Kulmbach
Geschichte

Vater und Sohn aus Kulmbach im Saurier-Fieber

Rupert Wild, der älteste Sohn des Kulmbacher Künstlers Max Wilds, hat als Saurier-Experte großes Ansehen erlangt.
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Der Ur-Lurch, das erste landlebende Wirbeltier vor 400 Millionen Jahre in unserem Raum. In dem spannungsvollen Aquarell zeigt Max Wild, wie das Tier jagt, doch auch selbst gejagt wird. Foto: Wolfgang Schoberth
Der Ur-Lurch, das erste landlebende Wirbeltier vor 400 Millionen Jahre in unserem Raum. In dem spannungsvollen Aquarell zeigt Max Wild, wie das Tier jagt, doch auch selbst gejagt wird. Foto: Wolfgang Schoberth
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Meist sind es ja die Eltern, die die Neugier ihrer Kinder fördern. Bei Rupert Wild ist es genau umgekehrt: Der Sohn erweckt bei seinem Vater eine Leidenschaft, die dieser jahrelang künstlerisch auslebt. Rupert selbst fängt als Schüler an der Oberrealschule Kulmbach Feuer, die er ab 1950 besucht. Sein Biologie- und Chemielehrer Karl Müller schwärmt von ungeheuren Schätzen an Versteinerungen, die man in den Kalkschichten des Kulmbacher Umlandes entdecken könne.

Der 15-Jährige ist elektrisiert. Damit wird "der Eiermüller", ein gutmütiger, fachlich versierter Lehrer, der Generationen von Schülern vorwiegend als Objekt pubertärer Streiche diente, Wegbereiter für Wilds Karriere zu einem führenden Saurierforscher.

Auf Entdeckertour

Mit seinem Freund Klaus Frankenberger besucht er Schloss Banz, um sich die Petrefakten-Sammlung zu betrachten, danach begeben sie sich selbst auf Entdeckertour. Ausgerüstet mit Geologenhammer und Meißel radeln sie nach Kasendorf und buddeln im Jurakalk, danach graben sie in den wesentlich älteren Muschelkalkbänken bei Burghaig, Untersteinach und Wildenstein bei Presseck.

Bei Wildenstein fördern sie Sensationelles zutage: Sie finden Urkrebse (Trilobiten), 600 Millionen Jahre alte Meeresbewohner, die zu den ältesten Versteinerungen im deutschen Raum zählen. Wenig später bergen sie einen rätselhaften länglichen Schädel mit spitzen Fangzähnen. Sie schleppen die Fossilien mit in die Schule und zeigen sie ihrem Biologielehrer. "Eiermüller" untersucht sie eingehend und ist entzückt: Sie haben das Fragment eines Nothosaurus entdeckt - eines krokodilartigen Lebewesens, das sich vor 200 Millionen Jahren vorwiegend im flachen Wasser aufgehalten hat.

Zu Baustoff und Düngekalk verarbeitet

Im Muschelkalksteinbruch von Feuln, den sie sich als nächstes vornehmen, ist öfters auch Ruperts zwei Jahre jüngerer Bruder Günter dabei - und irgendwann schließlich auch ihr Vater Max Wild. Bereits seit 1895 wird das Gestein in der Ortschaft abgetragen und in zwei unmittelbar angrenzenden Kalköfen zu Baustoff und Düngekalk verarbeitet.

Max Wild gewinnt den Eigentümer Georg Müller und seine Arbeiter dafür, ihnen bei der Suche nach Körperfossilien wie Knochen, Skelett- und Schädelteilen behilflich zu sein. "Die Arbeiter haben sich von unserem Saurier-Virus anstecken lassen", erinnert sich Günter Wild, "Fachbezeichnungen wie Placodus gigas, Pflasterzahnsaurier, oder Tanystropheus, Giraffenhalssaurier, gingen ihnen locker über die Lippen."

Dass Rupert nach dem Abitur 1959 Geologie und Paläontologie studiert, versteht sich fast von selbst. Sein Erlanger Professor Florian Heller hält große Stücke auf ihn, doch er geht nach dem Diplom an die Universität Zürich, um bei Professor Emil Kuhn-Schnyder, einer Koryphäe, zu promovieren.

Gegenstand seiner Doktorarbeit ist ein "alter Bekannter" aus dem Steinbruch in Feuln: der Giraffenhalssaurier. In seiner extremen Halsverlängerung durch Streckung der zwölf Halswirbel ist er eine der merkwürdigsten Ergebnisse der Evolution.

Auch in seiner nächsten Arbeit beschäftigt er sich mit einem Fund aus seiner fränkischen Heimat: dem Dorygnathus mistelgauensis, dem Flugsaurier von Mistelgau (heute im Urwelt-Museum Bayreuth). Vor 180 Millionen Jahren jagte das Reptil mit einer Flügelspannweite von fast zwei Metern über dem Urweltmeer, Millionen Jahre vor den Vögeln.

Ein kongeniales Gespann

Als anerkannter Spezialist für fossile Reptilien, Flugsaurier und Dinosaurier wird Rupert Wild 1972 vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart angestellt. Bis zu seinem Ruhestand 2004 arbeitet er als Oberkonservator an dieser international bedeutenden Sammlungsstätte. Trotz der räumlichen Trennung arbeiten Sohn und Vater häufig zusammen: Der Paläontologe Wild rekonstruiert aus den Fundstücken den Körperbau der Lebewesen, der Künstler Wild lässt daraus lebendige Geschöpfe entstehen und inszeniert ihre Lebensräume.

Durch sein Talent, wissenschaftliche Exaktheit mit Inspiration zu verbinden, wird Max Wild ein begehrter Illustrator von Fachbüchern. Ein Meisterwerk ist der 1976 erschienene Band "Wunderwelt in Stein. Fossilienfunde - Zeugen der Urzeit" von Rudolf Mundlos, an dem Rupert und Max Wild maßgeblich beteiligt sind. Einige wundervolle Aquarelle mit den frühesten Lebewesen aus dem Kulmbacher Umland sind kürzlich im Nachlass von Max Wild entdeckt worden. Sie finden sie in diesem Artikel erstmals veröffentlicht.

Neues Buch erschienen

Ein Bravourstück Rupert Wilds ist seine Entdeckung des Ohmdenosaurus. Sie steht im Mittelpunkt eines gerade erschienenen Büchleins, das der bekannte Wissenschaftsautor Ernst Probst anlässlich des 80. Geburtstag von Rupert Wild verfasst hat. In den 1970er Jahren besucht der Paläontologe das Urwelt-Museum Hauff in Holzmaden (Baden-Württemberg). In einer der Vitrinen ist ein Knochen ausgestellt, der von einem Plesiosaurier stammen soll, einem schlangenartigen Meeresbewohner mit vier Flossen. Wild stutzt. Nach seiner Einschätzung handelt es sich um das Schienbein und die Fußwurzel eines auf dem Land lebenden Dinosauriers, der etwa vier Meter lang wird. Er möchte Gewissheit. Er will den Körperbau des Tieres rekonstruieren, es einordnen und seine Lebensgewohnheiten klären.

Damit leistet er Pionierarbeit, da außer dem Megalosaurus bei Ahrensburg noch keine Dinosaurier aus Deutschland bekannt sind. Nach jahrelangen Recherchen kann er den Fund exakt bestimmen: Die Versteinerungen stammen von einem sich schwerfällig auf vier Füßen bewegenden Elefantenfußdinosauriers (Sauropoden). Wild nennt das Tier nach seinem Fundort Ohmden bei Esslingen "Ohmdenosaurus", ein Name, der untrennbar mit dem seinen verbunden bleiben wird.

Treffen der Ehemaligen

Kürzlich ist Rupert Wild nach Kulmbach zum Kassentreffen der Ehemaligen 60 Jahre nach dem Abitur angereist. Die rüstigen Herren haben ein dreitägiges Intensivprogramm ausgelegt. Ihr Höhepunkt: eine Führung durch ihre alte Schule, das heutige Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium.

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