Kulmbach
Geschichte

Was der große Schwarm Kaiser Wilhelms mit Kulmbach zu tun hat

Catalina von Pannwitz, die mit dem ehemaligen Kulmbacher Bürgermeister Walter von Pannwitz verheiratet war, faszinierte die wilhelminische Gesellschaft.
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Walter von Pannwitz (1856 - 1920) - das Porträt ist seit kurzem auf der Plassenburg zu besichtigen.   Foto: Wolfgang Schoberth
Walter von Pannwitz (1856 - 1920) - das Porträt ist seit kurzem auf der Plassenburg zu besichtigen. Foto: Wolfgang Schoberth
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Als die Besucherin 1907 seine Anwaltskanzlei in der Kaufingerstraße betritt, ändert sich sein Leben schlagartig. Die 31-jährige Catalina Roth ist ungewöhnlich attraktiv, charmant, weltläufig, schwerreich - und eine leidenschaftliche Kunstsammlerin wie er.

Eigens ist sie von Argentinien angereist, um seinen juristischen Beistand gegen ihre eigenen Güterverwalter zu erbitten, die sie hintergehen. Walter von Pannwitz macht sich wenig später auf, um sie vor Gericht in Buenos Aires zu verteidigen. Er gewinnt das Verfahren bravourös. Zurück in München, lässt er sich von seiner ersten Frau, Maria Faber, nach nur vier Jahren scheiden. Ein halbes Jahr später geben sich er und Catalina das Jawort.

Prominenter Strafverteidiger

Prominenter Strafverteidiger Sieghard von Pannwitz - Spross eines aus Schlesien stammenden Uradelsgeschlechts - hat eine kenntnisreiche Biografie vorgelegt. Man spürt ihm die Nähe zu den Personen an. Für ihn ist Pannwitz "Onkel Walter", auch wenn der Verwandtschaftsgrad weit komplizierter ist. Anhand unbekannter Familienunterlagen verdeutlicht er, wie steil die Karriere des Walter von Pannwitz verläuft, nachdem er im Februar 1891 nach nur 548 Tagen als rechtskundiger Bürgermeister von Kulmbach das Handtuch wirft, nach München geht und dort eine Kanzlei eröffnet.

In großen Verfahren macht er sich als brillanter Strafverteidiger weit über die Grenzen Bayerns einen Namen. Sein Durchbruch ist der sensationelle Erfolg vor dem Schwurgericht München, als es ihm gelingt, das schon beschlossene Todesurteil gegen die Giftmischerin Minna Wagner abzuwenden.

Anklage im Auftrag des Kaisers

1899 erhebt er im Auftrag Kaiser Wilhelms II. Anklage wegen "Majestätsbeleidigung" gegen Frank Wedekind, der in der Satirezeitschrift "Simplicissimus" anonym ein kritisches Gedicht veröffentlicht hat. Der Schriftsteller wird zu sechs Monaten Festungshaft auf der Feste Königsstein verurteilt - Pannwitz vom Kaiser zu seinem Justiziar ernannt.

In einem der spektakulärsten Mordprozesse vor dem Ersten Weltkrieg verteidigt er 1901 in Augsburg den Räuber Mathias Kneißl. Allerdings gelingt es auch Pannwitz nicht, den Wildschützen vor der Guillotine zu retten.

Plötzlich ein Millionenvermögen

Wie der Autor zeigt, verläuft das Leben Catalina Roths nicht minder turbulent. Katharina, so ihr Geburtsname, entstammt einer gebildeten Pastorenfamilie aus dem Friesland, die nach Argentinien auswandert. Als erfolgreicher Rinderfarmer bringt es ihr Vater zu einem Imperium. Als er überraschend 1907 stirbt, erbt Catalina ein Millionenvermögen und 35 000 Hektar Land. Sie kann es sich leisten, ihrer großen Passion nachzugehen und Kunst aufzukaufen, vorwiegend aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock.

Spiegelbildlich trifft das auch für Pannwitz zu: der vermögende Staranwalt geht in den Auktionshäusern ein und aus. Sein Hauptinteresse gilt der holländischen Malerei und Meißner Porzellan. Als Catalina 1908 in Pannwitz' bisherige Wohnung in der Prinzregentenstraße einzieht, "vereinigen sich ihre Bestände zu einer Sammlung von europäischem Rang", so urteilt der Verfasser.

Nobel-Adresse im Grunewald

1910 ziehen Catalina und Walter von Pannwitz nach Berlin. Kurze Zeit später wird ihre Tochter Ursula geboren, die ihr einziges Kind bleiben soll. Ihnen gelingt es, inmitten der Villenkolonie im Grunewald ein Stück Bauland an der Brahmstraße zu erwerben. Von dem Münchner Architekten German Bestelmeyer lassen sie sich für die horrende Summe von fünf Millionen Goldmark ein Palais im italienischen Renaissancestil erbauen.

Es ist auf die Unterbringung ihrer üppigen Kunstbestände zugeschnitten. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges können sie einziehen. Das Kriegsgeschehen hält sie nicht davon ab, große Bankette zu geben, bei denen sich der Hochadel und die kulturelle und wirtschaftliche Elite Berlins ein Stelldichein gibt. Wie oft Kaiser Wilhelm II. zu Gast war, lässt der Verfasser offen. Der Hofklatsch, der sich bis heute hält, weiß anderes: 103 Mal soll der Kaiser in der Villa Halt gemacht haben, um "Punni" zu besuchen. Vorwiegend in Abwesenheit des Hausherrn, wie Spötter sagen.

Nach dem verlorenen Krieg und dem Tod ihres Mannes 1920 erwirbt Catalina das Schloss De Hartekamp in Nordholland, um dem ins Exil gegangenen Kaisers nahe zu sein, der wenig entfernt im Haus Doorn residiert. Wilhelm ist mit seiner Entourage über 100 Mal zu Gast bei Empfängen bei Catalina. "Sie lebte auf De Hartekamp einen Stil, der schon seit dem 19. Jahrhundert als ausgestorben galt und sehr zu ihrem legendären Ruf beitrug", kommentiert der Verfasser. "Ihr Vermögen wurde auf über 70 Millionen Reichsmark geschätzt. Sie hatte einen der besten Köche Hollands engagiert und besaß einen erlesenen Weinkeller. Schon nach kurzer Zeit konnte sie an die Berliner Zeit anknüpfen und Hartekamp wieder zu einem Treffpunkt von Kunst, Diplomatie und Aristokratie machen."

Kunsträuber Hermann Göring

Die immer weiter aufgestockte Kunstsammlung hat mittlerweile eine Qualität, die nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 die Nazi-Kunstagenten auf den Plan ruft. Reichsmarschall Hermann Göring erscheint persönlich auf Schloss De Hartekamp. Sein Hauptaugenmerk gilt sieben Spitzenwerken der europäischen Kunst, darunter zwei Rembrandts, Lukas Cranachs "St. Johannes" und "Madonna mit Kind" und Hans von Kulmbachs "Die Geburt Marias". Läppische 390 000 Gulden erhält sie dafür und die Zusicherung, "das Gut werde unbesetzt von deutschen Soldaten bleiben und sie erhalte ein Visum zur Ausreise in die Schweiz".

Nach dem Krieg verzichtet Catalina trotz des Zwangsverkaufs auf Restitutionsansprüche. Sie stirbt 1959, 82-jährig, in Zürich und wird der Seite ihres Mannes auf dem Stahnsdorfer Friedhof bei Potsdam beigesetzt.

Ehrenplatz für Onkel Walter

"Nach einigem Hin und Her entschied der Kulmbacher Stadtrat, dass für Walters Porträt schnellstens ein Platz in der Reihe der Bürgermeister gefunden werden müsste. Die Stadt kam in Zugzwang, da ich angeboten hatte, das Gemälde selbst käuflich zu erwerben, damit es nicht länger in einem Depot verstaubte", schreibt Sieghard von Pannwitz.

Man spürt den Zeilen die Genugtuung an, dass ein bedeutender Repräsentant der Familie einen Ehrenplatz in der Bürgermeister-Galerie des Landschaftsmuseums Obermain gefunden hat.

Beim Aufbau des Museums 2003 hatte der Kunsthistoriker Wolfgang Mössner vierzehn Porträts ausgewählt (das erste stammt von Bürgermeister Heinrich Rüger von 1590), Pannwitz jedoch im Depot gelassen.

Zeitlich gehörte es zwischen Karl Rosenkranz (bis 1887) und Wilhelm von Flessa (ab März 1891). Seit März diesen Jahres ziert das Brustbild die Galerie der Stadtoberhäupter im ersten Stock.

Das Gemälde stammt von Alfred Schwarz, dem Hofmaler Kaisers Wilhelm II. Vermutlich hat er es Walter von Pannwitz in seinen Berliner Jahren der Stadt Kulmbach als Geschenk zukommen lassen - trotz seiner durchwachsenen Erfahrungen.

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