Bamberg
Kraftsport

Vom Chefsessel auf den Weltmeister-Thron

Den lukrativen Job aufgeben, 16 Monate alles dem Sport unterordnen, um Weltrekordler zu werden: Es klingt verrückt, doch Dirk Lauber hat genau das getan.
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Kraftsport ist auch Kopfsache: Dirk Lauber hat nicht nur im Kraftraum, sondern auch mental viel gearbeitet. "Kopf und Muskulatur müssen maximal aufeinander abgestimmt sein", sagt der Weltrekordler.  Foto: privat
Kraftsport ist auch Kopfsache: Dirk Lauber hat nicht nur im Kraftraum, sondern auch mental viel gearbeitet. "Kopf und Muskulatur müssen maximal aufeinander abgestimmt sein", sagt der Weltrekordler. Foto: privat
Ein lauter Schrei, dann geht Dirk Lauber in sich. Was um ihn herum passiert, nimmt er nicht mehr wahr. Es gibt nur noch ihn und die Eisenberge vor ihm. Er greift die Hantelstange, seine Beine zittern. Das Gewicht geht in die Höhe, der Rücken ist durchgestreckt - 303 Kilogramm. Weltrekord. Weltmeister im Kreuzheben. 16 Monate hatte der 54-Jährige intensiv auf diesen Moment hingearbeitet und dafür sein Leben total umgekrempelt - denn halbe Sachen gibt es bei Lauber nicht.

Lauber ist nicht der typische Weltmeister. Einen Werdegang mit Erfolgen im Jugendbereich und Titeln auf oberfränkischer oder bayerischer Ebene gibt es nicht. In den Wettkampfsport ist der Bamberger mit einer deutschen Meisterschaft eingestiegen - im Alter von 53 Jahren.




Talent für Grobmotorik

Erste Erfahrungen mit dem Kraftsport sammelte er jedoch schon als 17-Jähriger. "Weil meine Mutter gesagt hat, ich soll nicht ständig nur rumhängen", erinnert sich Lauber. "Andere waren musikalisch, manche hatten die Poesie für sich entdeckt und mein Talent war eben die Grobmotorik."

Von nun an stemmte er regelmäßig Gewichte. Medaillen waren ihm egal, wichtiger war der durchtrainierte Körper. Aber halbe Sachen gibt es bei Lauber nicht: Er brachte sich Programmieren bei, um seinen Trainings- und Ernährungsplan besser zu organisieren. Er arbeitete an der Universität am Lehrstuhl für Sportmedizin, um den menschlichen Körper besser kennenzulernen.


Volle Konzentration auf den Beruf

Doch nach dem Studium (Sportwirtschaft und Recht an der Uni Bayreuth) geriet der Sport in den Hintergrund. "Es soll ja Menschen geben, die Familie, Freunde, Job und Sport unter einen Hut bekommen", sagt der zweifache Vater. "Mir gelingt das nicht. Wenn ich gut im Job war, hatte ich wenig Zeit für die Familie, war ein schlechter Freund und ein lausiger Sportler. Aber auch wenn es für das Umfeld nicht leicht ist: Ich empfinde es als Privileg, sich auf eine Sache konzentrieren zu können."

Nun hatte der Beruf oberste Priorität - und Lauber machte Karriere. Zunächst betreute er bei der Krankenkasse AOK im Bereich Marketing etwa 30 Niederlassungen. Anschließend war er Bereichsleiter beim Baur-Versand. Darüber hinaus leitete er am Standort Weismain eine der größten deutschen E-Co mmer ce-Agenturen und erbrachte weltweit Dienstleistungen für etwa 40 Unternehmen der Otto-Gruppe.

Doch nach fast 18 Jahren im Beruf zog der Bamberger Mitte 2016 einen Schlussstrich, kündigte seinen Chefposten - und besann sich auf sein sportliches Talent. "Obwohl ich schon über 50 war, wollte ich nochmal einen raushauen. Ich wollte die Komfortzone verlassen und hatte noch eine Rechnung mit mir offen: Ich hatte meine Anlagen nie richtig genutzt." Lauber setzte sich extrem hohe Ziele: Deutscher Meister mit deutschem Rekord, Europameister mit Europarekord und Weltmeister mit Weltrekord wollte er werden - denn halbe Sachen gibt es bei Lauber nicht.


Sehr große Disziplin

Er lebte nur noch für den Sport. Statt 14-stündigen Arbeitstagen im Büro verbrachte er nun täglich bis zu fünf Stunden im Fitnessstudio. Er arbeitete mit einem Berufstrainer, Arzt und Physiotherapeuten zusammen. Er machte Videoanalysen, ging spätestens um 22.30 Uhr ins Bett und stand nicht vor 8 Uhr auf. Partys waren verboten. Der 118 Kilogramm schwere Sportler nahm täglich bis zu 6000 Kalorien zu sich, um auf sein Kampfgewicht von etwa 135 Kilogramm zu kommen. Käse, Milchprodukte, Fleisch, Eier, Nudeln, Reis - in möglichst kleinen Happen, um den Magen zu schonen. "Manchmal habe ich 100 Milliliter Öl zum Frühstück getrunken, sonst hätte ich die Kalorien nicht reingekriegt", sagt Lauber. "Die Ernährungsumstellung ist mir sehr schwer gefallen. Manchmal hatte ich das Gefühl, mich mit Essen zu vergiften." Lauber blieb diszipliniert, ließ sich auch von Verletzungen nicht zurückwerfen und verwandelte - wie er es selbst nennt - einen unfitten, älteren Herren in eine leistungsfähige Maschine.

Und die Maschine lieferte ab: Im April 2017 gewann Lauber in seiner Altersklasse den deutschen Meistertitel im Kreuzheben (Gewichtsklasse 125 bis 140 kg) - wie geplant mit deutschem Rekord von 250 Kilogramm. Es folgten zwei Europameisterschaften bei zwei verschiedenen Verbänden. Die Bilanz: zwei Titel, zwei Altersklassen-Weltrekorde (283 und 290 kg). Fehlte nur noch die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft: Im tschechischen Trutnov ließ Lauber im dritten Versuch 303 Kilogramm auflegen - und scheiterte klar am Weltrekordgewicht, das er auch im Training noch nie gemeistert hatte. Doch bei Weltrekorden gibt es einen vierten Versuch. "Maximalleistungen sind oft auch Kopfsache", sagt Lauber. Er ging zur Hantel, motivierte sich und hob die 303 Kilogramm in die Höhe.

"Es war ein irres Gefühl. Ich hatte mir so viel Druck aufgebaut. Ich war wie ein Dampfkochtopf, bei dem das Ventil geöffnet wird. Es war eine Glücksexplosion", erinnert sich Lauber an die Minuten nach dem Titelgewinn. Er war zwar so erschöpft, dass er sich alleine nicht mehr die Schuhe ausziehen konnte, wusste aber auch, dass sich die vergangenen 16 Monate gelohnt hatten.


Nach Erfolg folgt Rücktritt

"Die Zeit war für mich keine Entsagung, kein Verzicht. Es war für mich erfüllend. Aber Erfolge werden durch eine Wiederholung nicht schöner", sagt Lauber und erklärte umgehend seinen Rücktritt vom Wettkampfsport. "Es gibt einfach noch andere tolle Dinge im Leben, die ich erleben will." Nun plant Lauber den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Im Start-up-Umfeld oder in der digitalen Transformation von Unternehmen will er sich betätigen. Das Ziel ist natürlich die Rückkehr auf den Chefsessel - denn halbe Sachen gibt es bei Lauber nicht.
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