Kulmbach
Architektur

So schön ist Kulmbacher Backstein

Viele Kulmbacher möchten nicht, dass bei der Mälzerei Müller wieder ein Stück Stadtgeschichte verschwindet.
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Kulmbacher Gründerzeitbarock: Die unter Denkmalschutz stehende  Unima-Mälzerei (1896, Architekt August Levermann) ist nach dem Abbruch des EKU-Lagergebäudes vor zehn Jahren in ihrer ganzen Schönheit sichtbar.  Foto: Stephan Tiroch
Kulmbacher Gründerzeitbarock: Die unter Denkmalschutz stehende Unima-Mälzerei (1896, Architekt August Levermann) ist nach dem Abbruch des EKU-Lagergebäudes vor zehn Jahren in ihrer ganzen Schönheit sichtbar. Foto: Stephan Tiroch
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Industriearchitektur der Gründerzeit übt eine faszinierende Wirkung aus. An zwei Stellen in Kulmbach kann man es noch sehen: So schön ist Kulmbacher Backstein. Umwerfend der Blick auf die Unima-Mälzerei in der EKU-Straße, 1896 vom damaligen Stararchitekten August Levermann erbaut. Dasselbe gilt für den gotisierenden Gebäudekomplex der Mälzerei Meußdoerffer von 1890 in der gleichnamigen Straße.

Viele andere Bauten aus rotem Ziegelmauerwerk sind aber weggerissen worden: Rizzibräu (heute Autohaus Dippold, Kronacher Straße), Sandlerbräu (Schwedensteg/Grünwehr) oder EKU-Brauerei (Stadtmitte). Dasselbe Schicksal droht der Mälzerei Müller.

So groß wie der Hardenbergblock

Bisher wissen die Kulmbacher recht wenig über das Vorhaben in der Pestalozzistraße 3. Eine öffentliche Diskussion fand noch nicht statt. Bekannt ist nur, dass die Rosenheimer Drösel-Gruppe dort 159 Appartements - 122 für Studenten, 37 für Senioren - mit 5000 Quadratmetern Wohnfläche bauen will. Ein Megaprojekt - so groß wie der komplette Hardenbergblock.

Falsch ist die Annahme, dass im Umfeld der Mälzerei Müller Tabula rasa gemacht wird. Erhalten werden muss der siebenstöckige Darrturm, der unter Denkmalschutz steht. Aber auch die gewohnte Straßenansicht bleibt weitgehend - Friseur Stübinger (Hausnummer 5) und das Lokal daneben (Hausnummer 7).

"Die Stadt verliert ihre Seele"

Dennoch: Viele Kulmbacher bedauern es, dass wieder ein Stück Stadtgeschichte verschwindet. "In anderen Städten werden solche Gebäude wie Schätze behandelt. In Kulmbach müssen diese alten Gemäuer weichen", kritisiert Achim Zeitler. Von den Zeitzeugen der Industrialisierung, "die uns einst Arbeit und Wohlstand gebracht haben", sei nicht mehr viel da. "Die Stadt verliert ihre Seele", sagt er. Was nachkommt, sei meistens schlechter, meint Zeitler und verweist auf den Wohnblock "Schwanenhof" im Spiegel: "Der passt in keiner Weise da oben rein."

Sein Wunsch ist es: "So viel wie möglich von der alten Backsteinarchitektur erhalten, das macht Kulmbach aus." Deshalb sein dringender Appell an den Stadtrat, dem Investor bei der Baugenehmigung hier Auflagen zu machen.

Enttäuscht vom Denkmalamt

Enttäuscht vom Denkmalamt ist Bernhard Kriest, ein Experte für die Baugeschichte der Petzbräu beziehungsweise Mälzerei Müller. Er wundert sich, dass hier kein Ensembleschutz für den stadtbildprägenden Gebäudekomplex greift, um mehr Originalsubstanz zu erhalten.

"Es muss im Interesse der Stadt sein, so etwas am Eingang zur Innenstadt nicht abzureißen", so Kriest. Alter Backstein plus moderne, hochwertige Architektur - daraus könnte etwas Schönes entstehen. Sehr oft habe er zu hören bekommen, dass ein Totalabbruch abgelehnt wird.

Sorgen wegen Fledermäusen

"Mehr von der Optik erhalten" möchte Kerstin Fontana, "wenigstens die Backsteinfassade". Es gehe schließlich um ein Wahrzeichen Kulmbachs, sagt die junge Frau, die direkt nebenan wohnt. Außerdem fragt sie sich, was aus den streng geschützten Fledermäusen wird, die in dem Gemäuer leben und die sie fast täglich beobachtet.

Nach Angaben des Landratsamts ist ein Fledermausvorkommen zwar nicht offiziell registriert. Es sei aber sehr wahrscheinlich, dass dort Fledermäuse anzutreffen sind. Sollten diese durch den Abbruch gefährdet sein, so müsse bei der Höheren Naturschutzbehörde an der Regierung von Oberfranken eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung beantragt werden. Dann würden Auflagen zur Abrisszeit oder zu Ersatzhabitaten gemacht.

Vorbehalte gibt es ferner wegen der Neubaugestaltung ("einfallslos") und wegen der möglichen Verschärfung der Parkplatzsituation. Von Nachbarn werden Bedenken geltend gemacht, dass der Rehberghang unterhalb der Karl-Jung-Straße rutschen könnte - wie schon damals beim Bau des Parkhauses in der Basteigasse.

Augenlaser bei der Außenmauer

Probleme beim Abbruch erwartet Guido von Stephani, dessen Gebäude in der Pestalozzistraße 1 eine gemeinsame Außenmauer mit der alten Mälzerei hat. Es werde "eine riesen Staub- und Dreckbelästigung" geben. Es müsse aber gewährleistet sein, dass das Orthopädie- und Sanitätshaus ungehindert erreichbar ist und der Augenarzt operieren kann: "Der Laserraum ist direkt bei der Außenmauer."

Weiter betont Stephani, "dass der Hang gestützt werden muss". Grundsätzlich bezeichnet er es jedoch als Gewinn, wenn hier investiert wird: "Kulmbach erwacht aus dem Dornröschenschlaf."

Charme und Identität

Welchen Wert und welche Bedeutung hat ein altes Gemäuer aus rotem Backstein wie die Mälzerei Müller? Eine Frage, die ein Experte beantworten muss. Wir zitieren deshalb Professor Martin Schirmer, Architekt und Stadtplaner aus Würzburg. Er stellte dem Stadtrat im Februar seine Planung für den Uni-Campus vor und hielt ein starkes Plädoyer für die Erhaltung des Güterbahnhofs.

Seine Argumente können eins zu eins auch für die Mälzerei Müller (ursprünglich Neubau der Petzbräu, die vorher in der Buchbindergasse war) gelten - man muss nur den Namen austauschen: Das stadtbildprägende Gebäude steht ebenfalls für die Industrialisierung Kulmbachs im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhundert und für die damalige Gründerzeit. "Die Erinnerung an das, was einmal war, schafft Identität", sagte Schirmer. Auch das Gebäude in der Pestalozzistraße 3 könnte mit einer schicken neuen Nutzung - hier Studentenwohnheim - einen unübertrefflichen Charme ausstrahle, wie er mit einem Neubau nie zu erreichen ist.

Der Stadtrat hat das letzte Wort

Über das Riesenprojekt in der Pestalozzistraße 3, das das Gesicht eines ganzen Stadtviertels verändern wird, hat der Stadtrat öffentlich noch nicht beraten. Den Gang der Dinge erläutert auf Anfrage Stadtsprecher Simon Ries.

Das Vorhaben wurde im Februar 2018 als eines von mehreren Wohnbauprojekten vorgestellt und vom Stadtrat grundsätzlich als "weiterverfolgenswert" (Ries) eingestuft worden. Damals war aber nur von 60 Wohnungen die Rede - jetzt sollen es 160 werden.

Ein Signal für den Investor

Im Nachgang stellte der Investor eine Bauvoranfrage. Auf dessen Wunsch, so Ries, sei das Thema im Juni - also vor einem Jahr - nicht öffentlich behandelt worden. "Dies ist ein nicht unübliches Vorgehen", stellt der Stadtsprecher fest. Berechtigte Geheimhaltungsgründe gebe es unter anderem dann, "wenn - wie in diesem Fall - durch ein Öffentlichmachen der konkreten Planungen Auswirkungen auf die Grundstücksverhandlungen zu befürchten gewesen wären. Ohne eine Aussicht, auch bauen zu können, hätte der Investor das Grundstück aber wohl nicht für eine erhebliche Summe gekauft." Der Stadtrat habe den Vorbescheidsantrag einstimmig genehmigt, um ein Signal zu geben für eine Investition in der seit Jahrzehnten leerstehenden Brache. Sobald der Investor die noch fehlenden Unterlagen - unter anderem zu nachbarschutzrechtlichen Belangen - eingereicht hat, werde der Stadtrat öffentlich über die Baugenehmigung beraten und entscheiden. In der Sitzung am 6. Juni voraussichtlich aber noch nicht.

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