Kulmbach
Schicksal

Stark für zwei in schwerer Stunde

Ein Schlaganfall stellte das Leben von Wolfgang und Helga Hahn auf den Kopf. Doch das Paar hat Kampfgeist und erreicht gemeinsam Erstaunliches.
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Wolfgang und Helga Hahn lassen sich nicht entmutigen und feiern jeden kleinen Therapieerfolg wie einen großen Sieg. Foto: Barbara Herbst
Wolfgang und Helga Hahn lassen sich nicht entmutigen und feiern jeden kleinen Therapieerfolg wie einen großen Sieg. Foto: Barbara Herbst

Es war ihr Hochzeitstag - kein runder, aber ein besonderer, auch wenn die Eheleute Helga und Wolfgang Hahn das an jenem Sonntag, dem 10. Juni 2018, selbst noch nicht wussten. Auf Radio Plassenburg spielte Rainer Ludwig in seiner sonntäglichen Volksmusiksendung ein Lied nur für die beiden. Wolfgang Hahn hatte sich das nach 57 Ehejahren als kleine Überraschung für seine Helga ausgedacht, und die war ihm gelungen. Lena Valaitis sang "Ein schöner Tag" für das Paar - "und es war wirklich ein schöner Tag für uns", erinnert er sich mit einem Lächeln.

Auf den Tag genau drei Monate später die Katastrophe: Helga Hahn erleidet einen Schlaganfall. Beim Hausarzt im Wartezimmer wird sie plötzlich bewusstlos. Wenige Tage zuvor war sie an beiden Beinen operiert und auf eigenen Wunsch frühzeitig aus dem Krankenhaus entlassen worden.

Zwischen Bangen und Hoffen

"Die Situation war dramatisch, eine grausame Zeit für mich", sagt Wolfgang Hahn. Er erinnert sich an jedes Detail. Zehn Tage ist Helga Hahn nicht bei Bewusstsein. Banges Warten, Hoffen, dann endlich wacht sie auf. Die 76-Jährige ist halbseitig gelähmt, ein Pflegefall. Ehemann Wolfgang lernt im Schnellverfahren, wie man pflegt, kümmert sich während des Reha-Aufenthalts seiner Frau um die Umgestaltung der Wohnung, ein geeignetes Pflegebett, einen Lift, Hilfe vom Pflegedienst. "Ich war erstmal ratlos, wie ich das auf die Reihe kriegen soll, aber es musste organisiert werden, und das schnell", erzählt der 76-Jährige.

"Geht nicht, gibt's nicht", für Wolfgang Hahn. Er sucht Hilfe bei Silvia Bauernfeind vom Beratungs- und Betreuungsdienst pflegender Angehöriger der Arbeiterwohlfahrt Kulmbach. "Dieser Kontakt hat mir sehr geholfen. Es ist so wichtig, jemanden zu haben, der zuhören kann und mitdenkt, was in dieser Situation an Hilfe nötig und möglich ist."

In den ersten Monaten konnte Helga Hahn nichts aus eigener Kraft, nicht einmal schlucken. Dass sie das heute wieder kann, verdankt sie neben ihrem eigenen starken Willen der fürsorglichen Hartnäckigkeit ihres Mannes: Am zweiten Weihnachtsfeiertag gelang es ihm, ihr ein Löffelchen Creme von ihrer Lieblingstorte zu verabreichen. Seither lernt Helga Hahn, wieder zu essen, muss nur noch zum Teil über die Magensonde ernährt werden. " Ein Riesenfortschritt für mich", freut sich die 76-Jährige. "Das ist wieder eine ganz neue Lebensqualität, etwas schmecken zu können." Beide hoffen, dass sie die Sondennahrung bald gar nicht mehr brauchen.

Auch mit der Atmung ist es besser geworden. Wolfgang Hahn muss nur noch gelegentlich die Atemwege absaugen, damit sie Luft bekommt. In den ersten Monaten war das 20 mal am Tag nötig. Helga Hahn kann sprechen und seit einiger Zeit spürt sie ihren linken Arm wieder. Das macht ihr Hoffnung, dass sich zumindest ein Teil der Lähmungserscheinungen wieder zurückbilden könnte.

Gemeinsam mit ihrem Mann und mit Hilfe eines Spiegels wiederholt sie häufig die Übungen, die Physio- und Ergotherapeuten mit ihr einüben. Hier stimmt das Motto "Viel hilft viel!" Es braucht Geduld, doch die wird immer wieder belohnt: Jeden noch so winzigen Erfolg feiern die beiden als Sieg!

Die Betreuung seiner Frau ist ein Rund-um-die-Uhr-Job, doch Wolfgang Hahn macht ihn gern. Das liegt in seiner Natur. Der gelernte Zimmermann hat seinen Beruf mit Leib und Seele ausgeführt, ebenso später seine Tätigkeit als Hausmeister, zuletzt bei der Kulmbacher Sparkasse. "Jetzt ist die Pflege meiner Frau meine neue Aufgabe."

Hat er jemals gedacht: Das schaffe ich nicht? "Nein", sagt Wolfgang Hahn ohne Zögern: "Nie!" Doch bei aller Liebe und Hingabe: Die Belastungen gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Kurze Zeit nach dem Schlaganfall seiner Frau erlitt er selbst einen Herzinfarkt. Eine Auszeit, um sich zu erholen, kommt für ihn aber nicht in Frage. "Wir haben so viel geschafft. Die Fortschritte gingen verloren, wenn ich länger nicht da wäre. Das will ich nicht."

Schwre Krise in jungen Jahren

Es ist nicht die erste schwere Zeit, die das Paar gemeinsam meistert. Der schlimmste Schlag kam schon früh in ihrem Eheleben, als das erste Kind, ihre Tochter Sabine, im Alter von gerade einmal 14 Monaten im Dezember 1963 an einer Vergiftung starb. Der Zweitgeborene, damals gerade drei Monate alt, zeigte ebenfalls Symptome konnte jedoch gerettet werden. Das Paar bekam noch zwei weitere Söhne, und heute freuen sich die Hahns über acht Enkel und zwei Urenkel.

Ein Schmerz, der immer bleibt

Doch der Schmerz des Verlustes - er bleibt. Wie man damit fertig wird? "Das wird man nie", sagen beide. "Man lernt einfach nur, damit zu leben. Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann!"

In guten wie in schlechten Tagen zusammenzuhalten, das haben sie einander als junges Paar versprochen. "Und das gilt - bis zuletzt", sagt Wolfgang Hahn und nimmt seine Helga bei der Hand, die nächsten Etappenziele fest im Blick: die Funktionalität der gelähmten Körperteile zumindest teilweise zurückgewinnen, wieder gemeinsam Ausflüge machen, sobald er ein passendes und bezahlbares Auto findet, das den Transport seiner Helga samt Rollstuhl möglich macht.

Pflegende Angehörige

brauchen Unterstützung

Ein Pflegefall in der Familie stellt die Angehörigen vor enorme Herausforderungen. Der Beratungs- und Betreuungsdienst des Awo-Kreisverbands Kulmbach ist in diesen Fällen eine wichtige Anlaufstelle. Sozialpädagogin Silvia Bauernfeind unterstützt und begleitet in allen Fragen der Pflege und häuslichen Versorgung, der Pflegeversicherung und des Aufbaus eines individuellen Versorgungsnetzwerkes. Zudem werden "Pflegepaten" vermittelt, ein Helferkreis, der stundenweise die Betreuung übernimmt. Oberstes Ziel ist immer die Entlastung pflegender Angehöriger. Zudem kann man sich beraten und informieren lassen, wenn das Thema Pflege in Zukunft relevant werden könnte.

"Die Leistung der pflegenden Angehörigen ist bewundernswert und wird gesellschaftlich nicht hoch genug geschätzt", bedauert Silvia Bauernfeind. Die Expertin weiß, dass eine zentrale Anlaufstelle für pflegende Angehörige sehr wertvoll ist: "Für viele ist es wichtig, dass sie überhaupt mit jemandem über ihre Situation sprechen können. Es gibt viele unterschiedliche Probleme. Die wenigsten schaffen das allein." Sie appelliert deshalb an die Betroffenen, sich helfen zu lassen, und nicht zu glauben, alles alleine schaffen zu müssen.

Beratung Der Beratungs- und Betreuungsdienst pflegender Angehöriger des Kreisverbands Kulmbach der Arbeiterwohlfahrt in der Oberen Stadt 36 ist eine Anlaufstelle für alle, die Fragen zum Thema Alter und Pflege haben.

Kontakt Silvia Bauernfeind steht Ratsuchenden montags von 8 bis 10 Uhr, mittwochs von 8 bis 12.30 Uhr und nach Vereinbarung zur Verfügung. Telefon: 09221/9569-32. db

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