Kulmbach
Gespräch

Urban Priol im Interview: "Ich mach' weiter bis 2033"

Seit 35 Jahren stehen Urban Priol angesichts des politischen Geschehens im Land die Haare zu Berge. Am Freitag kommt der Aschaffenburger nach Kulmbach.
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"gesternheutemorgen" ist der satirische Rundumschlag überschrieben, den Urban Priol am Freitagabend ab 20 Uhr in der Dr.-Stammberger-Halle kredenzt - pünktlich zur Bundestagswahl zwei Tage später. Es gibt noch Karten für den Auftritt im BR-Ticketshop.Michael Palm
"gesternheutemorgen" ist der satirische Rundumschlag überschrieben, den Urban Priol am Freitagabend ab 20 Uhr in der Dr.-Stammberger-Halle kredenzt - pünktlich zur Bundestagswahl zwei Tage später. Es gibt noch Karten für den Auftritt im BR-Ticketshop.Michael Palm
Er selbst sieht sich als "Randbayer mit fränkisch-hessischem Migrationshintergrund": Am Freitag, 22. September, gastiert der gebürtige Aschaffenburger Urban Priol mitten in Oberfranken und bringt sein Programm "gesternheutemorgen" mit in die Dr.-Stammberger-Halle. Die BR unterhielt sich mit dem 56-Jährigen über die liebste Zielscheibe, Vorbilder und einen Rückkehrer namens KT.

Herr Priol, Sie sind gerade in Düsseldorf - wie läuft denn der Wahlkampf dort?
Urban Priol: Da ein Posterboy namens Christian Lindner aus Düsseldorf stammt, frage ich mich schon: Wie halten es die Menschen hier aus, dass ihnen von jedem Baum und jeder Laterne dieser Florian-Silbereisen-Verschnitt entgegen grinst? Hart an der Schmerzgrenze ist auch die Kombination Lindner und dieses Telekom-Magenta: Die beiden größten Sympathieträger des Landes in einer Farbgebung fröhlich vereint...

Wahlkampfzeiten sind gute Zeiten fürs Kabarett, oder?
Der Wahlkampf selber ist halt so lala, man hat es seitens der Regierung mit Einschläfern versucht. Aber wer genauer hinsieht, für den gibt es schon ein paar spannende Sachen. Gut: Die ewige Kanzlerin wird bleiben - aber was sich drum herum tut: Wer landet auf Platz 3? Wer wird Koalitionspartner, wer macht was in der Opposition? Ist ein bin bisschen wie Fußball-Bundesliga: Bayern wird Meister und dahinter geht das Gerangel los.

Sie selber wollen bis 2033 weitermachen, so lange auch die Kanzlerin regiert. Sie haben mit Helmut Kohl 1982 angefangen, Kabarett zu machen - beziehungsweise er mit ihnen. Haben sie je dran gedacht, dass sich eine solche, gefühlt immerwährende Kanzlerschaf nochmals wiederholt?
Ich habe es, ehrlich gesagt, schon 2005 befürchtet. Wir wollten bei Angie nicht den gleichen Fehler machen wie beim "Dicken" mit seiner Behäbigkeit. Als Angela Merkel damals mit ihrem Biedermeier-Ton ankam, da dachte ich mir schon: Oha, das wird eine ähnlich bleierne Zeit...

Und was sagen sie zur Rückkehr der FDP?
Ach ja (seufzt tief). Da scheint eine tiefe Sehnsucht im Volke verankert zu sein nach der ja ach so äußerst erfolgreichen Koalition von Union und Liberalen. Vielleicht müssen sich manche nochmals vier Jahre Schwarz-Gelb geben, um endlich zu kapieren, was da abgeht. Aber es ist wie beim Auto: Nach dem Dieselskandal hat VW so viele Fahrzeuge verkauft wie nie zuvor. Man versteht es nicht.

Satiriker-Kollege Dieter Hallervorden hat oft gezielt für die FDP geworben. Haben sie auch mal als politischer Werbeträger fungiert?
Nein. Ich habe immer versucht, eine kritische Distanz zu allen Parteien zu wahren. Ich würde mich auch nie vor den politischen Karren spannen lassen. Ich habe natürlich meine persönlichen Präferenzen, aber man darf in meinem Job keine Beißhemmung bekommen, nur weil man irgendwo zu stark eingebunden ist.

Schwarz-gelbe Koalition von 2009 bis 2013 - das war auch die Zeit der Hochphase für Sie in "Neues aus der Anstalt" im ZDF. Seit Ihrem Abschied ist es ruhig geworden um Urban Priol im TV. War es eine bewusste Entscheidung?
Ich hatte sieben Jahre die Live-Sendung im Zweiten, davor vier Jahre ein Format auf 3sat. Regelmäßig Fernsehen zu machen, das ist eine Kiste, die man erst mal stemmen muss. Ich genieße es jetzt, bei Kollegen zu Gast zu sein. Meinen Jahresrückblick "Tilt" im ZDF mache ich ja noch. Und natürlich bin ich mit meinem Bühnenprogramm gut ausgelastet.

Damit gastieren Sie am kommenden Freitag in Kulmbach - also zwei Tage vor der Bundestagswahl. Früher, zu Zeiten eines "Scheibenwischers" mit Dieter Hildebrandt, hieß es noch: Vor Wahlen darf keine Kabarettsendung gezeigt werden respektive direkt nach Satire darf nicht gewählt werden. Das eherne Gesetz scheint aufgehoben zu sein.
Das ist doch toll, oder? Noch dazu komme just in die Stadt, wo jüngst auch der große Plagiator sein Kulmbach-Comeback gefeiert hat: Karl-Theodor zu Guttenberg. Und das mit einem Witz, der leider zehn Tage zuvor schon in der FAZ stand. "Alte Liebe Rosneft nicht" über Gerhard Schröders neuen Aufsichtsratsposten. Er bleibt sich offenbar treu, schließlich hatte er schon die Einleitung zu seiner Doktorarbeit aus der FAZ abgeschrieben... Vielleicht liest er ja auch nix anderes. Da fand ich es persönlich spaßig, dass der zuständige Redakteur gleich getwittert hat, was Sache ist. Einmal Plagiator, immer Plagiator.

Das ist für Sie gefundenes Fressen.
Naja, die Rückkehr von KT ist doch wirklich ein Wunder, oder? Wobei, er wird auch nur von Horst Seehofer benutzt. Diese Ränkespiele der CSU zu beobachten, das ist schon schön.
Sie sind Aschaffenburger, also Randbayer, und dürfen trotzdem in Bayern wählen. Als Grenzgänger zwischen den Welten und Fast-Hesse können Sie es von außen beobachten: Haben es die Bayern noch immer nicht begriffen, dass auch im Freistaat Demokratie und das freie Wahlrecht gelten?
Die CSU hat es verstanden, all die Jahre so zu tun, als sei sie gleichzusetzen mit dem Land. Das hat sich in den Köpfen manifestiert. Wenn es dann mal eine Koalition gibt wie damals mit der FDP, dann grenzt das an Majestätsbeleidigung. Die mussten das Wort "Koalition" erst mal googeln.

Und es war der Beweis, dass Dieter Hildebrandt nicht Recht hatte mit der Vermutung, dass in bayerischen Wahlkabinen der Stift so kurz angebunden ist, dass er nur bis zur obersten Zeile mit der CSU reicht.
Genauso ist es (lacht).

Apropos Hildebrandt: Der Grandseigneur des Kabaretts ist 2015 verstorben. Andere Kollegen wie Volker Pispers, aber auch ihr langjähriger Weggefährte Georg Schramm haben sich von der Bühne verabschiedet. Sind Sie der letzte Mohikaner?
Es kommen zum Glück, wie man auch an der neuen "Anstalt" sieht, junge und politisch sehr aktive Satiriker nach. Ich selber habe einfach noch so viel Spaß an allem, deswegen mache ich weiter. Dieter Hildebrandt war für mich ein Vorbild: bis zum Schluss hellwach, neugierig und streitlustig. Ich hoffe, ich kann das auch mal von mir sagen. Außerdem: Wohin soll ich denn hin mit meiner ganzen angestauten Wut?

Gibt es noch Kontakt zu den Kollegen von einst?
Ja, regelmäßig. Mit Georg Schramm war ich gerade vier Tage unterwegs. Mit ihm, Frank-Markus Barwasser und Jochen Malmsheimer bin ich am 17. Oktober in der "Anstalt" zu Gast. Mit Volker Pispers telefoniere ich alle paar Tage.

Besteht eine Chance auf die Rückkehr in ein Sendeformat, egal wie das aussieht?
Mal schauen. Im Moment bin ich ganz zufrieden, so wie es läuft. Und ich genieße es, auf der Bühne zu stehen. Live ist eben live. Wir haben damals im ZDF auf dem Höhepunkt aufgehört und wollten danach bewusst eher dosiert im Fernsehen auftauchen. Aber man soll niemals nie sagen.

Blicken wir auf die Kollegen der (nicht mehr ganz so) neuen "Anstalt", Max Uthoff und Claus von Wagner: Ist deren Art von aufklärender Satire eigentlich das, was normalerweise der Journalismus im Lande leisten müsste?
Zum Teil ja. Es werden komplexe Zusammenhänge oft sehr anschaulich erklärt und dann humoristisch unterfüttert. Kabarett ist ja trotzdem in erster Linie immer noch Unterhaltung. Aber ich frage mich in der Tat, warum verstärkt wir Kabarettisten diese Art von Aufklärung betreiben müssen? Mancher Journalist hakt einfach zu wenig nach und nagelt den Politiker auf sein Gesagtes fest.

Zum Beispiel in Talk-Shows. Wenn Sie sich informieren übe die aktuelle politische Lage: Gucken Sie dann auch bei den einschlägigen Talk-Formaten rein?
Wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann tue ich es mir an, ist ja auch meine Pflicht. Interessant sind immer die Sendungen mit Will und Maischberger, bei denen die Kanzlerin ihre Privataudienzen gewährt, weil sie sich ja scheut, mit anderen in den direkten Diskurs zu treten. Wenn die oberste Frau im Staat dann so hofiert wird, weil sie quasi dem Sender die Ehre erweist, weiß ich nicht, ob da überhaupt die entsprechend nötige kritische Distanz vorhanden sein kann. Man will sie ja nicht verprellen und hofft, dass sie wieder kommt, wenn sie schon noch die nächsten Jahrzehnte bei uns bleibt (lacht).

Sie arbeiten sich seit Jahren an der regierenden "Knopfleiste" ab, wie Sie sagen. Interessant ist: In einer Umfrage fanden 70 Prozent der Befragten die Kanzlerin gut und 70 Prozent die Arbeit der Regierung schlecht - wohlgemerkt in derselben Umfrage. Wie geht das denn?
Gell, das ist sensationell! Aber so schizophren können nur wir Deutschen sein. Da bringt keiner die Kanzlerin mit der Innenpolitik in Verbindung. Wobei ich sagen muss: Es stimmt mich froh, dass wir trotzdem eine Repolitisierung erfahren. Ich erlebe das bei mir in der Gastwirtschaft: Du redest an Deinem Tisch über Politik - und plötzlich mischen sich die Nachbartische ein. Das war ja lange Jahre gar nicht mehr der Fall, da wollte keiner was hören von Politik. Mir war immer daran gelegen, dass nach meinen Auftritten die Leute hinterher debattieren, auch wenn es für mich dann noch später wird. Es ist schön zu sehen, dass es die Kanzlerin nicht ganz geschafft hat, ein Volk komplett zu entpolitisieren.

Den Stammtischen Gehör verschafft derzeit besonders die AfD. Beunruhigt Sie das als Bürger?
Angst habe ich keine, da bin ich resistent. Es ärgert mich nur, wie sich alles verkehrt hat. Wir waren damals in den Achtzigern noch selber auf der Straße und haben gegen Nachrüstung protestiert. Ich habe mir immer gewünscht, dass die Leute auch auf die Straße gehen, wenn ihnen was nicht passt. Dass ausgerechnet diese Pegida-Nasen damit anfingen und eine solche Bewegung daraus entsteht, das haben wir uns freilich nicht gewünscht. Das finde ich befremdlich, ganz abgesehen von den marktschreierischen Thesen als Ausdruck eines doch oft eher schlichten Gemüts. Ich hoffe, dass sich das Phänomen AfD recht schnell entzaubert - und zwar dann, wenn sich deren Vertreter in der täglichen politischen Kernerarbeit der Auseinandersetzung stellen müssen. In den Landtagen fallen sie höchstens durch sinnlose Fragen und Anträge auf. Es scheint zu genügen, dass sie jetzt auch am Trog mitschlürfen dürfen.

Die AfD ist auch für Sie ein Thema auf der Bühne. Ihre Auftritte dauern teilweise drei Stunden. Wie halten Sie das durch?
Ich bin sehr selbstdiszipliniert. Meine Dramaturgin ist meine Text-Guillotine. Ich sehe zu, dass ich inklusive Pause mit zweidreiviertel Stunden auskomme. In Kulmbach ist es der Freitag vor der Wahl, also der vorletzte Auftritt für mich vor der Abstimmung. Da muss ich sicher noch aktuell reagieren und muss mich dann eben umgekehrt fragen, was ich dafür wieder weglasse.

Sie gehen noch wählen?
Selbstverständlich. Der Abstimmungsraum bei mir ist in einem alten Gymnasium. Da können sich die Leute gleich mal vor Ort ein Bild von den maroden Zuständen unserer Bildungseinrichtungen machen. Das ganze Elend live. Ich würde ja dafür plädieren, die Wahlurnen genau dorthin zu stellen, wo es in der Republik am desaströsesten aussieht.


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