LKR Kulmbach
Unser Thema der Woche // Grenzerfahrung

Wie ein Ballon Brücken baut

Läufer aus dem Raum Kulmbach erzählen, welche Grenzerfahrungen sie kurz vor der Wende machten.
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Deutsch-deutsche Läuferfreundschaft: Frieder Krumsdorf und Roland Franz (von links) starten am 22. Januar 1989 in Ost-Berlin beim Mannschafts-Marathon. Für Michael Kraus, der wegen einer Fußverletzung ausfällt, springt Bernd Helbig (rechts) aus Cainsdorf ein. Nach 3:12 Stunden belegt das Ost-West-Trio Rang 16 unter 81 Teams. Fotos: privat
Deutsch-deutsche Läuferfreundschaft: Frieder Krumsdorf und Roland Franz (von links) starten am 22. Januar 1989 in Ost-Berlin beim Mannschafts-Marathon. Für Michael Kraus, der wegen einer Fußverletzung ausfällt, springt Bernd Helbig (rechts) aus Cainsdorf ein. Nach 3:12 Stunden belegt das Ost-West-Trio Rang 16 unter 81 Teams. Fotos: privat
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Ob es 99 Luftballons sind, die 1986 bei der "Canadischen Woche" in Kulmbach in den Himmel steigen, ist nicht überliefert. Sicher ist nur - einer fliegt über den Eisernen Vorhang und baut damit eine Brücke für sportliche Ost-West-Kontakte.

Den Ballon lässt die damals vierjährige Neuenmarkterin Tanja Franz in den Himmel steigen. Der Westwind treibt ihn etwa 100 Kilometer weit in Richtung Nordosten. In Hammerbrücke, einem 1200 Einwohner großen Ort mit großer Sporttradition im Vogtland nahe Klingenthal, findet ihn die Familie Beierl. Sie schreibt zurück, und mit der Familie Franz entwickelt sich eine Brieffreundschaft. "Es war ein großer Zufall, dass der Ballon ausgerechnet in einem Sportler-Ort gelandet ist", sagt 32 Jahre später Tanjas Vater Roland, damals schon passionierter Ausdauerläufer. Denn nur durch die Einladung der Ost-Familie bekommt er ein Visum für die DDR und kann so 1987 erstmals am Berglandlauf der TSG Bau Hammerbrücke, einem Klassiker unter den DDR-Volksläufen, teilnehmen. "Das war der sogenannte kleine Grenzverkehr. Wer in die DDR wollte, musste Verwandtschaft oder Freunde drüben haben, die für einen ein Visum beantragten", erinnert Franz an die Hürden für deutsch-deutsche Begegnungen. Ein Visum galt aber wohlgemerkt nur für den Wohnbezirk der Gastgeber.

"Roland Franz bot DDR-Assen Paroli" berichtet die Zeitung hinterher, nachdem der Neuenmarkter den knüppelharten Landschaftslauf über 25 Kilometer mit unzähligen Anstiegen in respektablen 1:55 Stunden gemeistert und Platz 41 unter 130 Teilnehmern belegt hat.

Der Dauerläufer aus Wirsberg

Roland Franz' Ost-Kontakte bescheren dem Wirsberger Bürgermeister Hermann Anselstetter, sportlich wie politisch ein Dauerläufer (seit 42 Jahren im Amt), einen Start beim Rennsteiglauf. "Der Organisator des Berglandlaufes, Helmut Unger, hat für Hermann einen Startplatz besorgt - aber unter falschem Namen", erzählt Roland Franz. Das Pseudonym musste sein, denn vor der Wende waren beim Rennsteiglauf nur DDR-Bürer zugelassen, icht einmal Sportler aus befreundeten sozialistischen Ländern.

Anselsetter lernt wiederum über Helmut Unger den starken DDR-Läufer Frieder Krumsdorf (Marathonbestzeit 2:42 Stunden) kennen. Krumsdorf erinnert sich: "Ein Jahr später hat mir Helmut im Auto auf dem Weg zum Rennsteiglauf gesagt, dass heuer wieder ein Westler unter falschem Namen mitläuft." Es ist Michael Kraus, der durch Hermann Anselstetters Erzählungen in der Sauna Blut geleckt hat.

Hohes Risiko

Kraus nimmt 1988 für seinen Traum Rennsteiglauf ein großes Risiko auf sich. "Als BRD-Bürger musste man sich immer bei der Volkspolizei an- und abmelden. Dummerweise habe ich da gesagt, dass ich beim Rennsteiglauf mitmache." Die resolute Dame im Kreisamt warnt Kraus eindringlich vor einem Start: "Ich will Ihnen ja nicht erzählen, was man mit Ihnen alles macht, wenn Sie erwischt werden. Unsere Gefängnisse sind etwas anders als die in der Bundesrepublik..."

Kraus lässt sich aber nicht einschüchtern, läuft unter dem Namen eines Sportlers der TSG Hammerbrücke. Am Start lernt er Frieder Krumsdorf kennen, der eingeweiht ist. Beide sind ähnlich stark, bewältigen die 65 Kilometer in 5:41:20 Stunden und belegen unter 2200 Startern den 108. Platz. Der illegale West-Starter bleibt unentdeckt. Und das, obwohl er eine optische Tarnung nicht für nötig hält. Frieder Krumsdorf erinnert sich: "Michael ist mit seinem Nike-Trikot schon aufgefallen, denn wir hatten ja nur Baumwollkleidung."

Ein Jahr später lädt Helmut Unger die Laufgemeinschaft Ludwigschorgast zum Berglandlauf ein. Insgesamt 22 Läufer, unter anderem von befreundeten Vereinen aus Kulmbach, Sonnefeld und Helmbrechts, wollen rüber. Doch nur neun bekommen ein Visum. 13, die von Familien aus Hammerbrücke eingeladen werden, verweigert die Stasi das Visum. "Die Einladungen von Familien außerhalb Hammerbrückes brachten sie nicht mit dem Lauf in Verbindung", meint Roland Franz, der selbst nicht starten durfte. Frieder Krumsdorf sagt: "Selbst ein Vierteljahr vor der Grenzöffnung, als alles schon gärte, wollten sie immer noch den Saftladen zusammen halten. Man wollte einfach keine Sportfreundschaften auf breiter Ebene."

Dokumente in der Unterhose

Krumsdorf, heute 67, will damals schon in den Westen. Im Juli 1989 besucht er seine Lauffreunde Kraus, Anselstetter und Franz. Doch der "Ossi" bleibt nicht - noch nicht. Weil Krumsdorf eigentlich mit seiner Familie über Ungarn in den Westen fliehen will und Angst um seine Arbeits- und Schulzeugnisse hat, gibt er sie Roland Franz mit. Der schmuggelt sie im Sommer 1989 in einem intimen Versteck in den Westen. "Ich habe sie mir in die Unterhose gesteckt", schmunzelt Franz. "Die hätten mich wohl wegen Dokumentenschmuggel eingesperrt, wenn sie mich erwischt hätten..." Krumsdorf flieht nicht über Ungarn, wartet die Wende ab, nimmt 1990 auf Empfehlung von Hermann Anselstetter eine Arbeitsstelle bei der Firma Kneitz in Wirsberg an, die den Sticker des VEB Plauener Spitze mit Kusshand einstellt, zieht mit der Familie nach Ludwigschorgast und wohnt heute noch dort.

Und alles nur wegen eines Luftballons aus Kinderhand.

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