Kulmbach
Themenwoche Wahrheit

Wahrheit in der Medizin: Wie sag ich's meinem Patienten?

Bei schwerwiegenden Diagnosen die richtigen Worte zu finden, ist eine schwierige Aufgabe. Medizinethiker Thomas Bohrer hat dazu eine klare Haltung.
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Medizin und Philosophie gehören für Professor Thomas Bohrer eng zusammen. Der leitende Arzt für Thoraxchirurgie am Kulmbacher Klinikum lehrt dieses Fachgebiet an der Universität Würzburg.  Foto: Archiv/Timo Stöhr
Medizin und Philosophie gehören für Professor Thomas Bohrer eng zusammen. Der leitende Arzt für Thoraxchirurgie am Kulmbacher Klinikum lehrt dieses Fachgebiet an der Universität Würzburg. Foto: Archiv/Timo Stöhr
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Frank K. (Name geändert) hat ständig Kopfschmerzen, geht zum Arzt. Es wird eine Computertomografie des Kopfes veranlasst, zur Besprechung ein Termin beim Neurologen in einem Krankenhaus vereinbart. Der Pförtner empfängt den 35-Jährigen mit den Worten: "Ah, Sie sind der Patient mit dem Hirntumor." Schockstarre. Der Familienvater hatte noch keine Ahnung von seiner Diagnose, seine Welt bricht zusammen.

Jedes Schicksal ist anders

"Sowas ist eine Katastrophe", sagt Thomas Bohrer, seit zwei Jahren Leitender Arzt der Klinik für Thoraxchirurgie am Klinikum Kulmbach. Ein Ext rembeispiel, aber so etwas kommt vor. Der 53-Jährige hat selbst schon oft harte Wahrheiten vermitteln müssen. Die Diagnose einer schweren Krankheit mit geringen oder keinen Chancen auf Heilung stellt das Leben des Betroffenen und seiner Angehörigen auf den Kopf. In dieser Situation die richtigen Worte zu finden, ehrlich zu sein, ohne den Patienten in die Verzweiflung zu stoßen, ist eine schwierige Aufgabe und eine große Verantwortung.

"Es gibt dafür keinen Leitfaden, denn jeder Fall, jedes Schicksal ist anders. Das Wichtigste ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden", sagt Thomas Bohrer. Dazu gehört, sich Zeit zu nehmen, in Ruhe den Befund zu besprechen, vorher die Lebenssituation des Patienten möglichst genau zu kennen. Warum? "Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Information selbst und der Bedeutung dieser Information für den Einzelnen." Ein Beispiel macht das deutlich: Ein 85-Jähriger und ein 28-Jähriger haben den gleichen Lungentumor, aber der eine hat sein Leben gelebt, der andere hätte es eigentlich noch vor sich...

Da ist seitens des Arztes viel Gespür gefordert, sagt Bohrer. Nebenbei auf dem Krankenhausflur oder bei der Visite schlechte Nachrichten zu verkünden, das geht gar nicht.

Für den Kulmbacher Chefarzt, der als Professor an der Universität Würzburg Medizinethik und Medizinphilosophie lehrt und der vor zehn Jahren das Würzburger Philosophicum ins Leben gerufen hat, ist Wahrheit eng mit Wahrhaftigkeit verknüpft. So führt das Gespräch zuerst zur Frage: Was ist eigentlich Wahrheit?

Empathie und Vertrauen

In der Medizin wird die Wahrheit in der Regel mit der Expertenmeinung gleichgesetzt. "Unsere Tätigkeit ist dem Wissen verpflichtet", sagt der 53-Jährige. Doch die reine Sachebene ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Emotionen spielen eine wichtige Rolle, Empathie, Vertrauen.

Die Wahrhaftigkeit des Arztes kommt in seinem Verhältnis zur Wahrheit zum Ausdruck, sagt Bohrer: "Was denke ich, wenn ich jemandem die Wahrheit erkläre?" Es geht um die Übereinstimmung der Aussagen des Arztes mit seiner Überzeugung. Unwahrhaftig wäre demnach, dem Patienten am Lebensende falsche Hoffnungen zu machen. Genauso falsch wäre es aber, ihm jede Zukunftsperspektive zu rauben. Gemeinsam müsse man versuchen, die bestmögliche Lebensqualität für die noch verbleibende Zeit zu erreichen.

Thomas Bohrer erinnert sich an einen jungen Mann mit einem unheilbaren Tumor, der plante, in zwei Jahren seine Freundin zu heiraten. "Machen Sie es jetzt", riet er ihm damals. "Auch das hat mit Wahrhaftigkeit zu tun: Würde ich für mich selbst auch so entscheiden?"

"Ein gutes Gespräch braucht Zeit. Und daran hapert es in unserem Gesundheitssystem", sagt der Professor. "Das Arztgespräch ist in unserer Vergütungsverordnung leider nichts wert. Wir sind stark auf Technik fokussiert. Aber die Anamnese ist mindestens genauso wichtig. Wir operieren zu viel und sprechen zu wenig."

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Kanada. Dort ist ein ausführliches Arzt-Patienten-Gespräch Pflicht. Thomas Bohrer findet das sinnvoll: "Es ist zwar erst einmal ein hoher Zeitaufwand, doch letztlich erspart das oft unnötige Diagnostik und Therapien."

Im Gespräch spürt ein erfahrener Arzt, wie viel der Kranke wissen will, was ihm wichtig ist. Am Ende gilt es, die Wünsche des Kranken zu respektieren: "Es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen!" Freilich bedeutet, das, dass der Arzt dann keine Therapie empfehlen kann.

Doch in der Regel will der Patient wissen, wie es um ihn steht, meist verbunden mit der Frage, wie lange er noch zu leben hat. Solche Prognosen sieht Thomas Bohrer allerdings sehr kritisch: "Da gibt es keine Sicherheit. Dessen müssen wir uns immer bewusst sein."

Obwohl es im Alltag oft nicht einfach ist, versucht der Professor umzusetzen, was er lehrt: "Ich nehme mir viel Zeit für meine Patienten." Zu seinem Leitspruch hat er ein Zitat von Max Frisch gemacht: "Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen."

Ethik-Komitee für Kulmbach

Seine Erfahrungen im Bereich Medizinethik möchte der 53-Jährige künftig auch in Kulmbach verstärkt einbringen. "Wir werden deshalb bald auch bei uns am Klinikum ein Ethik-Komitee ins Leben rufen." Was wird dessen Aufgabe sein? "Es geht um Fortbildung, Fallbesprechungen unter ethischen Aspekten und Beratung für Patienten und Angehörige."

Beistand in seelischer Not: Trauern, trösten, beten

Krank ist nie nur ein Organ, Krankheit betrifft den ganzen Menschen, sagt der katholische Seelsorger Marc May, der sich mit seinen Kollegen, den evangelischen Pfarrern Christian Schmidt und Michael Müller, um die Patienten des Klinikums Kulmbach und der Fachklinik Stadtsteinach kümmert. Dabei stehen die Geistlichen insbesondere denen in ihrer seelischen Not bei, die sich mit schwerwiegenden Diagnosen konfrontiert sehen.

Wie erlebt der Pastoralreferent diese Situationen? Wie kann er Patienten und Angehörigen helfen? "Zuhören können und da sein, ist wichtig", sagt er. "Wir trauern mit. Aber wir reden auch über den Glauben, über Hoffnung, über Gott." Die Kranken suchen Trost und inneren Frieden. Manche sind verzweifelt, kämpfen mit Gedanken an Versäumtes, verpasste Chancen, Schuldfragen. "Es ist nötig, den Fragen, Zweifeln und Nöten Raum zu geben, indem man sie zulässt."

Für viele Menschen spiele der Glaube eine wichtige Rolle auf der Suche nach Halt. Ein schnelles Bibelzitat als Allheilmittel - das sei der Situation nicht angemessen. "Doch als Geistliche versuchen wir natürlich zu vermitteln, dass Gott für die Menschen da ist, dass dieses Leben nicht alles, nicht das Ende ist."

May macht immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, denen es schlecht geht, beten wollen. Wir beten mit ihnen, segnen sie, sind für sie da."

Dieses tägliche Erleben hinterlässt auch beim Klinikseelsorger Spuren. "Mein Blick auf das Leben hat sich in den zwei Jahren, in denen ich am Klinikum arbeite, schon verändert", sagt er. "Ich gewichte mehr als früher, was wirklich wichtig ist im Leben."

Hilfe gibt es nicht nur von den drei Geistlichen. Rund 20 ausgebildete Ehrenamtliche engagieren sich im ökumenischen Besuchsdienst.

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