Kulmbach
Notunterkunft

Uwe ist obdachlos lebt jetzt im Container

Uwe ist 59 Jahre alt und hat einen sozialen Abstieg hinter sich. Er ist obdachlos, wohnt seit März in der neuen städtischen Notunterkunft. Er spricht darüber, wie es sich in der Containeranlage lebt, ob er Hoffnung hat, diese wieder verlassen zu können.
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Uwes kleines Reich. "Ich fühle mich hier wohl", sagt der 59-Jährige, der in der Obdachlosenunterkunft in der Schützenstraße wohnt.  Alexander Hartmann
Uwes kleines Reich. "Ich fühle mich hier wohl", sagt der 59-Jährige, der in der Obdachlosenunterkunft in der Schützenstraße wohnt. Alexander Hartmann
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Uwes Welt ist klein. Er lebt auf 18 Quadratmetern, die mit Stockbett, Kochnische, Blechschrank, Tisch, Stuhl und einem kleinen separaten Bad spärlich ausgestattet sind. Jammern will der 59-Jährige aber nicht. "Ich habe mal ein Dreivierteljahr auf der Straße gelebt. Da weiß man so ein Zuhause zu schätzen", sagt der Kulmbacher, der zu den sieben Männern gehört, die zurzeit in der neuen, auf maximal 32 Personen ausgelegten Obdachlosenunterkunft in der Schützenstraße untergebracht sind.

Ein schmuckloser Container

Sein Zuhause ist ein schmuckloser Container, der dem auf einer Baustelle gleicht. Doch Uwe weiß: Die Unterkunft soll keine Wohlfühloase sein, sondern ein Zuhause auf Zeit, das den Heimatlosen ein Dach über dem Kopf bietet. "Wir versuchen, die Obdachlosen zu unterstützen, den Weg in ein normales Mietverhältnis zu finden", sagt Ingrid Schweiger vom BRK, das die Bewohner seit der Eröffnung der Anlage im März betreut.

"Altlasten" sind eine Bürde

Das ist kein einfaches Unterfangen, wie Sozialpädagogin Margita Müller erläutert. Nicht nur, dass die "Altlasten" für die Hartz-IV-Empfänger eine große Bürde seien. Auch der städtische Wohnungsmarkt sei leer gefegt. Während der Woche stehen Margita Müller und Sozialarbeiterin Lisa Sollik den Bewohnern täglich vier Stunden mit Rat und Tat zur Seite. Sie bieten Hilfe zur Selbsthilfe, die auch Roland in Anspruch nimmt. Der 50-Jährige hat bis dato in der Notunterkunft in der Hermann-Limmer-Straße gewohnt, dort vom Geld gelebt, das er durch das Pfandflaschen-Sammeln eingenommen hat. Sozialleistungen hat er nicht in Anspruch genommen. "Weil ich zu faul war", sagt Roland, den die BRK-Helfer jetzt bei Anträgen und Behördengängen unterstützen. Der 50-Jährige ist ihnen dankbar: "Allein würde ich das nicht schaffen."

Es geht ruhig zu

Wie seine Mitbewohner stand Roland dem Umzug in die Container zunächst skeptisch gegenüber. Doch seine Haltung hat sich geändert. "Die Container sind recht schön", findet er. Und es geht ruhig zu. Ärger mit den Nachbarn, den es in der Blaich wegen Lärmbelästigung zuhauf gegeben hatte, gibt es in der Schützenstraße nicht. Polizeichef Peter Hübner spricht von einem Vorzeigeobjekt (siehe "Polizei muss nicht mehr anrücken").

Metallzaun als Schutz

In der Schützenstraße trennt ein zweieinhalb Meter hoher Metallzaun die Obdachlosen von der Außenwelt. Jeder Bewohner hat einen Schlüssel, mit dem er durch die Eingangstür in die Anlage gelangt. Die Pforte ist in den Abendstunden von Mitarbeitern eines privaten Sicherheitsdienstes besetzt, die über Nacht auch Streife laufen. Über die Stränge schlagen dürfen die Obdachlosen nicht, sonst drohen Sanktionen. Sie müssen die Hausordnung beachten - Saufgelage sind ebenso wie Grillen untersagt.

Das Grill-Verbot bedauert Uwe. Und so wird "nur" gekocht - nicht nur auf den beiden Herdplatten im eigenen Container, sondern auch auf der Küchenzeile, die sich im großen Aufenthaltsraum befindet. "Eintopf essen wir da schon mal zusammen", sagt der 59-Jährige, der unter den Mitbewohnern Geld für einen Mikrowellengrill sammelt, "damit wir mal ein Hähnchen grillen können".

Teilen ist angesagt in der Gemeinschaftsunterkunft, in der sich jeder in sein eigenes "Reich" zurückziehen kann. "Ich schaue drauf, dass es in meinem Container sauber ausschaut", sagt Uwe. Den Mülleimer hat er neben dem Bett platziert, den gelben Sack für Plastikabfälle neben dem Metallschrank "versteckt". In dem bewahrt er sein Hab und Gut auf. Viel nennt er nicht mehr sein Eigen, durften die Obdachlosen beim Umzug doch nur zwei Kartons mit privaten Gegenständen mitnehmen. "Da musste man sich von so manchem trennen."

Uwe kommt mit den wenigen Habseligkeiten aus, bedauert ohnehin, dass es im Container an Ablagemöglichkeiten fehlt. Um die Küchengewürze wie auch Medikamenten-Schachteln abstellen zu können, hat er Regale aus Pappkarton gebaut und mit Tesafilm an der Wand befestigt. "Bohren dürfen wir nicht. Deshalb kann ich keine Holzregale festmachen", sagt Uwe, der weiß, dass es eine Notunterkunft ist, die bald auch ein anderer Obdachloser bewohnen könnte.

"Vermieter schreien nicht Hurra"

Wenn er denn den Weg aus der Containersiedlung herausfinden würde Ob ihm das gelingen wird? Uwe hat Zweifel. Zum einen, weil er sich von dem Geld, das er vom Jobcenter erhalte, keine Wohnung leisten könne. Zum anderen habe er die Erfahrung gemacht, dass er bei Wohnungsbesichtigungen einen schweren Stand habe. "Denn die Vermieter schreien bei Hartz-IV-Empfängern nicht Hurra."

Wieder sein eigenes Geld verdienen. Ein Traum, der sich wohl nur schwer verwirklichen lassen wird. Wie seine Mitbewohner wird Uwe einen Kurs im Beruflichen Fortbildungszentrum besuchen. Er hat aber wenig Hoffnung, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Der 59-Jährige ist gelernter Schreiner, hat lange als Lagerist gearbeitet, bevor er vor fünf Jahren einen Unfall hatte. "Seitdem bin ich arbeitslos." Damals hat sein Abstieg begonnen. Der 59-Jährige hat zunächst noch Mutter und Tante gepflegt, musste nach deren Tod aber das gemeinsame Haus verlassen. "Das war die Zeit, in der ich auf der Straße gelebt habe", sagt der Kulmbacher, der schließlich in der Notunterkunft im Dreibrunnenweg untergekommen ist. "Dort war es schön. Ich musste bloß die Treppe hinunter und war schon in der freien Natur." Die Baracken in Ziegelhütten sind längst Geschichte.

In der Schützenstraße findet er zwar keine Natur vor - die Container-Siedlung ist von Firmengebäuden umgeben. Doch Uwe ist nicht anspruchsvoll. Er kann sich anpassen, will nicht klagen. Er ist der Stadt dankbar, dass sie ihm Unterschlupf gewährt, und erklärt: "Ich fühle mich hier wohl."

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