Kulmbach
Brauereigeschichte

Vom Aufstieg und Fall der Ersten Kulmbacher

Dank einer zukunftsweisenden Vertriebspolitik war die EKU in den Sechzigern die Nummer 1 in der Bierstadt. Am Ende stand die Insolvenz.
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Die EKU hatte ihren Ursprung in der Stadtmitte zwischen Klostergasse, Webergasse, Sutte und der Grabenstraße. Das Bild zeigt das imposante Verwaltungsgebäude.  Repro: Helmut Geiger
Die EKU hatte ihren Ursprung in der Stadtmitte zwischen Klostergasse, Webergasse, Sutte und der Grabenstraße. Das Bild zeigt das imposante Verwaltungsgebäude. Repro: Helmut Geiger
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Mit einer kleinen Ausnahme war die EKU, früher die "Erste Culmbacher Actien-Exportbier-Brauerei", fast 125 Jahre lang die größte Braustätte in Kulmbach. Schon beim Einstieg in das Industriezeitalter hatte sie die Nase vorn. Bereits 1872 holten sich die Gründungsmitglieder durch die Schaffung einer Aktiengesellschaft das nötige Kapital für einen modernen Brauereibetrieb.

Die anderen Brauereien, Mönchshof (1885), Petz und Rizzi (1886) und Reichel (1895), schickten sich erst mit gehörigem Zeitunterschied an, sich durch Umwandlung in Kapitalgesellschaften ebenfalls der Moderne zu öffnen. Kein Wunder also, dass die "Erste Kulmbacher" 1896 mit 172 317 exportierten Hektolitern einen Riesenvorsprung vor der Reichel mit 118 209 Hekto hatte.

Während zwischen den Weltkriegen die Reichelbräu mit den direkten oder indirekten Eingliederungen von Pertsch, Petz, Markgrafen und Rizzi weiter wachsen konnte, behielt die "Erste Kulmbacher" ihre Spitzenstellung aus eigener Kraft.


Neuer Name - neuer Standort


Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die "Erste Kulmbacher" unter Vorstand August Rothäusler für einige Jahre ihre Vorherrschaft an Mönchshof und Reichel. Mit dem Eintritt von Eribert Kattein als Vorstandsvorsitzender kam 1960 der Aufschwung. Unter ihm entstand das neue Markenzeichen EKU. Es war Garant für den nationalen Bekanntheitsgrad der Brauerei.

Und dann stemmte Kattein eine Herkules-Aufgabe: heraus aus der Enge der Innenstadt. Der neue Standort in der Mittelau war die Voraussetzung für den Bau eines Brauereibetriebs nach modernsten Kriterien. Die neue Kapazität versetzte die EKU in die Lage "schnelle Hektoliter" zu generieren. Der Fokus lag nicht mehr im Fassbierbereich, sondern auf dem Einstieg in den Lebensmittelhandel, der das zarte Pflänzchen Bier als künftige Marktchance entdeckt hatte. Das galt sowohl für das Mehrweg- als auch das Einweggeschäft. Letzteres sollte bald 40 Prozent des Verkaufs ausmachen, bei verschwindend geringen Margen. Was den Ausstoß betraf, war die EKU ihren Mitbewerbern durch die neue Vertriebsstrategie um Längen enteilt.


Ausstoß doppelt so groß wie bei der Reichel


Und schon bald sollte die EKU noch viel größer werden. Anfang der 1960er Jahre hielt die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank ein Aktienpaket an der EKU von rund 75 Prozent und hatte durch die Übernahme eines solchen für Reichelaktien von der BHF-Bank nun auch hier mit über 55 Prozent die Mehrheit. Ganz klar, dass sich der Bankenriese für eine Zusammenlegung der beiden Brauereien entschied. Ende der 1960er Jahre hatte die EKU einen Ausstoß von 440 000 Hektolitern (Reichel 220 000).

Als Gert Langer 1971 seinen Dienst als Vorstand in der Lichtenfelser Straße antrat, erhielt er den Auftrag, alle Vorbereitungen für einen Zusammenschluss der beiden größten Kulmbacher Brauereien zu treffen.

Die Turbulenzen für die EKU begannen 1980. Die Reichelbräu war in den Übernahmeverhandlungen für die Sandlerbräu als Sieger hervorgegangen. Und 1984 hatte die Reichel bei der Fusion mit der Mönchshof wieder die Nase vorn. Drei Viertel des Bierstadels lagen nun in Reichelhand. Als sich der neue Mehrheitsaktionär Andreas März aus Rosenheim anschickte, sich ein Brauereiimperium aufzubauen, wurde die EKU Kopfbrauerei und Carl Reischach Konzernvorstand.

1986 traten erstmals finanzielle Schwierigkeiten zutage. Die ausgeschüttete Dividende soll nur durch Immobilienverkäufe der Tucherbräu gewährleistet worden sein. Das behauptete jedenfalls eine Minderheits-Aktionärsgruppe in der Hauptversammlung der EKU, bemängelte den "Ausverkauf der Nürnberger Brauerei" und klagte.


Aufs falsche Pferd gesetzt


Bei der politischen Wende setzte die Vertriebsmannschaft aufs falsche Pferd. Schnell hatte sie es geschafft, sich in den zahlreichen HO- und Konsum-Zentralen im Osten listen lassen. Die Nachfrage nach dem Bier mit dem roten Emblem war enorm. Der Gerstensaft musste von anderen Brauereien zugekauft werden. Aber schon nach wenigen Monaten gab es diese Lebensmittelorganisationen nicht mehr. EKU rutschte schnell wieder in die Verlustzone ab.

Carl Reischach schied 1992 wegen des Erreichens des Rentenalters aus. Siegfried Ehrecke wurde sein Nachfolger. 1992 verstarb Andreas März, 1993 auch Ehrecke. Nachfolger im Vorstand für Vertrieb und Marketing wurde Jochen Weber.

Längst war Reichelbräu-Chef Gert Langer wegen der sich abzeichnenden Finanzprobleme des Mitbewerbers hellhörig geworden. Ende 1993 traf er sich erstmals mit seinem Kollegen Siegfried Ehrecke wegen "Zusammenarbeit auf dem Logistiksektor".


Tropfen auf den heißen Stein


Zunächst aber wurde 1994 vom EKU-Vorstand ein Restrukturierungskonzept für den Konzern erarbeitet. Einer der ersten Maßnahmen war der Verkauf der Tucher. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei der EKU war für 1994 trotz Restrukturierungsprogramm ein Fehlbetrag von 60 Millionen Mark aufgelaufen. Die Prognose für 1995, wieder einen Gewinn zu erwirtschaften, traf nicht ein. Stattdessen musste ein neuerlicher Verlust von 30 Millionen Mark ausgewiesen werden. Am 30. Mai 1995 schrieb "Die Welt": "Gestern teilte die EKU mit, die Brauerei habe sich fristlos von ihrem Finanzvorstand Helmuth Pauli getrennt."

Im Rosenheimer Konzern musste Andreas März 1995 auf Betreiben der Hypo das Unternehmen verlassen. Im November wurde ein Bankenpool ins Leben gerufen, der alle finanziellen Aktivitäten kontrollieren sollte. "März trennt sich von Eku-Pils", schrieb die "Die Welt" am 23. Dezember1995. Die 96,16-Prozent-Beteiligung an der EKU sollte vom Lokalrivalen Reichelbräu AG übernommen werden. Eine Vereinbarung sei bereits am 20. Dezember unterzeichnet worden. Hierbei handelte es sich um einen Vorvertrag, der erst auf Basis des geprüften Jahresabschlusses 1995 in Kraft treten sollte.


Mitarbeiter waren am Boden zerstört


In einer Betriebsversammlung wurden die Fusionsbestrebungen bekanntgegeben. Die Mitarbeiter der einst stolzen EKU waren am Boden zerstört. Am 14. Februar 1996 einigten sich März und Reichel auf Erfüllung des abgeschlossenen Vorvertrags - vorbehaltlich der Zustimmung des Bankenpools und des Hauptgläubigers Hypobank. Das Veto des Gremiums kam am 8. März 1996, der Kauf war damit gescheitert. Am gleichen Tage wurde das Insolvenzverfahren gegen die März AG eingeleitet. Dies hatte zur Folge, dass März nicht mehr für den Verlustausgleich der EKU-Fehlbeträge herangezogen werden konnte. Mit Wirkung vom 15. März 1996 ließ der Bankenpool die EKU-Kreditlinie einfrieren. Dies hatte zur Folge, dass die Vorstände Jochen Weber und Helmut Weiser Insolvenz anmelden mussten.

Als Insolvenzverwalter wurde Volker Grub eingesetzt. Vorstandsvorsitzender Gert Langer machte ein Angebot auf Grundlage eines "Asset-Deals". Es besagte, dass beim Kauf der EKU nur die Aktiva und die Vertriebs- und Markenrechte übernommen werden.

Am 1. Mai 1996 wurden im Kulmbacher Notariat die Verträge unterzeichnet.


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