Kulmbach

So kam Guttenbergs Auftritt in Kulmbach an

Die Rede Karl-Theodor zu Guttenbergs in Kulmbach stieß auf breite Zustimmung und Begeisterung. Seine ehemaligen Wähler loben ihn für seine klare Wortwahl.
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Andreas Spreng fiel auf mit seinem Plakat. Der 81-Jährige kam extra aus Ingolstadt, um Guttenbergs ersten Wahlkampfauftritt zu erleben. "Ich würde mir sehr wünschen, KT wieder in Amt und Würden zu sehen."  Fotos: Matthias Hoch
Andreas Spreng fiel auf mit seinem Plakat. Der 81-Jährige kam extra aus Ingolstadt, um Guttenbergs ersten Wahlkampfauftritt zu erleben. "Ich würde mir sehr wünschen, KT wieder in Amt und Würden zu sehen." Fotos: Matthias Hoch
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Just beim Küsschen, das Karl-Theodor zu Guttenberg kurz vor Beginn seiner Rede in der Stadthalle von seiner Frau Stephanie bekommt, steht Andreas Spreng nur einen Katzensprung entfernt. Er selber ist kaum zu sehen in der Menge, dafür überragt sein Mitbringsel alles: ein Plakat mit der Aufschrift "Welcome in Bavaria, Karl Theodor!" Der 81-Jährige ist extra aus Ingolstadt angereist. Zuvor habe er Ministerpräsident Horst Seehofer mitgeteilt, dass er sich aufmacht nach Kulmbach, um dem ersten Auftritt von "KT" beizuwohnen. "Horst hat mir gesagt, dass er das gut findet", sagt Spreng, seit 60 Jahren CSU-Mitglied.


Die Reise hat sich gelohnt

Nach der Rede des Freiherrn lächelt er zufrieden. Die Fahrt für seinen "KT", sie hat sich offenbar gelohnt. Derweil tippt ihm einer aus der Reihe dahinter auf die Schulter und sagt hörbar mit Kulmbacher Slang: "Ey, dei Sprüchla hättst fei net englisch schreim müssen, der Guttenbärch verstiddt scho nuch Deitsch!" Gelächter. Eine ältere Dame betrachtet Stephanie zu Guttenberg, ehe ihr ein "a Hübsche isse" entfährt. Jemand möchte Karl-Theodor nach seinem Auftritt nochmals die Hand schütteln, zuckt aber kurz zurück wegen der blauen Manschette am rechten Arm des prominenten Gastes, der sich seinen Weg durch die Menge nach draußen bahnt - ähnlich umlagert wie beim frenetisch gefeierten Einzug. Tosender Jubel sozusagen als Geleitschutz.

Als "KT" die Bühne betritt, applaudiert auch Ulrike Utz. Die Wartenfelserin wischt sich den Schweiß von der Stirn wie die allermeisten in der überhitzten Stadthalle. 80 Minuten später klatscht sie wieder in die Hände, strahlt. "Darauf musste man lange warten: Einer, der die Sachen beim Namen nennt und sich das zu sagen traut." Mit "Sachen" meint sie den Streit mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, aber auch Guttenbergs Einstehen für eine christlich-abendländisch geprägte Leitkultur, die sich auch Neuankömmlinge zu eigen machen müssten, wollten sie sich in ihrem Gastland integrieren.

"Beim Thema Leitkultur bin ich etwas anderer Ansicht als er", sagt Stefan Wolf. Er kandidiert für die FDP um das Direktmandat im Kulmbacher Wahlkreis. Einige der Guttenberg'schen Ansätze könne Wolf jedoch durchaus teilen. Auf die Frage, ob die Chancen der Liberalen bei der Landtagswahl im nächsten Jahr auf eine mögliche Regierungsbeteiligung nicht ins Bodenlose sackten, sollte die CSU auch noch ihren einstigen Überflieger ins Wahlkampfboot zurückholen, gibt Wolf zu: "Das ist natürlich ein Zugpferd, mit dem ein paar Prozentpunkte mehr drin sein könnten."


Er zieht Menschen in seinen Bann

Davon ist auch Gerhard Schneider überzeugt. Himmelkrons Bürgermeister und CSU-Parteikollege Guttenbergs fühlt sich "wie in den Zeiten, als Karl-Theodor schon einmal die Massen mobilisiert hat wie kaum ein anderer". KT habe nach wie vor die Fähigkeit, Menschen in seinen Bann zu ziehen. Über die Ausführungen zu Guttenbergs Wahlheimat USA und dem aktuellen Knirschen im Beziehungsgebälk mit den Vereinigten Staaten sagt Schneider: "Er ist eben ein Atlantiker, dem das deutsch-amerikanische Verhältnis besonders am Herzen liegt. Das hat man heute wieder deutlich gemerkt, und er hat die Bedeutung für uns alle klar gemacht."

Guttenbergs Exkursion über den großen Teich, aber auch sein Schwenk auf die Ukraine-Krise mit dem Minsker Abkommen und dem sogenannten Normandie-Verfahren zeichnet anderen Zuhörern hingegen Fragezeichen auf die Stirn. "Das war ein bisschen mühsam, ihm da noch zu folgen", sagt eine junge Frau, und ihr Freund ergänzt: "Den Teil hätte er sich schenken können, die Leute stehen sich hier schon lange genug die Beine in den Bauch."
Geschafft, aber sichtlich zufrieden steht OB Henry Schramm (CSU) ein paar Minuten später in der nun wieder fast leeren Halle einem Fernsehsender Rede und Antwort. "Durch diesen Auftritt ist Kulmbach und die Region für einen Tag im Fokus des Landes." Guttenbergs Rede nannte Schramm pointiert und mitreißend. "Es war eine Superstimmung, mehr konnte man nicht erwarten."

Stichwort Erwartungshaltung: Wie kommen Guttenbergs Äußerungen zu seiner Plagiatsaffäre sechs Jahre nach seinem Rücktritt von allen politischen Ämtern an? Immerhin bekundet der 45-Jährige in Kulmbach, sein Absturz sei selbst verschuldet, und er sei dankbar für jene, die ihn in Bezug auf sein Versagen "zurecht scharf kritisiert" hatten. Ist die Geschichte mit dem aberkannten Doktortitel für die Zuhörer überhaupt ein Thema? Monika Schiller, die wie KT aus Guttenberg stammt, hat eine klare Meinung dazu: "Ich war, zugegeben, damals schon enttäuscht, dass er so lange nicht die Wahrheit gesagt hat. Doch wir haben ihm längst verziehen."

Draußen, vor den Toren der Halle, steht die Doktor-Debatte nur kurz im Fokus. Einer der Passanten, die es nicht ins Innere geschafft haben, steuert mit ironischem Unterton das Bonmot des Abends bei: "Aus Rücksicht auf den hohen Gast hätten sie an der Stammberger-Halle schon für die zwei Stunden wenigstens das Dr. überkleben können."

Von Zustimmung bis Ablehnung: So kommentiert das Netz den KT-Auftritt

Erwartungsgemäß ließen die ersten Kommentare in den Online-Foren und sozialen Netzwerken auf den Auftritt Guttenbergs nicht lange auf sich warten. Hier ein Auszug.

Auf der BR-Seite bei Facebook schreibt Reinhard Hümmer: "Glaubt denn die CSU, dass über die Affäre Meineid Gras gewachsen ist? Was muss man in der Politik noch anstellen, um nicht wieder auftauchen zu dürfen?" Und Harald Michaux schlägt in dieselbe Kerbe: "Unglaublich, wie schnell Menschen vergessen und erneut auf den Lügenbaron hereinfallen."

Sebastian Hamish Kozyra hält dem entgegen: "Die Doktorarbeit bzw. der Doktortitel war noch nie wichtig. Aber Männer in der Politik zu haben, die sich nicht zu schade sind, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen, die jung sind und Visionen haben: DAS ist wichtig. Und genau deshalb ist es wichtig und richtig, dass K.T.z.G. zurückkommt!" Dem pflichtet Friedlinde Steinl bei - und sie hat gleich einen Posten: "Guttenberg wäre der beste Außenminister, den das Land bekommen könnte!"

So halten sich die Einträge zwischen Zustimmung und Ablehnung fast die Waage - ganz anders bei "Spiegel Online", wo über 95 Prozent bei Guttenberg abwinken. So wie Nutzer unwichtig_0815: "Keine öffentlichen Ämter für diesen Herren. Er hat auf immer jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Er kann gut in der Industrie unterkommen. Aber politisch ist er als Volksvertreter gestorben." Und Baikal notiert: "Guttenberg passt doch prima zu den Selbstdarstellern der Politik. Immerhin ist er mit seinen Lügen erst nach Jahren aufgeflogen, er hat hinter sich, was Merkel noch vor sich hat."

Falrach
hat einen Rat für den ehemaligen Minister: "Gehen Sie an eine Universität. Suchen Sie sich einen Doktor-Vater, ein geeignetes Thema und schreiben Sie eine Dissertation (eigenständig), muss ja nicht summa cum laude sein. Dann, nach vier bis sechs Jahren, kommen Sie mit erhobenem Haupt zurück nach Deutschland, meinetwegen auch in die Politik." jn
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