Kulmbach
Stadtgeschichte

Warum Kulmbachs vergessener OB frustriert das Handtuch warf

Walter von Pannwitz war einer der prominentesten Strafverteidiger Deutschlands, ein enger Vertrauter Kaiser Wilhelms II. und OB von Kulmbach.
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Das ehemalige Palais Pannwitz. Modezar Karl Lagerfeld ließ die Villa im Grunewald in ein Fünf-Sterne-Hotel umbauen. Viele Prominente nahmen und nehmen in dem Luxus-Domizil Quartier, darunter die Rolling Stones, Paul McCartney, US-Präsident George Bush oder die deutsche Fußballnationalmannschaft. Romy Schneider heiratete in dem Haus gleich zweimal. Schlosshotel Grunewald
Das ehemalige Palais Pannwitz. Modezar Karl Lagerfeld ließ die Villa im Grunewald in ein Fünf-Sterne-Hotel umbauen. Viele Prominente nahmen und nehmen in dem Luxus-Domizil Quartier, darunter die Rolling Stones, Paul McCartney, US-Präsident George Bush oder die deutsche Fußballnationalmannschaft. Romy Schneider heiratete in dem Haus gleich zweimal. Schlosshotel Grunewald
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Das Jahr 1891 begann mit einem Knall im Kulmbacher Rathaus: Während der ersten Sitzung des Magistrats am 7. Januar wird ein förmliches Schreiben von Oberbürgermeister Walter von Pannwitz verlesen, in dem er lapidar mitteilt, er werde sein Amt zum 1. Februar niederlegen. Damit endet nach exakt 548 Tagen die kürzeste Amtszeit eines Stadtoberhaupts in der Geschichte Kulmbachs, geprägt von falschen Erwartungen und Enttäuschungen.

Karl Rosenkrantz trat nach 24 Jahren zurück

Dabei war der Anfang hoffnungsvoll. Nachdem Bürgermeister Karl Rosenkrantz 1887 nach 24 Dienstjahren krankheitsbedingt sein Amt niedergelegt hat, suchen die Kulmbacher händeringend nach einem Nachfolger. Erst knapp zwei Jahre später - in der Zwischenzeit versieht der Kaufmann und Magistratsrat Fritz Jahn die Amtsgeschäfte - wird man fündig.

Mehr noch: Man glaubt mit dem als Rechtskonzipient in einer Nürnberger Anwaltskanzlei angestellten Walter Graf von Pannwitz einen idealen Kandidaten gefunden zu haben. Der Einser-Jurist stammt aus einem oberlausitz-schlesischen Uradelsgeschlecht, ist vermögend, kunstsinnig, weltläufig, mit vielen Spitzen der Politik bekannt.

Kein Provinzstädtchen mehr

Dass er sich auf Verwaltungsrecht und Verwaltungsprozessrecht spezialisiert hat, macht ihn aus Sicht des Stadtmagistrats doppelt attraktiv für die großen Herausforderung, vor der Kulmbach 1889 als frischgebackene freie Kreisstadt steht.

Man möge sich erinnern: Kulmbach, die einstige Residenzstadt des obergebirgischen Fürstentums, leidet seit seiner Zugehörigkeit zu Bayern 1810 darunter, zu einem Provinzialstädtchen zweiter Klasse herabgestuft worden zu sein: Die Selbstverwaltung wurde eingeengt, Behörden wurden abgezogen, staatliche Umlagen beschränkt, das Schulwesen verschlechtert.

Nachdem ab den 1830er Jahren durch den Aufschwung der Brauereien die Wirtschafts- und Steuerkraft, vor allem aber auch das Selbstbewusstsein der Fabrikanten enorm angestiegen waren, wuchs der Unmut über den minderen Status ihrer Stadt. Ab 1868 betrieben die Unternehmer vehement die Aufnahme Kulmbachs in das Lager kreisunmittelbarer Städte.

Es dauerte 20 Jahre, bis sich die beiden Rathaus-Gremien verständigten, den Antrag an das bayerische Innenministerium zu stellen. Am 5. April 1889 gab Prinzregent Luitpold dem Gesuch statt. Kulmbach sollte zum 1. Januar 1890 kreisunmittelbare Stadt werden, also nur noch der Regierung von Oberfranken in Bayreuth unterstehen. In dieser schwierigen Übergangszeit übernimmt von Pannwitz die Amtsgeschäfte. Am 21. Juli 1889 wird er von beiden städtischen Gremien einstimmig gewählt und eine Woche später mit großem Bahnhof empfangen. In den Festreden preist man ihn als Hoffnungsträger, fast schon als Heilsbringer. Doch die anfängliche Euphorie der besitzenden Schichten und wohl auch des neuen Oberbürgermeisters selbst weicht bald der Ernüchterung. Pannwitz, der als Vertreter der Stadt in den oberfränkischen Landtag (heute Bezirkstag) entsandt wird, wird dort ständig ausgebremst.

Zoff mit Nachbarstädten Forchheim und Lichtenfels

Ein Beispiel für viele: Sein Zuschuss-Antrag für den mit 319 000 Mark veranschlagten Realschulbau (später MGF-Gymnasium) wird 1890 von den Vertretern aus Lichtenfels und Forchheim abgeschmettert. Ihre Begründung: Kulmbach sei eine vermögende Stadt. Da nützt es auch nichts, dass er ihnen entgegenhält, es gebe in Kulmbach nur ein Dutzend wirklich reicher Leute.

Der Historiker Erwin Herrmann spricht in seiner "Geschichte der Stadt Kulmbach" von einem regelrechten "Städtekrieg" der konkurrierenden Nachbarn. Noch enervierender für Pannwitz sind die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Rathaus-Gremien Magistrat und Gemeindekollegium. Der Grund liegt in ihrer sozialen Zusammensetzung und unterschiedlichen Interessenlage. Während Pannwitz mit dem liberalen und industriefreundlichen Magistrat an einem Strang zieht, liegt er mit dem Gemeindekollegium nicht selten im Clinch. Deren sieben Vertreter sind vorwiegend Geschäftsleute, Handwerker, zunehmend auch Kleinbürger.

Streit um ein Waisenhaus

Sie bremsen beim Ausbau der Stadt, da sie eine Verschuldung befürchten, die auf das Gewerbe abgewälzt werde.

Vor allem bei Investitionen im Bildungsbereich zeigen sie sich unwillig: Trotz Schwund der alten Lateinschule (nur noch 47 Schüler in den sechs Klassenstufen) verweigern sie sich am 13. Juli 1890 dem zügigen Bau der Realschule. 1903 stimmen sie gegen den Beschluss des Magistrats, in der Blaich eine Schule zu errichten. Erst nach schwierigen Verhandlungen geben sie Gelder frei. 1904 nimmt die restriktive Haltung der Gemeindevertreter sogar unsoziale Züge an: Sie sperren sich gegen den Neubau eines Waisenhauses in der Mittelau. Ihre Begründung: Der Stadtmagistrat werde die Waisenhauszöglinge verwöhnen und für das spätere Leben unbrauchbar machen.

Vor Top-Karriere

Anfang 1891 muss von Pannwitz eingesehen haben, dass er für einen Kleinkrieg im Rathaus und das Gerangel im Bezirk nicht der richtige Mann ist. Kurz entschlossen beendet er seinen Ausflug in die Politik. Als sein Nachfolger wird schon am 2. März Wilhelm Flessa gewählt. Der populäre Flessa bleibt 29 Jahre, bis 1920, in dieser Funktion.

Walter von Pannwitz geht nach München und eröffnet eine Anwaltskanzlei. Schon kurze Zeit später genießt er den Ruf eines glänzenden Strafverteidigers. Prominente scharen sich um ihn, um von ihm vor Gericht vertreten zu werden. Als 1901 einer der spektakulärsten Mordprozesse des Königreichs Bayern ansteht, der Fall des Räubers und Wildschützen Mathias Kneißl, wird er zum Verteidiger bestellt. Es wird sein größter Fall.

1908 heiratet Pannwitz in zweiter Ehe eine seiner früheren Mandantinnen: Catalina Roth, 20 Jahre jünger als er, passionierte Kunstsammlerin mit umfangreichen Ländereien in Argentinien. Mit ihr zieht er zwei Jahre später nach Berlin und lässt im Grunewald für fünf Millionen Goldmark ein Palais erbauen, in dem auch die gemeinsame Gemäldesammlung untergebracht wird. Häufiger Gast in der Villa ist der Deutsche Kaiser Wilhelm II., für den Pannwitz auch als Justiziar tätig ist.

Der Berliner Hofklatsch fantasiert sich eine Liebschaft zwischen dem Monarchen und der attraktiven Catalina zusammen. Als Wilhelm 1918 ins Exil nach Holland geht, folgt ihm das Ehepaar Pannwitz und erwirbt das Schloss De Hartekamp in der Nähe. Es wird zum Treffpunkt der europäischen Aristokratie.

In seiner Berliner Zeit lässt sich Pannwitz von Alfred Schwarz porträtieren. Er ist der Hofmaler des Kaisers, bekannt und geschätzt in der wilhelminischen Gesellschaft. Das lebensgroße Brustbild zeigt ihn als kraftvolle Erscheinung im sechsten Lebensjahrzehnt. Vermutlich hat es Pannwitz der Stadt Kulmbach zukommen lassen. Es befindet sich heute im Depot des Landschaftsmuseums Obermain auf der Plassenburg.

Lücke in der Ahnengalerie

Warum das Kunstwerk nicht in die Bürgermeister-Galerie im ersten Stock zwischen dem Amtsvorgänger Rosenkrantz und dem Nachfolger Flessa hängt, ist rätselhaft. Der frühere Kunsthistoriker Wolfgang Mössner hat bei dem Ausbau des Museums 2003 die Auswahl so getroffen. Die Episode Pannwitz ist gewiss kein Ruhmesblatt für Kulmbach, doch einen Hochkaräter wie ihn sollte man nicht aus der Geschichte der Stadt tilgen.



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