Kulmbach
Burggeflüster

Tonleitern zum Genießen

Nicht jeder mag es, wenn in der Nachbarschaft musiziert wird. Unsere Autorin findet das charmant.
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Symbolfoto: Archiv/Ulrike Langer
Symbolfoto: Archiv/Ulrike Langer
In meiner Nachbarschaft spielt seit einiger Zeit jemand Klavier. Wenn ich an einem freien Nachmittag in meinem Garten sitze, weht der Wind die Töne von irgendwoher zu mir.
Wer immer da spielt: Er oder sie übt noch. Es sind keine komplizierten Impromptus oder Nocturnes, die da zu hören sind, sondern einfache Übungsstücke. Das erkennt sogar mein nur mäßig geschultes Gehör.
Ich finde das schön und vor meinem geistigen Auge entsteht ein Bild: Ich stelle mir ein Kind vor, acht oder neun Jahre alt vielleicht, das da am Klavier sitzt, die Beine noch so kurz, dass sie gerade eben die Pedale erreichen. Die Fenster stehen offen, draußen im Garten lehnt ein Roller an der Wand oder ein Fußball liegt da. Es wäre zu schön, jetzt einfach rauszulaufen und zu spielen... Aber das Kind übt eifrig. Tonleiter rauf, Tonleiter runter, Akkorde, Kadenzen. Und ich höre zu und genieße.
Liebe Eltern des Klavier-Kindes: Schneidet Euch diesen Text bitte aus. Es wird der Zeitpunkt kommen, zu dem sich ein missgelaunter Nachbar über den Krawall beschwert oder Euer Kind Euch mitteilt, dass ein aus dem Netz heruntergeladener Rap doch viel geiler sei als ein Chopin-Walzer. Dann tut es Euch vielleicht gut, wenn ein Zeitungsausschnitt an der Küchen-Pinnwand Euch daran erinnert, dass es eine Zeit gab, in der sich jemand sehr gefreut hat, wenn Euer Kind seine Tonleitern übte.
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