Kulmbach
Interview

"Tierschutz ist manchmal ein Fass ohne Boden"

Es kann erfüllend sein oder zum Verzweifeln: Arbeit im Tierschutz. Wolfgang Hain ist seit drei Jahren Vereinsvorsitzender für Kulmbach.
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OB Henry Schramm (links) überreicht Tierschutzvereins-Vorsitzendem Wolfgang Hain einen Scheck. Vor dem Tierheimfest am Wochenende wartet auf die Helfer viel Arbeit - doch die Mühe lohnt sich.BR-Archiv
OB Henry Schramm (links) überreicht Tierschutzvereins-Vorsitzendem Wolfgang Hain einen Scheck. Vor dem Tierheimfest am Wochenende wartet auf die Helfer viel Arbeit - doch die Mühe lohnt sich.BR-Archiv

Facebook spiegelt alle Grausamkeiten der Welt, die Tieren widerfahren - vom geprügelten Hund bis zum gejagten Wal. Sich für den Tierschutz einzusetzen, führt bisweilen an emotionale Grenzen, kann erfüllend sein und Tierfreunde zugleich verzweifeln lassen an der Gattung Mensch und ihrem Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Wolfgang Hain kennt das aus eigener Anschauung. Er ist seit drei Jahren Vorsitzender des Tierschutzvereins Kulmbach und Umgebung. Eine Fundkatze ebnete einst den Weg. Herr Hain, Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie schon die Welt verflucht und waren drauf und dran hinzuwerfen? Wolfgang Hain: Zugegeben, es gibt Momente, da reicht es. Dann wiederum schaue ich mir meine Katzen daheim an, die alle aus dem Tierschutz sind, und merke, was ich von ihnen zurückbekomme. Das motiviert mich weiterzumachen. Wenn man einmal sein Herz für den Tierschutz entdeckt hat, dann lässt einen das nicht mehr los. Hinzu kommt, dass wir im Tierschutzverein ein eingeschworener Haufen sind, der sich auch privat sehr gut versteht. Wenn einer mal down ist, baut ihn der andere wieder auf.

Es bleibt freilich immer eine gefühlsbetonte Angelegenheit. Es geht ja um Lebewesen und nicht um Gegenstände. Man muss aber, auch aus Selbstschutz, ein Stück Emotionalität rausnehmen. All die schlimmen Dinge dürfen nicht dazu führen, dass man gar nichts mehr tut und aufgibt. Wir wissen, dass wir hier nicht die Wale im Meer oder die Tiger im Dschungel retten können, dafür gibt es andere gute Organisationen. Wir versuchen, unsere Aufgaben vor Ort bestmöglich zu erfüllen. Aber manchmal scheint es ein Fass ohne Boden.

Gab es einen Auslöser für Ihre Leidenschaft als Tierschützer? Ja, den gab es. Er hatte vier Pfoten (lacht). Meiner Frau und mir ist vor etwa 13 Jahren eine Katze zugelaufen, die bei uns in der Scheune genächtigt hat. Die haben wir versorgt, beim Tierheim gemeldet - aber schließlich behalten, weil sich kein Besitzer gemeldet hat. So kam der erste Kontakt zustande. Wir wurden schnell begeisterte Katzenstreichler und Hunde-Gassigeher und haben immer wieder Samtpfoten bei uns aufgenommen, teilweise gewährten wir sieben Katzen gleichzeitig Obdach.

Gerade was streunende Katzen angeht, warnt der Deutsche Tierschutzbund vor einer wahren Flut. Wie sieht es in Stadt und Landkreis aus? Im Tierheim haben wir aktuell rund 50 Katzen, in der Quarantäne sitzen 17 Babykatzen aus diversen Fangaktionen, unter anderem von Bauernhöfen. Es ist richtig, dass die Gefahr einer unkontrollierten Vermehrung besteht. Deswegen verweisen wir immer wieder auf unsere Kastraktionsaktion, die dauerhaft läuft. Dafür sammeln wir auch Spenden, denn unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt. Wir müssen jeden Eingriff beim Tierarzt selber zahlen, das kostet pro Weibchen rund 135 Euro. Wir haben da auch keine Vergünstigungen, denn die Tierärzte müssen sich ja an ihre Gebührenordnung halten. Aber: Die Aktion zeigt mittlerweile Wirkung, es scheinen weniger zu werden. Es gab Zeiten, da saßen im Tierheim mehr als 100 Stubentiger. Unsere Helfer achten draußen darauf, dass auch die Streuner versorgt und kastriert werden.

Der Tierschutz ist kommunale Pflichtaufgabe. Was bedeutet das?

Jede Kommune ist laut Tierschutzgesetz verantwortlich dafür, Fundtiere zu versorgen. Diese Aufgabe ist schließlich an den Tierschutzverein delegiert worden. Wir übernehmen diese Aufgabe für die Stadt und den gesamten Landkreis Kulmbach, als Gegenleistung bekommen wir von jeder Gemeinde pro Einwohner und Jahr 50 Cent. So kommen etwa 30 000 Euro zusammen.

Reicht das aus?

Eigentlich nicht. Laut Berechnungen des Tierschutzbundes müsste die Abgabe auf bis zu 1,50 Euro ansteigen, um die Kosten zu decken. Das Geld aus diesem Topf reicht uns leider in keinem Jahr aus. Wenn so, wie vor einigen Jahren in Presseck, allein für eine Kastraktionsaktion 2500 Euro auflaufen, weiß man, wie schnell die Summe aufbraucht ist. Es gab früher nur 25 Cent, die Verdoppelung auf 50 haben unsere Kommunen glücklicherweise mitgetragen. Aber wir wissen, dass Städte und Gemeinde selber in finanziellen Schwierigkeiten stecken.

Wie wichtig sind Spenden?

Keine Frage, sehr wichtig. Das Spendenaufkommen ist laut unseres Kassiers Hans Beyer in den vergangenen Jahren um annähernd zehn Prozent gestiegen, hier stehen wir als Verein ganz gut da. Die Vermittlungsgebühren für Tiere sind weitere wichtige Einnahmeposten. Und natürlich die Beiträge unserer knapp 600 Mitglieder. Die Zahl geht aber leider eher zurück. Es sind viele ältere Menschen darunter, und die Jungen kommen nicht entsprechend nach.

Lassen sich Menschen schwerer für den Tierschutz begeistern?

Man muss permanent auf sich aufmerksam machen, Imagewerbung ist bedeutsam, um im Gespräch zu bleiben. Das Tierheimfest am Wochenende (siehe Infobox) ist enorm wichtig. Es gewährt auch Einblicke in unsere Arbeit und auf unsere Tiere. Gut zu wissen, dass wir einen harten Kern von rund 40 Aktiven haben, der uns auch bei den Vorbereitungen unterstützt. Ohne die geht es nicht. Die Bandbreite der Hilfen unserer Ehrenamtlichen reichen vom Futterholen bis zum Rasenmähen. Es gibt lediglich drei Festangestellte bei uns.

Wie läuft die Vermittlung?

Bei den Hunden hat sich die Situation mittlerweile entspannt, zwei Vierbeiner konnten wir erst vor kurzem vermitteln. Nun sind zwei unserer neun Zwinger wieder frei. Allerdings haben wir auch einige Langzeitinsassen wie unseren Spike, einen Kategorie-1-Hund, der in Bayern nicht vermittelt werden darf und sein Leben wohl hier verbringen wird. Unser WM-Orakel Popeye dürfte uns auch erhalten bleiben. Es kann aber jederzeit wieder sein, dass wir volles Haus haben. Nur mal so als Hausnummer: Es gab allein eine Familie im Landkreis, die trotz Tierhalteverbots immer wieder Hunde und Katzen hatte. Allein aus diesem Haus haben wir im Laufe von zehn Jahren über 100 Tiere rausholen müssen. Was wäre Ihr Wunsch? Die Traumvorstellung wäre: Jeder Tierhalter ist vernünftig und kümmert sich entsprechend. Dann wären wir irgendwann überflüssig. Aber das wird wohl nicht passieren.

Tierheimfest Am Samstag und Sonntag, 25. und 26. August, findet wieder das Tierheimfest statt. Zum Programm zählen eine Tombola mit über 200 Preisen, Flohmarkt, Zaubershow, Hüpfburg und das beliebte Strohhaufenspiel. Für Getränke und warmes Essen sowie Kaffee und Kuchen ist gesorgt. An diversen Infoständen informieren Vereine, Tierärzte etc. über ihre Arbeit. An beiden Tagen gibt es wieder Livemusik: Samstag spielen "New Sound", am Sonntag "Rocktime". Die Öffnungszeiten: Samstag 12 bis 18 Uhr, Sonntag 10.30 bis 17 Uhr.

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