Stadtsteinach
Wald

Von Stadtsteinacher Wäldern in die Samenbank

Herbstzeit ist Erntezeit. Hochsaison für alle Landwirte und Obstbauern. Doch auch in einigen Wäldern herrscht emsiges Treiben. Rund um die Nordeck bei Stadtsteinach zum Beispiel, wo Netze auf dem Waldboden auf kaum bekannte Arbeiten hinweisen.
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Die Bucheckern sind optisch eine Augenweide - schön groß und prall. Doch der Schein trügt: Die Hälfte ist leer - Experten nennen es "taub". Foto: Sonja Adam
Die Bucheckern sind optisch eine Augenweide - schön groß und prall. Doch der Schein trügt: Die Hälfte ist leer - Experten nennen es "taub". Foto: Sonja Adam
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Mitarbeiter einer Kieler Spezialfirma waren damit beschäftigt, Bucheckern zu ernten, um Saatgut für Neupflanzungen zu erhalten. Sie haben ihre Tätigkeit mittlerweile beendet, doch für Andreas Büchner vom Pflanzgarten der Bayerischen Staatsforsten in Bindlach fängt die Arbeit jetzt erst an.

Die Netze, die Spaziergänger rätseln ließen, sind schon wieder eingeholt und lagern als dicke Ballen abholbereit im Wald. Daneben steht eine Maschine, die Blätter und Fruchtbecher von den Buchecker-Kernen trennt. Vier Säckchen, prall gefüllt mit den dreikantigen Bucheckern sind die Ausbeute 2014.

"Das sind 64 Kilo", wiegt Gerhard Lutz vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und trägt das Ergebnis in ein Zertifikat ein. Doch die Dokumentation geht noch weiter. Die Bucheckern stammen von der Nordeck und bekommen die bayerische Kennzahl 091.
Die weiteren Ziffern stehen für die Baumart, die 810 steht zum Beispiel für die Rotbuche. Auch die genaue Herkunft vermerkt Gerhard Lutz akribisch auf dem Stammzertifikat. Er notiert für die "Region Frankenwald/Fichtelgebirge bis 600 Höhenmeter" die Folgeziffer 11.

Ein wichtiges Qualitätsmerkmal allerdings ist die letzte Ziffer. "Die 2 bedeutet, dass die Bäume ganz normal von selbst im Wald gewachsen sind. Wenn hier eine 3 stehen würde, wüsste man, dass die Bäume aus einer Samenplantage stammen" erklärt Andreas Büchner die Details.

Die 64 Kilo Bucheckern sind die Ausbeute der Ernte einer 4,3 Hektar großen Fläche, auf der die Bäume zwischen 1900 und 1924 gepflanzt worden waren.

Dass überhaupt Bucheckern rund um die Nordeck geerntet werden können, ist nicht selbstverständlich. Denn um ein Haar wären die Nordeck-Buchen den strengen Qualitätsanforderungen der Bayerischen Staatsforsten zum Opfer gefallen.

"Da oben sind einige Zwiesel", erklärt Büchner und meint damit Bäume, bei denen Gabelungen ausgetrieben haben. eigentlich ein Ausschlusskriterium für eine Ernteregion. "Auffällig ist, dass diese Zwiesel nur in einer bestimmten Höhenlage vorkommen. Das weist darauf hin, dass sie durch Schneebruch entstanden sind. Das ist kein genetischer Defekt", erklärt Andreas Büchner.

"Ich habe schon Weihnachten gesehen, dass die Knospen groß sind und dass es ein ganz gutes Buchenjahr werden wird", sagt der Bindlacher Experte. Nur alle drei bis sieben Jahre gebe es eine "Vollmast", wie gute Erntejahre genannt werden. Buchen produzieren ihre Früchte übrigens erst im Alter von 40 bis 80 Jahren. Besonders üppig sind die Ernten in warmen Jahren. Während der Ernte sollte es nicht nicht regnen.

Anfang Juli werden alljährlich die Bestände ausgesucht, in denen geerntet werden soll. "Aber der April war sehr trocken. Viele Keimlinge haben sich nicht entwickeln können. Deshalb haben wir viele hohle Bucheckern dabei", sagt Büchner. Als Hoheitsbeauftragter macht Gerhard Lutz die Probe aufs Exempel. Er zieht eine Stichprobe von fünfzig Bucheckern aus den Säcken und kontrolliert, wie viele davon hohl sind. "Fünfzig Prozent sind taub", sagt Lutz und vermerkt auch dieses Detail auf dem Stammzertifikat.

Doch die Ausbeute ist dennoch gut. Ralf Stölting aus Kiel, einer der führenden Samenexperten Deutschlands, sei gerade im Süden der Repubklik unterwegs, dort sei der Anteil der "tauben" Bucheckern noch viel höher.
Um auch für die Zukunft dokumentieren zu können, woher die Bucheckern stammen, wird eine Rückstellprobe gezogen und verplombt. Ziel dieser Maßnahme ist es, ausschließen, dass ausländische Buchen "untergemischt" werden.

"Erfahrungswerte zeigen, dass wir aus einem Kilo Bucheckern maximal 500 Pflanzen ziehen können", sagt Büchner. Für ihn geht die Arbeit jetzt erst richtig los. Das Saatgut muss stratifiziert, also kältebehandelt, werden. "Wir haben bei allen Waldbäumen eine natürliche Keimhemmung. Das heißt, wir müssen jetzt einen Winter simulieren und die Samen hundert Tage bei vier Grad lagern. Im Februar stecken wir dann 20 Buckeckern in einen Blumentopf, und wenn alle keimen, ist es gut", erklärt Büchner das weitere Vorgehen.

Ab Mai werden dann die Samen im Freiland ausgesät, und die Nordeck-Buchen werden kultiviert.

Derzeit werden im Wald allerdings nicht nur Buchen geerntet, sondern auch Ahorn-Bäume. "Der Ahorn wird aber von einem Zapfenpflücker geerntet oder geschlagen", erklärt Büchner. Dieses Verfahren sei nicht so einfach. Denn die Samen würden auch bei geringem Wind sehr weit fliegen. "Deshalb kann die Ahornernte nur bei absoluter Windstille durchgeführt werden."

Gepflückt werden im Herbst auch Douglasien-, Fichten- und Tannenzapfen. Auch Eicheln werden zur Vermehrung gesammelt. "Wir haben in diesem Jahr ein hervorragendes Eichenjahr. Ich habe einen Stileichenbestand in Himmelkron gesehen, der soll auch beerntet werden", hat sich Büchner schon umgeschaut.
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