Kulmbach
Entdecker-Tour (83)

War der Zinsfelder in Kulmbach ein Held oder ein Roland?

Der alte Herr Zinsfelder auf dem Holzmarkt ist einer der meistfotografierten Kulmbacher. Wer der Mann wirklich war, bleibt umstritten.
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Der Zinsfelder auf dem Brunnen auf dem Kulmbacher HolzmarktFoto: Erich Olbrich
Der Zinsfelder auf dem Brunnen auf dem Kulmbacher HolzmarktFoto: Erich Olbrich
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Ein betagter Herr, Zinsfelder genannt, ist einer der meistfotografierten Kulmbacher. Obwohl er im November bereits seinen 358. Geburtstag feiern kann, ist er fotogen geblieben. Etwas untersetzt, mit wallender Haarpracht und einem Schnurr- und Knebelbart, blickt er stolz auf seine Kulmbacher und den Holzmarkt.


Eine etwas eigenartige Kostümierung


Angezogen hat er sich wie ein römischer Feldherr, allerdings mit einem kleinen Hinweis auf einen spätmittelalterlichen Fähnlein-Führer. Er zeigt nackte Arme und Beine, ist aber angetan mit Stulpenstiefeln und Lederwams. Diese etwas eigenartige Kostümierung passt genau in den Zeitgeist des Barock.

Die Stadtfahne trägt er um seinen rechten Arm, mit der rechten Hand umfasst er einen kurzen Spieß - oder sollte es ein abgebrochener Fahnenschaft sein? In seiner linken Hand hält er ein mit Engelsköpfen bekröntes Stadtwappen.


Achtseitiges Becken


Etwas Besonderes ist die Säule im achtseitigen Brunnenbecken. Der Bildhauer hat in den Sandstein eine Fülle an Ornamenten im sogenannten Knorpel- oder auch Ohrmuschelstil eingearbeitet, der im 17. Jahrhundert verwendet wurde.

Dargestellt sind die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Flora, die Göttin des Frühlings, wird von wogenden Nebelschwaden getragen. Ihr Kopf ist geschmückt mit frischem Grün und Blumen.


Die vier Jahreszeiten


Der Bacchus als Sommer wird von Weinreben umrahmt. Die überkreuzten, zum Zurückschneiden der Rebstöcke verwendeten Hippen geben einen Hinweis auf den Weinbau um Kulmbach.
Über Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit, zeigt sich der Künstler selbst als Wandersmann. Diese Darstellung des Herbstes ist voll mit Früchten, Ähren und Blumen. Ein Zugvogel kündigt den nahenden Winter an.

Der Winter präsentiert sich mit wärmender Perücke - und, da man schlecht sieht, wenn es früh finster wird, auch mit Brille. Geisterhaft liegt ein Totenkopf auf der Bibel, daneben steht eine Kerze als Lichtspender. Über dem Haupt zeigen sich Feuer und Rauch.

Geboren wurde der Entwurf des Zinsfelders am 26. März 1660 in den Werkstätten von Hans Georg Schlehdorn. Bereits im November 1660 war er fertiggestellt.

Als Lohn erhielt der Künstler 200 Gulden und zwölf Reichstaler. Schlehdorn wurde 1616 in Rudolstadt geboren und kam 1644 nach Kulmbach. 1654 erhielt er hier das Bürgerrecht. Er verstarb 1672.
Die farbige Gestaltung übernahm der Kunstmaler Lorenz Reinecke für zehn Gulden.


Wer war er wirklich?


Wen könnte der Zinsfelder wohl darstellen? Hier sehen die Historiker unterschiedliche Möglichkeiten:

In einer Sage (siehe unten) wird der Zinsfelder als tapferer Held gefeiert, der die Stadtfahne gegen eine Übermacht der Feinde gerettet hat. Interessant ist, dass es im Dreißigjährigen Krieg einen Samuel Zierfelder in Kulmbach gegeben hat.

Eine andere Ansicht sieht in der Figur den Markgrafen Albrecht III. Achilles, der hier als Streiter gegen die Nürnberger verherrlicht wird. Man glaubt, dass die Tracht eines römischen Imperators für einen einfachen Landsknecht zu viel der Ehre gewesen wäre.

In einer sehr wahrscheinlichen Vermutung wiederum wird der Zinsfelder als ein fränkischer Markt-Roland bezeichnet. Roland war ein beim Volk sehr beliebter Ritter Karls des Großen. Roland-Statuen als Symbol für Bürgerfreiheit und Marktrechte wurden in vielen Städten aufgestellt. Gezeigt wird möglicherweise das Abbild eines Stadtknechts, der an den Markttagen Zins und Zoll von den Marktbesuchern erhob.


200 Jahre vor dem Rathaus


Diese letzte Vermutung ergibt sich auch daraus, dass der Zinsfelder-Brunnen über 200 Jahre vor dem Rathaus stand. Mit dem Bau der Wasserleitung im Jahr 1869 wurde er abgebrochen und ging in den Besitz des Brauers Christian Pertsch über.

Dieser ließ ihn in seiner Reuth, in der Kalten Marter, wieder aufstellen. Sein Schwiegersohn, der Studienprofessor Hans Günther, übergab ihn 1935 anlässlich der 900-Jahr-Feier kostenfrei an die Stadt Kulmbach.


Inschrift für Schenkung


Als Gegenleistung übernahm die Stadt Kulmbach die Pflege der südöstlichen Böschung der Reuth an der Kalten Marter und verpflichtete sich, am Brunnen folgende Inschrift anzubringen: "Von Christian Pertsch 1874 Seiner Vaterstadt erhalten, von Einem Nachkommen 1935 der Heimatstadt zurückgegeben."

Auf dem Holzmarkt hat der Zinsfelder, anstelle der Siegfried-Säule, mit einem neuen Brunnenbecken seinen heutigen Platz gefunden.


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