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Verkehr

Umgehung Stadtsteinach: Jetzt wird gebaut!

Viele Stadtsteinacher warten sehnsüchtig auf die seit Jahrzehnten diskutierte Umgehungsstraße. Jetzt wird ihr Wunsch erfüllt. Aber es gibt auch Kritiker.
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Die neue Trasse der Bundesstraße 303 unterschneidet die Alte Pressecker Straße. Zur Orientierung: links der Lindenhof Salem. Simulation: Staatliches Bauamt Bayreuth
Die neue Trasse der Bundesstraße 303 unterschneidet die Alte Pressecker Straße. Zur Orientierung: links der Lindenhof Salem. Simulation: Staatliches Bauamt Bayreuth

Kein Thema wurde in Stadtsteinach in den vergangenen Jahren so kontrovers diskutiert wie die Verkehrssituation - und damit verbunden die Frage, ob die Stadt eine Umgehungsstraße braucht oder nicht. Stadtsteinach hat ein massives Problem: Die Bundesstraße 303 führt mitten durch den Ort. Dabei wird es vor allem für Lastwagen im Begegnungsverkehr häufig eng - und für Fußgänger auf den schmalen Gehwegen gefährlich. Die Anwohner sind genervt vom Lärm des Schwerverkehrs, dem Dreck, den Erschütterungen.

Viele sind deshalb glücklich über die Entscheidung der Politik, die Umgehungslösung nun endlich anzupacken. Andere, darunter vor allem "Pro Stadtsteinach" und der Bund Naturschutz, kritisieren das gewaltige Bauprojekt, das mit Eingriffen in die Natur in beträchtlichem Ausmaß einhergeht.

Lösung für zwei Probleme

Mit welchen Gefühlen sieht Bürgermeister Roland Wolfrum (SPD) der Umsetzung entgegen? "Ich bin froh, dass es jetzt losgeht, nachdem uns das Für und Wider viele Jahre beschäftigt hat. Letztlich lösen wir damit zwei drängende verkehrstechnische Probleme: Der Verkehr der B 303 fließt nicht mehr durch den Ortskern, und das Gewerbe- und Industriegebiet inklusive Steinbruch bekommt eine direkte Anbindung an die Umgehung, sodass unsere völlig überbelasteten Straßen nicht noch weiter leiden."

Dass Stadtsteinacher Geschäftsleute Umsatzeinbußen befürchten, sei ihm bewusst, so Wolfrum. "Mit Hilfe der Städtebauförderung werden wir unser Städtchen neu aufstellen und alles tun, um aus unserer Zwickmühle das Beste zu machen."

Auch dass auf der Umgehungsstraße Natur verloren gehe, sei nicht wegzudiskutieren. "Aber diese Kröte müssen wir schlucken."

"Völlig falsche Verkehrspolitik"

"Pro Stadtsteinach" und der Bund Naturschutz können dem Projekt nichts Positives abgewinnen. "Pervers" sei es, so Knud Espig, Jürgen Machulla, und Alwin Geyer in einer Stellungnahme im Namen der beiden Organisationen, "dass sich die verantwortlichen Politiker für eine völlig falsche Verkehrspolitik loben lassen, die immer mehr Lkw auf unsere Straßen leitet und damit Baumaßnahmen erforderlich macht, die unsere Natur massiv zerstören".

Umwelt- und Naturschutz werde gepredigt, "was wir aber laufend erleben, ist eine massive Zerstörung unserer schützenswerten Umwelt". Ein Blick auf die laufende Baumaßnahme der Ortsumgehung Untersteinach zeige, "welche immensen Eingriffe in unsere Natur erfolgen werden. Das ist Größenwahn beziehungsweise Straßenwahn."

Espig kündigt an: "Pro Stadtsteinach und Bund Naturschutz werden die Baumaßnahme kritisch begleiten und jeden nicht zwingend erforderlichen Eingriff in unsere Natur deutlich an den Pranger stellen."

Kommentar

Teures Ende des Leidens

Es ist wohl eines der am längsten diskutierten Verkehrsprojekte überhaupt: 85 Jahre vergingen von der ersten Idee für eine Ortsumgehung bis zum Baubeginn. Das dürfte ein Rekord sein. Ernsthaft diskutiert wird das Projekt seit 40 Jahren - auch das eine gefühlte Ewigkeit. Und so sind die meisten Stadtsteinacher wohl froh, dass jetzt endlich die Bagger rollen.

Das ändert nichts daran, dass es ein umstrittenes Verkehrsprojekt bleibt - und das nicht ohne Grund: Die neue Trasse der Bundesstraße 303 rund um Stadtsteinach ist mit gewaltigen Eingriffen in die Landschaft verbunden. Ein schönes Stück Natur wird dem Straßenbau zum Opfer fallen. Das lässt sich nicht schönreden.

Doch auf der anderen Seite stehen große Verkehrsprobleme, für die es keine alternativen Lösungen gibt - zumindest keine, die politisch und rechtlich hätten durchgesetzt werden können.

Vor die Wahl gestellt, weiter mit den Problemen leben zu müssen oder sie endlich beseitigen zu können, entschied sich die Mehrheit im Stadtrat für das kleiner erscheinende Übel.

Während der Bauphase haben die Räte nun reichlich Hausaufgaben: Im Rahmen des städtebaulichen Entwicklungskonzepts geht es darum, das Zentrum so attraktiv zu gestalten, dass die Umgehung die Stadt nicht totberuhigt. Geschäfte und Gastronomie sind schließlich auf Kundschaft angewiesen.

Sich als kleines Frankenwald-Städtchen neu zu erfinden, ist keine leichte Aufgabe, aber unmöglich ist es nicht. Gelingt es, dann steht einer positiven Zukunft nichts im Wege.

Nur das anheimelnde Landschaftsbild am Tor des Steinachtals - das wird bald für immer verloren sein. Es ist der Preis, den Stadtsteinach für das Ende seines Leidens zahlt. Ein hoher Preis, aber das haben alle von Anfang an gewusst.

Chronologie: Finale

der unendlichen Geschichte

Die Idee, eine Umgehung um das Stadtsteinacher Ortszentrum zu bauen, ist nicht neu. Von ersten Plänen bis zum tatsächlichen Baubeginn sind 85 Jahre vergangen. Wir blicken zurück. 1934 gibt es bereits erste Pläne für eine Umgehungsstrecke. 1979 beginnt die Ortsplanungsstelle der Regierung von Oberfranken, den im Wesentlichen heute noch gültigen Flächennutzungsplan zu erstellen. Darin findet sich der Vermerk, dass bezüglich des möglichen Trassenverlaufs für die Umgehung "die Wahllinie von 1934 wiederaufgenommen wird, soweit die Realbebauung dies zulässt". Allerdings hat 1979 die Realität die Planer bereits überholt: Die angedachte Fläche ist durch das Baugebiet Richtung Presseck längst besetzt und kommt somit nicht mehr für eine Umgehungstrasse in Betracht. Anfang der 1980er Jahre wird zur Konjunkturbelebung ein staatliches Sonderprogramm für Ortsumgehungen aufgelegt, das eine schnelle Umsetzung verspricht. Es gibt jedoch keine Stadtratsmehrheit dafür. So geht es in den folgenden Jahrzehnten weiter. Es gibt immer wieder Anläufe, doch widerstreitende Meinungen. 2014 Das Planfeststellungsverfahren wird eingeleitet. Es gibt im Stadtrat eine Mehrheit für den Umgehungsbau, allerdings unter der Voraussetzung, dass der Bereich Unter- und Oberzaubach vom Gesamtprojekt abgetrennt wird. Die dort geplante Streckenführung stößt auf erbitterten Widerstand. Juni 2017 Das Planfeststellungsverfahren ist abgeschlossen, die Genehmigung für den Bau erteilt. Oktober 2017 Die letzten Hindernisse sind beseitigt, 13,8 Millionen Euro für den Bau der Umfahrung vom Verkehrsministerium freigegeben. Das Staatliche Bauamt beginnt mit der konkreten Planung. 3. Mai 2019 Mit dem offiziellen Spatenstich beginnt die Umsetzung des Bauprojekts.

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