Kulmbach
Projekt

Stolpersteine gegen das Vergessen

Vier Realschülerinnen haben sich mit den Schicksalen jüdischer Mitbürger befasst. In der Kulmbacher Spitalgasse erinnern goldfarbene "Stolpersteine" daran.
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Gunter Demnig hat schon 47 000 Steine in 17 Ländern eingebaut. Seine Arbeit erinnert an die Schicksale jüdischer Mitbürger. Im Hintergrund Natalie Fechner, Elina Hirschmann, Stephanie Busch und Jana Knörrer, die sich für die Kulmbacher Aktion eingesetzt hatten. Fotos: Matthias Hoch
Gunter Demnig hat schon 47 000 Steine in 17 Ländern eingebaut. Seine Arbeit erinnert an die Schicksale jüdischer Mitbürger. Im Hintergrund Natalie Fechner, Elina Hirschmann, Stephanie Busch und Jana Knörrer, die sich für die Kulmbacher Aktion eingesetzt hatten. Fotos: Matthias Hoch
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Vier goldfarbene Pflastersteine zwischen dem Café Robert's und dem Döner laden erinnern an ehemalige jüdische Mitbürger aus Kulmbach. Sie mussten zwischen 1937 und 1939 wegen des NS-Regimes flüchten: Franz Weiß, Jahrgang 1870 (kam 1941 in London bei einem Bombenangriff ums Leben), Georg Goldzweig, Jahrgang 1904, Ruth Goldzweig, geborene Weiß, Jahrgang 1906, und Siegfried Weiß, Jahrgang 1905, steht auf den Pflastersteinen. Sie lebten zuerst am Marktplatz, zogen dann in das Gebäude, in dem heute das "Bierhäusla" untergebracht ist. Die Familie hatte ein Modegeschäft.

In einem fächerübergreifenden Projekt haben die Realschülerinnen Jana Knörrer, Elina Hirschmann, Natalie Fechner und Stephanie Busch unter der Regie ihres Lehrers Kai Markus in den Archiven der Stadt recherchiert. "Wir sind dadurch auf die Schicksale dieser Menschen gestoßen. Es war uns ein Anliegen, darauf aufmerksam zu machen", erklärt Stephanie Busch sichtlich gerührt. Und deshalb haben sich die Schülerinnen für das Setzen der Pflastersteine stark gemacht.

Als Sponsoren konnten sie Jutta Schicker, Lehrer Kai Markus und Lehrerin Alexandra Kögel gewinnen sowie Enno Piening aus Bad Kissingen. Dieser hat noch persönliche Erinnerungen an Franz Weiß, seine Tante Margitta Müller lebt noch heute in Kulmbach und kam auch zur Stolperstein-Legung.

"Die Inschriften auf den goldfarbenen Pflastersteinen sind eingeschlagen. "Die Pflastersteine sind mit einer einen Millimeter dicken Schicht aus Messing belegt. Klauen lohnt sich nicht", sagt Künstler Gunter Demnig. Er hat schon 45 000 Steine in 17 Ländern dieser Erde eingebaut. "Jetzt folgen bald auch einige Pflastersteine in Rumänien", erklärt Demnig sein ganz persönliches Zeichen gegen das Vergessen. Denn genau das sollen die Pflastersteine sein - eine Mahnung, die an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Dritten Reich erinnern.

1990 Start in Köln

Bereits 1990 startete Gunter Demnig mit seinem Kunstprojekt - in Köln, wo er an die Deportation von Sinti und Roma erinnerte. "Im Mai 1940 wurden 1000 Sinti und Roma deportiert. Das war die Generalprobe", erläutert der Künstler.

Beim Setzen der Stolpersteine dankte Oberbürgermeister Henry Schramm den Schülerinnen für ihre Recherchearbeit. "Die Stadt unterstützt solche Dinge, öffnet ihre Archive und ermöglicht so die Recherche", sagte Schramm. Auch Landrat Klaus Peter Söllner betonte, wie wichtig es ist, dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte nie zu vergessen.

Zuvor fand im Musiksaal der Carl-von-Linde-Realschule ein Festakt statt, in dem das Projekt eindrucksvoll präsentiert wurde. Schulleiterin Monika Hild ging dabei auf die Arbeit von Gunter Demnig ein: "Was soll die bewusste Verlegung solcher Stolpersteine in unserer Stadt, noch dazu als künstlerische Aktion?", fragte sie und schob die Antwort gleich nach: "45 000 Stolpersteine sind auch 45 000 Einzelschicksale. Sie setzen nicht nur ein Zeichen, sondern haben sich nunmehr zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt.

Opfern die Namen zurückgeben

Sie geben den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurück. Und wenn wir uns bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen lesen zu können, dann verbeugen wir uns symbolisch vor den Opfern. Wir stolpern nicht und fallen hin, aber wir stolpern mit dem Kopf und dem Herzen."
Monika Hild verwies auch darauf, dass die Stolpersteine in das Eigentum der Stadt übergehen, und dankte vor allem Christina Flauder, die in ihrer Eigenschaft als stellvertretende Landrätin und Synodalin der Evangelischen Kirche intensiv an dem Projekts beteiligt war. Weitere wichtige Hilfestellungen gaben der Historiker Wolfgang Schoberth und Stadtarchivar Reiner Hofmann.

Laut Studienrat Kai-Alexander Markus wird mit den Stolpersteinen in der Spitalgasse ein fließender Übergang zwischen Generationen hergestellt: "Ehemalige Mitbürger, die in dieser Straße wohnten und ihrem Leben im Herzen Kulmbachs den Rücken kehren mussten, werden der Anonymität entrissen."

"Zivilcourage notwendig"

Stellvertretende Landrätin Christina Flauder hielt es für wichtig, weiterhin die Stimme zu erheben: "Wir brauchen Bürger mit Zivilcourage. Wir Kulmbacher werden diese Familien und ihre Schicksale niemals vergessen. Die Stolpersteine rufen uns auf, einzuschreiten, wenn es um Rechtsextremismus und die Verletzung von Menschenrechten geht."

Die Schülerinnen Jana Knörrer, Stephanie Busch, Elina Hirschmann und Natalie Fechner stellten die Einzelschicksale der Familie Weiß-Goldzweig vor und drückten dabei auch ihre Empfindungen aus.
Sonja Adam/Werner Reißaus




Courage und Schäbigkeit

Am 6. November1998 wollten sie noch einmal in den Flieger steigen. Ruth Goldzweig 86, ihr Mann Georg 94 Jahre alt: Sie wollten in ihre frühere Heimatstadt kommen, die Ausstellung "50 Jahre Reichskristallnacht in Kulmbach" am MGF-Gymnasium eröffnen, mit Schülern an der Hans-Wilsdorf-Schule diskutieren. Der Flug von Miami nach Nürnberg war gebucht. Der Empfang im Rathaus vorbereitet. Zwei Tage vor dem Abflug stürzte Georg Goldzweig, musste wegen eines Hüftbruchs ins Hospital. Alles musste abgesagt werden.


Enttäuscht über Stadt Kulmbach

Es wäre eine große Chance gewesen, Wunden zu heilen. Denn man sollte nicht verschweigen: die Goldzweigs waren enttäuscht über die Stadt Kulmbach, die sie niemals offiziell eingeladen hat. Wie dringend sie sich eine Geste der Versöhnung gewünscht hätten, kann man ihren Briefen entnehmen.

Zwar besuchen sie in den Nachkriegsjahren wiederholt ihre einstige Heimatstadt, doch dies privat, um Freunde aufzusuchen, die ihnen in den Jahren der Verfolgung geholfen haben: zum Beispiel die Familien Heer und Schiffner. Hans Schiffner etwa, in der NS-Zeit Polizei-Oberkommissar der Stadt, hat sie unter höchstem persönlichen Risiko vor Razzien informiert und Strafanzeigen vereitelt. Seine Courage hätte, so die Goldzweigs bei ihrem ersten Besuch in Kulmbach 1959, den "Nobelpreis für Humanität" verdient. Umgekehrt ist ihnen die Schäbigkeit mancher Kulmbacher nach 1933 in Erinnerung: Kunden, die die Gunst der Zeit nutzen, um "anschreiben zu lassen", ohne die Rechnung je zu begleichen. Eine Untermieterin die vorsätzlich keine Miete zahlt, weil sie weiß, die Schulden sind für Juden nicht mehr einklagbar. Gute Nachbarn, wie sie geglaubt haben, die sie anschwärzen.

Franz Weiß kommt 1902 von Debrtzin in Ungarn nach Kulmbach. Zwei Jahre später heiratet er Henriette Gollanscher (1873-1930). Als gelernter Schneider und Textilhändler arbeitet er zunächst im Modegeschäft von D. Winterstein in der Spitalgasse. 1910 übernimmt er er den Laden und erweitert die Verkaufsfläche. Das Geschäft für Damen- und Herrenkonfektion gilt als leistungsfähig und preisgünstig. Franz Weiß ist Kulmbacher mit Leib und Seele. Er versteht sich als deutscher Patriot, der seinen Sohn "Siegfried" nennt und freiwillig in den Ersten Weltkrieg zieht. Nach den zunehmenden Schikanen der Nazis verlässt er 68-jährig im Oktober 1938 Kulmbach und flüchtet nach England. Am 16. Februar 1941 wird er das Opfer der Bombardierung Londons durch deutsche Flugstaffeln. Sein Tod ist auf dem Grabstein der Familie Weiß auf dem jüdischen Friedhof in Bamberg eingraviert: "Unser liebster Vater Franz Weiß - gestorben 16. Februar 1941 Begraben in London".

Siegfried Weiß (1905-1989) absolviert die der königlichen Realschule in Kulmbach, zusätzlich schließt er eine Schneider-Lehre ab. Im April 1927 zieht er wegen des besseren Stellen-Angebots nach Augsburg. Nach der Machtergreifung Hitlers gerät auch er in den Strudel der Verfolgung. Mehrfach muss er den Wohnort wechseln - Nürnberg, München, Mannheim -, um dem Zugriff der Nazis zu entgehen. Er lernt die amerikanische Jüdin Helen Golomb kennen, die bereit ist, ihn nach New York zu nehmen und eine Scheinehe mit ihm einzugehen (August 1937). In den Kriegsjahren dient er, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, in der US-Army. 1958 kehrt er nach Kulmbach zurück, um sich von hier aus auf Suche nach seiner großen Jugendliebe Gundi Brodmann zu begeben. Er findet sie Kötzting. Sie heiraten und ziehen nach Augsburg. Nach seinem Tod 1989 wird Siegfried wunschgemäß im Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Bamberg beigesetzt.

Georg Goldzweig, ein gebürtiger Berliner, lernt die Tochter von Franz Weiß in Pommern kennen. 1931 heiraten sie in Kulmbach. Georg wird Prokurist im Geschäft seines Schwiegervaters. Ihr Sohn Manfred wird wenige Tage nach Hitlers Machtergreifung geboren. Im August 1937 stellen sie einen Ausreiseantrag in die USA. Nach monatelanger Prüfung und der Einziehung ihres gesamten Vermögens erhalten sie im März 1938 grünes Licht. Am 27. Juli 1938 verlassen sie von Hamburg aus Hitler-Deutschland. Wolfgang Schoberth




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