Laden...
Neudrossenfeld
Sportkegeln

Kegeln - der Sport der Serien-Meister

Wechselnde Titelträger? Nervenkitzel bis zum letzten Spieltag? Auf der Suche nach der "langweiligsten" Bundesliga gerät das Sportkegeln in den Fokus.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die nächste Meisterschaft im Blick? Der Neudrossenfelder Timo Hoffmann ist seit 2006 Dauer-Meister mit Rot-Weiß Zerbst und steht vor seiner 15. Meisterschaft in Folge.  Foto: DKBC/Mario Dahmen
Die nächste Meisterschaft im Blick? Der Neudrossenfelder Timo Hoffmann ist seit 2006 Dauer-Meister mit Rot-Weiß Zerbst und steht vor seiner 15. Meisterschaft in Folge. Foto: DKBC/Mario Dahmen
+1 Bild

Die Ausbreitung des Coronavirus legt die Sportwelt lahm. Um das Virus einzudämmen, bleiben Fußballplätze und Hallen leer. Aktuellen Sport gibt es nicht mehr. Zeit, sich auf die Suche nach der vermeintlich "langweiligsten" Bundesliga Deutschlands zu machen. Eine Sportart rückt besonders in den Fokus: das Sportkegeln. "Schuld" daran sind auch zwei Oberfranken.

Spielen die Sportkegler in der langweiligsten Bundesliga Deutschlands? Timo Hoffmann verneint energisch. Der Neudrossenfelder hat mit dem SKC Rot-Weiß Zerbst (Sachsen-Anhalt) kürzlich die 15. Meisterschaft in Folge geholt - selbst wenn die im Moment ausgesetzte Saison nicht zu Ende gespielt wird. "Wir sind in jedem Fall Meister. Eine Annullierung wird es nicht geben. Pokal und Champions League sind aber abgesagt", sagt Hoffmann. Bis Anfang Juni hätten die Sportkegler Zeit, ihre Saison zu beenden.

Sollte die Saison abgebrochen werden, dann mit dem aktuellen Tabellenstand - und da liegt Zerbst uneinholbar auf Rang 1. "Es ist unser Wunsch, die beiden verbleibenden Spiele nach Möglichkeit noch zu spielen." Obwohl Zerbst seit Jahren die Liga dominiert, sagt Hoffmann: "Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung, weil sich die Gegner verstärken und wir nicht jedes Jahr mit dem gleichen Kader antreten." Seit 2004 kegelt der 50-Jährige in Zerbst und wurde nur in seiner ersten Spielzeit bei den "Rot-Weißen" nicht Meister. Hoffmanns Ex-Klub Victoria Bamberg, zwischen 1990 und 2005 achtmaliger Meister, hatte sich die Meisterschaft geholt.

Seitdem gingen jährlich die Titel in die knapp 22 000 Einwohner zählende Stadt südöstlich von Magdeburg. Aber wie erklärt sich die Zerbster Überlegenheit? An den Rahmenbedingungen, sagt Hoffmann, liege es nicht. "Es gibt Vereine, die aufgrund ihrer Lage bessere Voraussetzungen haben." Zerbst profitiere aber davon, dass es keine höherklassige Konkurrenz gebe. Die Sponsoren investieren in die erfolgreichen Kegler und ermöglichen einen Etat von rund 160 000 Euro.

Weil Zerbst national und international an allen Wettbewerben teilnimmt, gehe ein Großteil für den Spielbetrieb drauf. Zudem stehe die Region hinter dem Dauer-Meister. 100 und mehr Zuschauer sind bei Heimspielen keine Seltenheit. "Wir haben ein treues Publikum und eine hohe Nachfrage. Durch unsere stetigen Erfolge haben wir in Sachsen-Anhalt eine sehr gute Stellung."

Handballer und Fußballer ohne Chance

Das zeigen auch die Wahlen zu den Sportlern des Jahres, bei denen die Zerbster regelmäßig gewinnen und selbst Magdeburgs Handballer und Fußballer kein Land gegen die Kegler sehen. Ein weiterer Erfolgsgrund sei die Konstanz im Kader. "Wir haben keine große Fluktuation und viele Spieler sind schon Jahre bei uns", sagt Hoffmann. Den Hauptgrund sieht er aber in der Organisation des Vereins. "Wir haben die besten Strukturen der Liga", ist sich der Neudrossenfelder sicher. Beispielsweise gibt es einen Teamchef, der sämtliche Organisation übernimmt. Für die Spieler bedeute das: volle Konzentration auf den Sport.

"Der Leistungsdruck in Zerbst ist natürlich hoch. Aber die Spieler kommen nur zum Kegeln und können alles andere ausblenden." Dass der Dauer-Meister abgelöst werden könnte, deutet sich nicht an. Denn die "Rot-Weißen" haben unter anderem mit dem Bamberger Florian Fritzmann die Mannschaft verjüngt. "Die Neuzugänge haben unser Niveau sogar noch angehoben", sagt Hoffmann. Für den Neudrossenfelder ist die Dominanz aber nicht in Stein gemeißelt: "Sport ist dynamisch. Wenn sich Rahmenbedingungen ändern, kann auch schnell die Konkurrenzsituation eine andere sein."

Die Classic-Kegler aus Zerbst sind aber nicht die Einzigen, die ihre Liga nach Belieben dominieren. In der Disziplin Schere holten die Kegelfreunde Oberthal zwischen 2002 und 2014 13 Titel in Folge. Und bei den Bohle-Keglern legten die Rivalen Hannover (1993 bis 2003) und Phönix Kiel (2011 bis 2019) ähnliche Siegesserien auf die Bahn. Für Hoffmann sind solch dominante Vereine im Kegeln nicht ungewöhnlich. "Es haben sich Hochburgen gebildet, die aufgrund ihrer Erfolge Vorteile gegenüber anderen Standorten haben."

Eine dieser Hochburgen ist Bamberg. Der SKC Victoria zählt zu den erfolgreichsten Vereinen Deutschlands. Die Bamberger Frauen sind ähnlich dominant wie die Zerbster Männer. Seit 2005 holten die Bambergerinnen 15 deutsche Meisterschaften in Folge. Eine, die bei allen Erfolgen der Victoria dabei war, ist Daniela Kicker.

Langeweile? Fehlanzeige!

Langweilig, sagt Kicker, sei die Bundesliga trotz der Dominanz der Victoria aber nicht. "Das wäre zu provokant formuliert. Jede Spielerin hängt sich voll rein und opfert ihre Freizeit, um den größtmöglichen Erfolg zu haben." Trotz 15 Meisterschaften in Folge sei jede Saison eine neue Herausforderung. "Wir gehen nie in eine Spielzeit und denken, dass wir schon Meister sind", sagt Kicker. Die seit 1996 für Bamberg kegelnde Kicker zieht die aktuelle Saison als Beispiel heran: Die Victoria musste um ihre Vormachtstellung kämpfen.

"In der Hinrunde lagen wir nur auf Platz 3. Wir hatten verletzungsbedingt Ausfälle und Spielerinnen, die wegen Schwangerschaft fehlten." Zwei Spieltage vor Schluss liegen die Bambergerinnen aber wieder auf dem ersten Platz und können vom 16. Titel in Serie träumen. Weil die beiden abschließenden Spieltage aufgrund der Coronavirus-Krise ausgesetzt sind, ist noch offen, wie es mit der Saison weitergeht.

"Es gibt aktuell wichtigere Dinge"

"Sollte die Spielzeit annulliert werden und es keinen Meister geben, wäre das zwar schade, aber auch nicht dramatisch. In der aktuellen Lage gibt es wichtigere Dinge", betont Kicker. Das Bamberger Urgestein begründet die Dominanz mit der Attraktivität der Victoria und der Konstanz im Kader. "Der Erfolg macht es einfacher, gute Spielerinnen zu bekommen", sagt Kicker, "aber der Hauptgrund ist für mich, dass die meisten Spielerinnen schon seit vielen Jahren in Bamberg spielen." In der gewachsenen Mannschaft herrschten eine gute Stimmung und ein großer Zusammenhalt. "Neid gibt es bei uns nicht, bei anderen Vereinen aber schon."

Ein weiterer Erfolgsfaktor: Bambergs Unterbau. Die zweite Mannschaft spiele in der 2. Liga eine gute Rolle und die überwiegend jungen Spielerinnen wollen sich für die "Erste" empfehlen. Der sportliche Dauer-Erfolg hat aber eine Kehrseite: Immer weniger Zuschauer sind bei Heimspielen dabei. "Die Region ist satt", sagt Kicker und schiebt mit einem Schmunzeln hinterher: "Vielleicht sollten wir wieder einen Durchmarsch aus der Kreisliga starten." 1994 begann mit dem Kreisliga-Titel der Siegeszug an die nationale Spitze.

Das sagt die Zerbster Konkurrenz

Den höchsten Etat, die besten Strukturen, den Bundestrainer in den eigenen Reihen: Die Vormachtstellung von Rot-Weiß Zerbst scheint zementiert. Selbst die Konkurrenz glaubt nicht an eine zeitnahe Wachablösung."Man soll niemals nie sagen. Aber Zerbst hat schon deutliche Vorteile, und wenn es normal läuft, werden sie auch in den nächsten Jahren Meister", sagt Torsten Reiser, Kapitän des Vizemeisters SKC Staffelstein.

Reiser spielte selbst zehn Jahre in Zerbst und ist seit fünf Jahren für Staffelstein aktiv. Der SKC ist, wenn man so will, der erste "Verfolger" und auch in diesem Jahr auf Kurs Vizemeisterschaft - sofern die Saison ob der Corona-Krise beendet wird. Um einmal den großen Wurf zu schaffen, müsste sich einiges ändern. Der Staffelsteiner Spielführer meint damit nicht unbedingt die Finanzen.

Geld nicht ausschlaggebend

Zwar hat Zerbst nach Angaben der Zeitung "Volksstimme" einen Etat von rund 160 000 Euro, der alleinige Erfolgsfaktor sei das aber nicht. "Sie haben ganz andere Strukturen", sagt Reiser. In Zerbst gibt es einen Teamchef, der sich um sämtliche organisatorische Dinge kümmert. Die Spieler könnten sich voll aufs Kegeln konzentrieren. "In anderen Vereinen bleibt vieles an ein, zwei Personen hängen. Die müssen dann nicht nur kegeln, sondern auch die Organisation übernehmen."

Hinzu komme, dass mit Timo Hoffmann der Bundestrainer in Zerbst tätig ist. "Warum sollte ein junger Spieler woanders spielen, wenn er in Zerbst die besten Voraussetzungen hat und auch noch unter dem Nationaltrainer spielen kann?", fragt Reiser. Für den Staffelsteiner sind die Rollen auch in den nächsten Jahren klar verteilt. Trotzdem sagt Reiser: "Sollte Zerbst schwächeln, müssen die anderen da sein."