vereinbaren ließe? Ich stellte jedes Mal zwei Gegenfragen: 1. Wie oft begibt man sich zu Lebzeiten in die Hände von Ärzten, weil es nötig ist? 2. Sollte mich mein Herrgott weniger lieben oder gar strafen, weil ich am jüngsten Tag nicht als Komplettverweser vor ihn trete? In all den Jahren wurde die Organspende im Wechsel mal totgeschwiegen, dann wieder totgeredet (mancher Klinikskandal mag dazu beigetragen haben). Torpediert wurde das System auch im Inneren, als Ethiker und Mediziner eine Diskussion über den Hirntod als Kriterium für den Zeitpunkt der Organentnahme vom Zaun brachen. Das führte zu Verunsicherung bei den Gesunden; man befürchte gar, der Notarzt würde etwa am Unfallort weniger intensiv helfen, um an Organe zu kommen. Was er davon haben soll? Selbstbereicherung? Information statt Angst - wäre mal ein guter Ansatz. Andere machen's vor. Zum Bespiel Österreich, wo seit 1982 die Widerspruchslösung gilt: Jeder ist automatisch Spender, es sei denn, er widerspricht. Mir ist nicht bekannt, dass unser Nachbar zum rechtsfreien Hort des organisierten Organhandels mutierte - umgekehrt nimmt er bei Transplantationen seit Jahren einen Spitzenrang ein, zuletzt mit 92 Eingriffen pro einer Million Einwohner. Hierzulande liegt die Quote bei 46,4!

Darf man da nicht staatlich festlegen, dass sich Bürger ab 18 einmal (!) im Leben mit dem Thema befassen - und Ja oder Nein sagen? Was es im Umkehrschluss bedeutet, sehen wir: Schwerkranke, die oft erst vegetieren und dann krepieren auf den Wartelisten. Jeden Tag drei Menschen. Drei Jahre dieses Spiel, und wir haben die Getöteten der 9/11-Anschläge beisammen. Ohne Terror von

außen, es genügt die brutale Gleichgültigkeit von innen.



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