Burgkunstadt
Geschichte

Unesco-Club Kulmbach lädt zu einer Führung durch jüdischen Friedhof ein

Der Unesco-Club Kulmbach bietet am Donnerstag, 19. April, eine Führung durch den sonst verschlossenen jüdischen Friedhof in Burgkunstadt und durch die Synagoge von Altenkunstadt an.
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Blick auf das Eingangstor des jüdischen Friedhofs in Burgkunstadt mit dem Tahara-Haus rechts. Der Brunnen für die rituellen Waschungen befindet sich daneben. Im Vordergrund Gräberreihen aus dem 19. Jahrhundert.  Foto: Wolfgang Schoberth
Blick auf das Eingangstor des jüdischen Friedhofs in Burgkunstadt mit dem Tahara-Haus rechts. Der Brunnen für die rituellen Waschungen befindet sich daneben. Im Vordergrund Gräberreihen aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Wolfgang Schoberth
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Über 300 Jahre lang - bis 1935 - sind Kulmbacher Juden auf dem Friedhof bei Burgkunstadt begraben worden. Viele Namen erinnern an ein kulturell bereicherndes Nebeneinander, aber auch an Hass und Verfolgung. Der Unesco-Club Kulmbach bietet am Donnerstag, 19. April, eine etwa 90-minütige Führung durch den sonst verschlossenen Friedhof und anschließend durch die Synagoge von Altenkunstadt an. Treffpunkt ist um 16 Uhr am Eingang an der Ebnether Straße.

"Sie Saujude, schauen Sie, dass Sie weiterkommen und lassen Sie die Schneider in Ruh!" "Hat Sie gesagt Saujud? Ich bin kein Saujud. Ich bin jetzt 80 Jahre und habe noch niemandem etwas Unrechtes zu Leide getan." Ein Wortwechsel, der im Protokoll des Kulmbacher Polizeiwachtmeisters Erhard Hoh vom 31. Juli 1933 wiedergegeben ist.


Von Nachbarn angeschwärzt


Moses Flörsheim wird von einer Nachbarin aus der Fischergasse bezichtigt, in der Gaststätte "Zum roten Ochsen" einige Schneider mit "Mäh, mäh" beleidigt zu haben. Flörsheim wird "wegen groben Unfugs" festgenommen und für einige Tage in "Schutzhaft" genommen.

Wie gemein die Behandlung des etwas kauzigen Viehhändlers ist, wird deutlich, wenn man sein Leben ansieht: Jahrzehntelang ist er Kopf und Herz der jüdischen Gemeinde. Er ist ihr Vorbeter, Schriftführer und Kassier. Seiner Rührigkeit ist es zu verdanken, dass Kulmbach 1903 den Status Israeltische Kultusgemeinde zuerkannt wird. Er setzt es auch beim Distriktrabbinat durch, dass die Gemeinde einen eigenen Betsaal erhält.


Größter Landfriedhof Bayerns


Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der "Schutzhaft", am 3. Juli 1935, stirbt Moses Flörsheim. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof bei Burgkunstadt ist das letzte eines Kulmbachers. Ein paar Schritt entfernt liegt seine Frau Fanny bestattet, in einem eigenen Grab, wie es aschkenasischem Brauch entspricht, um nicht die Totenruhe zu stören. Am Rande des Friedhofs, in der Reihe der Kindergräber, liegt ihr Töchterchen Klara unter der Erde, das sie im Alter von acht Jahren verloren haben.

Der denkmalgeschützte Gottesacker an der Ebnether Straße ist mit seinen 2000 Grabsteinen nicht nur der größte jüdische Landfriedhof Bayerns, sondern einmaliges Studienobjekt für die Kulturgeschichte der Region und jüdisches Brauchtum. 1620 angelegt, war er Begräbnisort für israelischen Gemeinden des Obermaingebiet mit Orten wie Altenkunstadt, Ebneth, Horb, Küps, Maineck, Rothwind und Kulmbach. Zeitweise gehörten auch Lichtenfels und Bayreuth dazu.
Der letzte Grabstein datiert von 1940 - zwei Jahre nach den Novemberpogromen, bei denen auch die Burgkunstädter Synagoge an der Kulmbacher Straße zerstört worden ist (heute Gedenkstätte).


Am "Guten Ort"


Von der frühesten Belegung an haben auch Kulmbacher Juden hier ihre letzte Ruhe gefunden, am "Guten Ort" (Makom tov). Ihre Grabsteine sind verwittert oder in morastigen Boden des Waldrands abgesunken. Gut zu entziffern sind jedoch die Namen der meisten Familienmitglieder, die zur Jahrhundertwende die neuzeitliche Gemeinde gegründet haben: Adler, Eisfeld, Fleischmann, Flörsheim, Zeidler.

Namen bleiben gesichtslos, wenn sie nicht mit lebendigen Erinnerungen verbunden werden. Bei einigen ist das auch nach weit über hundert Jahre möglich. Bei Hannchen Lump zum Beispiel aus Fulda. Hochbetagt kommt sie 1913 als Witwe nach Kulmbach, um bei ihren drei Töchtern Emma, Klara und Regina einzuziehen, die im Kressenstein 8 eine Boutique für Damenhüte besitzen. Rührend sorgt sie sich für die schon erwachsenen Mädchen und das "Putzgeschäft". Bei ihrem Tod 1915 lassen sie eine Widmung auf ihren Grabstein schreiben: "Ihr Leben erfüllte sich in liebender Sorge für ihren Mann und ihre acht Kinder."


Leuchte des Geistes


Kein anderer Rabbiner ist mit der jüdischen Gemeinde Kulmbachs mehr verbunden als Dr. Ezechiel Gotein. Der Burgkunstadter erteilt 17 Jahre lang zwei Mal in der Woche hebräischen Religionsunterricht an der Königlichen Realschule (heute: MGF-Gymnasium). Gotein gilt als fähiger Pädagoge und Leuchte des Geistes.

Der Kulmbacher Unesco-Club möchte mit dem Besuch des jüdischen Friedhofs auch ein Zeichen gegen den wieder erstarkenden Antisemitismus setzen. Seinem Vorsitzenden Hartmut Schuberth ist es wichtig, vor allem das selbstverständliche Nebeneinander, oft Miteinander, von Menschen unterschiedlichen Glaubens zu beleuchten. Führen werden Wolfgang Schoberth und Otto Schumann, langjähriges Mitglied des Bayerischen Landtags.
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