Kulmbach
Gericht

Prozess gegen Kulmbacher Messerstecher: Urteil gefällt

Warum der Angeklagte nicht wegen versuchten Totschlags verurteilt wurde, obwohl das Gericht von einem Tötungsvorsatz ausging.
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Vier Jahre Freiheitsstrafe lautete das Urteil gegen den Kulmbacher Messerstecher. Foto: fotolia
Vier Jahre Freiheitsstrafe lautete das Urteil gegen den Kulmbacher Messerstecher. Foto: fotolia
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Das Straf verfahren gegen den Kulmbacher Messerstecher vor dem Landgericht Bayreuth endete am Montag mit einer Verurteilung zu vier Jahren Haft. Gratis gab es dazu eine donnernden Strafpredigt vom Vorsitzenden Richter der Strafkammer. "Die Entziehung müssen Sie durchhalten, dann haben Sie die Chance, Ihr Leben zu ändern. Andernfalls gehören Sie der Katz'", so Michael Eckstein. Denn der 39-Jährige darf einen Teil der Strafe - 18 Monate - in einer Entziehungsanstalt verbringen, um seine Abhängigkeit von Alkohol und Haschisch loszuwerden.


"Andere krabbeln am Boden"

Suff und Zoff arbeiteten bei der schweren Straftat auf der Kulmbacher Kneipenmeile in der Oberen Stadt - wie so oft - Hand in Hand. Täter und Opfer hatten deutlich über zwei Promille. "Da krabbeln andere nur noch am Boden", sagte Eckstein in der Urteilsbegründung. Warum die Kontrahenten in jener Nacht - es war der 30. Oktober - in Streit geraten waren, konnte nicht mehr im Detail geklärt werden.

Dabei hatten sich die Kontrahenten früher gut verstanden, gehörten beide einer Clique an, die sich zum Saufen und Feiern im Grünzug traf. Dann wollte man den Angeklagten nicht mehr dabeihaben. Er störte, machte Stress, so eine Zeugin. Doch der Mann ließ sich nicht abweisen, "lief der Gruppe hinterher wie ein Hündchen" (Eckstein).


Zwei gezielte Stiche

Am Abend vor dem Reformationsfest eskalierte es. Dreimal gerieten die Männer - der Geschädigte einen Kopf größer und mit 140 Kilo doppelt so schwer wie der Angeklagte - in der Oberen Stadt aneinander. Der Beginn der Streitigkeiten wurde von einer Kamera am Eingang zum islamischen Gebetsraum festgehalten. Hier, so Eckstein, sei zu erkennen, dass der Kleinere den Größeren attackiert.

Es war eine emotional stark aufgeladene Situation. Es wurde geschlagen, gekratzt, gewürgt - bis der Angeklagte in der Nähe des Brunnens ein Messer zog und gezielt zustach. "Der erste Stich von rechts, der zweite von vorn", sagte der Mann und machte die dazu passenden Bewegungen mit den Händen.


Rücktritt vom Tötungsvorsatz

Eckstein zufolge sei die Kammer - wie von Staatsanwalt Stefan Kolb schlüssig dargelegt - von bedingtem Tötungsvorsatz ausgegangen. Obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, habe der Täter nicht noch einmal zugestochen. Also liege ein Rücktritt vom Tötungsvorsatz vor - "und das war gut so", sagte der Richter. Deshalb sei der Schuldspruch nur wegen gefährlicher Körperverletzung erfolgt.

Allerdings hätten sowohl Täter als auch Opfer großes Glück gehabt. Denn der 33-Jährige habe die Messerstiche zunächst nicht bemerkt. Er sei schon auf dem Heimweg gewesen, als zwei Passanten die Gefahr erkannten und den Notarzt alarmierten. "So wurde er gerettet. Wenn der Geschädigte nach Hause gegangen wäre, wäre er wahrscheinlich verblutet", meinte der Richter.

Die Kammer schickte den Verurteilten zum Entzug und stützt sich auf das Gutachten des forensischen Psychiaters Thomas Wenske von der Uni Erlangen. Er hatte dem Angeklagten eine schwere Suchtmittelabhängigkeit und verminderte Steuerungsfähigkeit attestiert.

Bei der Strafzumessung folgte das Gericht dem Antrag des Staatsanwalts. Die beiden Verteidiger sprachen von einer spontanen Tat. Ein Tötungsvorsatz liege nicht vor, so die Kulmbacher Rechtsanwälte Frank Stübinger und Ralph Pittroff. Sie hielten eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten für ausreichend.


Verzicht auf Rechtsmittel

Staatsanwalt, Angeklagter und die Verteidiger verzichteten auf Rechtsmittel. Wenn auch der Nebenkläger, dessen Vertreter am Montag nicht anwesend war, zustimmt, wird das Urteil rechtskräftig und der 39-Jährige wird von der Haft in die geschlossene Abteilung der Klinik überstellt.


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