Kulmbach
Fußball

Im Oberland fehlen die Fußballer

Die Personalsorgen zwingen immer mehr Fußballvereine im Kulmbacher Oberland zu Kooperationen - selbst Erzrivalen machen gemeinsame Sache.
Artikel drucken Artikel einbetten
Im Raum Kulmbach müssen immer mehr Vereine wie der FC  Ludwigschorgast (Bild) ihre Eigenständigkeit aufgeben. Foto: Alexander Muck
Im Raum Kulmbach müssen immer mehr Vereine wie der FC Ludwigschorgast (Bild) ihre Eigenständigkeit aufgeben. Foto: Alexander Muck

Der Fußballsport im Kulmbacher Oberland befindet sich auf dem absteigenden Ast. Überall werden aus Mangel an kickendem Personal, aber auch an Funktionären, Allianzen geschmiedet, kaum noch ein Verein schafft es, selbstständig zu bleiben.

Selbst in der früheren Kreisstadt Stadtsteinach stand jetzt die einzige Herrenfußball-Mannschaft auf der Kippe. Nach drei Absagen mangels Personal in der abgelaufenen Kreisklassen-Saison wurde der TSV Stadtsteinach, einst ein Vorzeigeverein im Landkreis, in die unterste Liga verbannt. Lange hatten die TSV-Verantwortlichen darauf gebaut, eine Spielgemeinschaft in der A-Klasse mit dem ATS Wartenfels zu bilden. Doch der sagte für den TSV überraschend noch ab.

Nun also nimmt der TSV Stadtsteinach sein B-Klassen-Schicksal an. "Wenn alle Spieler, die mir zugesagt haben, zu ihrem Wort stehen, dann sehe ich keine Schwierigkeiten, eine Mannschaft auf die Beine zu stellen", sagt TSV-Fußballabteilungsleiter Wilhelm Günther, bei dem nach dem Rückzug des Sportlichen Leiters Georg Stöckel alle Fäden zusammenlaufen. Stöckel sagte zum Abschied frustriert: "Da hast du eine traumhafte Anlage, aber keine Spieler mehr."

Hellmuth hört auf

Vier Abgänge stehen beim TSV fest, auch Spielertrainer Dominik Hellmuth hört auf. Für ihn hat man aber einen Nachfolger gefunden. "Es ist ein erfahrener Trainer", sagt Günther, ohne einen Namen nennen zu wollen. In der Winterpause sollen noch ein paar A-Jugendspieler dazustoßen. Bis dahin brauche man aber weiterhin die Unterstützung der Altliga. Günther ist dennoch optimistisch: "Wir wollen in der B-Klasse schon vorne mitspielen." Im Toto-Pokal, der schon nächsten Donnerstag startet, sind die Stadtsteinacher aber ebenso wenig dabei wie die in der Kreisklasse beheimatete neue Spielgemeinschaft aus FC Kupferberg und FC Ludwigschorgast. Auch hier machte man aus der (Personal-) Not eine Tugend und bündelte die Kräfte.

Gestern bat Coach Alexander Weber die SG-Kicker erstmals zum Training. Die Kupferberger, die nach dem Abstieg aus der Kreisliga nur Lucas Holhut (FC Frankenwald) sowie die Tschechen Tomas Susko und David Benda verloren haben, stellen die Mehrheit des kickenden Personals.

Die Initiative zur Kooperation ging vom FC Kupferberg aus. 2. Vorsitzender Jürgen Holhut sagt: "Wir hätten vielleicht noch ein Jahr alleine überstanden, aber mehr schlecht als recht. Wir sehen jetzt erwartungsfroh in die Zukunft. Ich denke, dass da was Gutes zusammenwachsen kann."

Auf Ludwigschorgaster Seite führte Thomas Popp die Gespräche, der nach seinem Rücktritt vom Amt des Spielleiters wieder in die Vereinsarbeit eingestiegen ist. "Es wäre schwer für uns gewesen, eine eigenständige Mannschaft zu stellen, nachdem ein Großteil der Spieler weg ist." Unter anderem ging Spielertrainer Oliver Schedewie zu seinem Heimatverein Fortuna Untersteinach zurück.

Eine Zusammenarbeit mit dem Nachbar-FC hätte Popp noch vor ein paar Jahren für "undenkbar" gehalten. Doch da es immer weniger Fußballer gebe, bliebe den Vereinen nichts anderes übrig. Der 39-Jährige gesteht aber auch: "Es wurden natürlich im Verein auch Fehler gemacht." So habe in der abgelaufenen Saison in der Mannschaft "einiges nicht mehr zusammengepasst", so Popp, der die SG nicht als Übergangslösung sieht: "Wenn Du einmal diesen Schritt gemacht hast, kann ich mir nicht vorstellen, dass man wieder zur Eigenständigkeit zurückkehrt."

SG als "Pilotprojekt"

Für Jürgen Holhut ist die SG gar ein "Pilotprojekt" für eine größere Einheit, die einmal mit dem SV Fortuna Untersteinach und dem TV Guttenberg entstehen könnte. Die vier Gemeinden bilden ja schon auf kommunaler Ebene eine Verwaltungsgemeinschaft. Gespräche zwischen den Fußball-Vereinen gab es schon im Frühjahr, verrät Holhut. Denkbar sei auch eine gemeinsame Jugendarbeit auf VG-Basis.

Die 2. Mannschaften des FC Kupferberg und FC Ludwigschorgast bilden mit denen des TV Guttenberg und VfR Neuensorg eine B-Klassen-Mannschaft. Guttenberg und Neuensorg spielen mit ihren ersten Teams gemeinsam in der A-Klasse.

Kommentar des Autors

Dem Kulmbacher Fußball geht es wie den Nadelbäumen: Es ist der Wurm drin. Vor allem im Frankenwald greift die Seuche um sich. Immer mehr Vereine funken S.O.S. - die Spieler fehlen. Wer seine Herrenmannschaft nicht ganz aufgab wie der FC Tannenwirtshaus oder SV Mannsflur, sieht sich zur Kooperation genötigt - und sei es mit dem einstigen Erzrivalen. Der TSV Presseck, SV Grafengehaig, FC Marktleugast, FC Hohenberg, SV Marienweiher, TV Guttenberg, VfR Neuensorg, TSV Wirsberg oder die SG Gösmes/Walberngrün haben es schon getan, jetzt machen der FC Kupferberg und FC Ludwigschorgast gemeinsame Sache.

Fusionen oder Spielgemeinschaften sind zwar meist alternativlos, beschleunigen den Abstieg des Fußballsports aber noch. Denn mit der Eigenständigkeit gehen auch die Derbys flöten. Und wenn statt dem Verein aus dem Nachbarort künftig einer aus dem Bayreuther Hinterland aufkreuzt - wen interessiert's? Also bleiben Zuschauer und Einnahmen aus.

Die Probleme alleine auf den demografischen Wandel und die Abwanderung junger Leute zu schieben, wäre zu billig. Wie fähige Funktionäre mit den richtigen Ideen und Visionen einen Verein auch ohne dicken Geldbeutel erfolgreich führen können, sieht man am Beispiel des FC Neuenmarkt. Der hat heuer - gemeinsam mit dem TSV Wirsberg - sogar eine vierte (!) Herrenmannschaft gemeldet. Währenddessen man im Nachbarort Ludwigschorgast nicht mal mehr eine Mannschaft auf die Beine stellen kann...

Paradoxerweise hat der Bayerische Fußball-Verband (BFV) einen Teil der Probleme erst selbst geschaffen. Statt vielleicht die Zahl der Altersklassen von mittlerweile sieben wieder zu reduzieren - früher gab es nur Schüler und Jugend - oder kleinere Mannschaften zu bilden, führte der BFV vor einigen Jahren die Jugendfördergemeinschaften (JFG) ein. Eigentlich waren sie dazu gedacht, die Top-Talente in der Region zu bündeln bzw. zu halten. Doch durch die Fördergemeinschaften hat sich die Zahl der Trainer, Funktionäre und auch Spieler eher noch reduziert. Nach dem Motto: Wenn der Partnerverein seinen Trainer einbringt, kann ich mich ja zurückziehen. Und statt Derbys gibt es jetzt Weltreisen - welches Kind hat schon Lust, für ein Spiel knapp 100 Kilometer vom Franken- in den Steigerwald zu reisen? Wenn sich da ein Junge oder Mädchen ein anderes Hobby sucht, kann man es ihnen nicht verdenken.

Wenigstens gibt es noch optimistische Funktionäre im Oberland. Wie beim FC Kupferberg, die allen Zukunftsängsten zum Trotz weiter am Bau eines Kunstrasenplatzes festhalten - nur ein Pfeifen im kranken (Franken-)Walde?

Dass neben den Fußballvereinen auch die Wirts- und Gotteshäuser der Region verwaisen, ist wieder ein anderes Thema...

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren