Kulmbach

Überragende musikalische Leistung des Kulmbacher Vokalensembles TonART

Das TonART-Vokalensemble Kulmbach führt die "Musikalischen Exequien" von Heinrich Schütz in ergreifender Weise auf.
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Das TonART-Vokalensemble am Karfreitag bei seiner Aufführung der "Musikalischen Exequien" von Heinrich Schütz in der Petrikirche. Links an der Orgel der scheidende Dirigent Ingo Hahn, dahinter der Kontrabassist Joachim ("Akki") Schulz aus Halle. Foto: Schoberth
Das TonART-Vokalensemble am Karfreitag bei seiner Aufführung der "Musikalischen Exequien" von Heinrich Schütz in der Petrikirche. Links an der Orgel der scheidende Dirigent Ingo Hahn, dahinter der Kontrabassist Joachim ("Akki") Schulz aus Halle. Foto: Schoberth

Ein einzigartiges Werk hat das TonART-Ensemble am Karfreitagabend in der Kulmbacher Petrikirche aufgeführt: Heinrich Schütz (1585-1672) komponierte die "Musikalischen Exequien" für das Begräbnis seines Landesherrn Heinrich Posthumus Reuß am 14. Februar 1636 in Gera. Der Fürst hatte noch zu Lebzeiten eine Sammlung von Bibelstellen und Kirchenliedversen zusammengestellt, die Schütz für die Begräbnismusik vertonen sollte. Mit einem Teil der Texte sollte außerdem sein Sarkophag beschriftet werden. Die "Musikalischen Exequien", ein Werk für 6, 8 oder mehr Stimmen und Basso continuo, gelten als eine der tiefsinnigsten Schöpfungen des Komponisten.

Der erhaltene Sarg und die "Musikalischen Exequien" sind eindrucksvolle Zeugnisse reformatorischer Frömmigkeit aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Fürst legte jedes Detail seines Begräbnisses fest. Die Bibelverse, die ihm im Leben und im Sterben Seelentrost bedeuteten, sollten auch die Hinterbliebenen aufrichten. Deswegen sind sie Textgrundlage der Begräbnismusik.

Selbst den Tag der Einbettung in die Gruft hatte der Fürst sorgsam gewählt: Den Gedenktag des neutestamentlichen Propheten Simeon. Dessen im Lukasevangelium überlieferten Worte: "Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren" werden am Ende der Begräbnismusik erklingen.

Das Publikum in der Petrikirche lässt sich von der Darbietung des TonART-Ensembles ergreifen: Eine tiefernste Mahnung durchzieht den Kirchenraum, ein Drama um Sterben und Vergänglichkeit, doch auch strahlende Gewissheit des ewigen Lebens bei Gott.

Das Ensemble vertraut sich der von Schütz konzipierten Wortausdeutung an. Nichts wirkt in diesem reinen Stil beklemmend oder larmoyant, die Musik verströmt tiefen Trost. Die enge Wort-Ton-Beziehung, die für Heinrich Schütz charakteristisch ist, arbeitet Dirigent und Organist Ingo Hahn präzise und mit Verve heraus. Textverständlichkeit und Intonation der Sänger sind brillant. Dem vorzüglichen Kontrabassisten Joachim ("Akki") Schulz aus Halle gelingt die Verschmelzung mit dem Ensemble.

Jubelnde Helle des Tenors

Den ersten Teil der Exequien bildet eine rasche Abfolge von sechsstimmigen Chorsätzen der "Capella" und unterschiedlich besetzter Soli, begleitet vom Generalbass. Hier sind die Bibeltexte und Liedstrophen der Sarginschrift vertont. Nahezu alle Sängerinnen und Sänger treten in wechselnden Zusammenstellungen als Solisten hervor, sodass die unterschiedlichen Farben der Stimmen kaleidoskopartig immer neue Klangbilder ergeben. Herausragend ist der Tenor von Karin Reinhold, der selbst in Tiefen temperamentvoll zupackend, warm und weich ist. Im Schlussteil steigt ihr Tenor zu jubelnder Helle.

Venezianische Mehrchörigkeit, wie sie Heinrich Schütz an der Hauptkirche San Marco kennengelernt hat, prägt die weiteren Teile des Werks. Der zweite ist eine Motette für zwei Chöre mit je vier Stimmen über den Predigttext des Begräbnisses.

Im dritten Teil stellen sich die Vokalisten noch einmal neu zu zwei Chören zusammen, deren Zusammenstellung symbolische Bedeutung hat. Der tiefere, fünfstimmige Chor zitiert den Lobpreis des greisen Simeon und steht für die vergängliche Welt, die drei höheren Stimmen symbolisieren mit der Seligpreisung der Toten das unvergängliche Leben bei Gott.

Die beiden Werke zu Beginn des Konzerts stimmen die Zuhörer wunderbar auf die Grabesruhe des Karsamstags ein. Musikalisch können sie als Beispiele für die kompositorische Entwicklung im Frühbarock von der Polyphonie zum Generalbass gelten. Zunächst die Motette für fünf Stimmen zu Luthers Text "Verleih uns Frieden gnädiglich"; sie war Schütz' Beitrag zur Friedensfeier 1648 am Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Dann das kleine Konzert "O süßer, o freundlicher". Die Sopranistin Elke Höhn trägt es hinreißend vor, vom Generalbass begleitet, sie singt frei und einfühlsam: ein Lied mystischer Hingabe der Seele an den Erlöser, das sich steigert zu springender Vorfreude auf die Begegnung mit ihm in seiner endzeitlichen Herrlichkeit. Mit der aus Italien übernommenen Monodie bereitet Schütz einem Johann Sebastian Bach und seinen Zeitgenossen den Weg.

Das Publikum dankt nach einer Minute der Stille mit langanhaltendem Applaus für die überragende Leistung des Ensembles mit seinem scheidenden Gründer und Leiter.

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