Mittelau
Großbrand

Sie waren die Helden von Kulmbach

Notre Dame weckt Erinnerungen an ein Großfeuer vor zehn Jahren: Ein Lagergebäude der Kulmbacher Brauerei, das abgebrochen wurde, stand in Flammen. 400 Rettungskräften gelang es, eine Katastrophe zu verhindern. Wir sprachen mit dem Einsatzleiter Thomas Limmer.
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Vor zehn Jahren: Am  6. Mai 2009   schlugen die Flammen aus dem Dach des 44 Meter hohen Lagergebäudes der Kulmbacher Brauerei.Archiv/Klaus Rössner
Vor zehn Jahren: Am 6. Mai 2009 schlugen die Flammen aus dem Dach des 44 Meter hohen Lagergebäudes der Kulmbacher Brauerei.Archiv/Klaus Rössner
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Paris steht unter Schock, die ganze Welt ist fassungslos: Der Brand, der die Kathedrale Notre Dame zerstörte, weckt auch Erinnerungen an ein Großfeuer, das vor zehn Jahren in Kulmbach wütete. Bei Abbrucharbeiten geriet am 6. Mai 2009 - es war ein Mittwoch - das 44 Meter hohe Lagergebäude der Kulmbacher Brauerei in der EKU-Straße in Brand. Eine schwarze Qualmwolke verdunkelte den Himmel über Kulmbach.

Wie jetzt in Paris kämpften in Kulmbach ebenfalls 400 Feuerwehrleute und Rettungskräfte - fast alles freiwillige Helfer - gegen die Flammen. Sie waren die Helden von Kulmbach. Sie verhinderten eine Katastrophe.

In beiden Fällen verursachten Bauarbeiten das Feuer. In Kulmbach setzte der Funkenflug bei Flexarbeiten an den Stahlträgern die Styropor dämmung in Brand.

Kreisbrandinspektor Thomas Limmer war damals der Einsatzleiter. Wir sprachen mit ihm darüber, wie er jenen Tag erlebt hat.

Nach der Brandkatastrophe von Notre Dame: Kommen bei Ihnen Gedanken hoch an das Großfeuer im Lagergebäude der Kulmbacher Brauerei vor zehn Jahren?

Thomas Limmer: Nein, da habe ich nicht dran gedacht. Aber wenn ich an der früheren Gastwirtschaft "Fuchsbau" vorbeifahre, wo ich damals mein Auto abgestellt hatte, erinnere ich mich manchmal noch an damals.

Es dürfte der spektakulärste Brand in Kulmbach gewesen sein, oder?

Ja, es war ein sehr großer Einsatz. Bei der Alarmierung war ich daheim. Ich kann vom Wohnzimmer auf die Innenstadt schauen und dachte gleich: Das wird was Größeres. Trotzdem hat der Einsatz bei dem ganzen Trubel sehr gut geklappt. Unser Vorteil ist, dass sich die Führungskräfte von Feuerwehr, Polizei, THW und BRK gut kennen und gut zusammenarbeiten. Alle waren in der Einsatzleitung vertreten, und wir hatten stündliche Besprechungen in unserer Kommandozentrale.

Was geht einem bei so einem Einsatz durch den Kopf?

Im ersten Augenblick geht alles durcheinander, das ist die sogenannte Chaosphase. Meine Aufgabe als Einsatzleiter war es, ein System reinzubringen. Es wurden unterschiedliche Einsatzabschnitte eingeteilt, zum Beispiel Löschwasserversorgung, Menschenrettung, Innenangriff, Bereitstellungsraum oder Versorgung. Das hat gut funktioniert.

Was war aus Ihrer Sicht das größte Problem?

Die erste Frage ist immer: Sind Menschen im Gebäude, sind noch Personen in Gefahr? Sind die Arbeiter alle draußen? Es hieß ja anfangs, dass der Kranführer vermisst wird, was sich dann aber nicht bewahrheitet hat. Zweitens stellte sich die Frage, ob die Statik des Gebäudes gewährleistet ist. Problematisch war auch die Rauchwolke, die durch den Wind auf die Stadt runtergedrückt wurde. An einem schönen Tag wäre der Qualm nach oben weggezogen. Oder das brennende Stypropor, das regelrecht runtergetropft ist und die Löscharbeiten erschwerte.

Worin bestand die größte Gefahr? Dass das Feuer auf umliegende Gebäude übergreift?

Wir arbeiten in solchen Fällen ein Gefahrenschema ab. Da kommt die Brandausbreitung - nach der Menschenrettung - an zweiter Stelle. Die benachbarten Häuser wurden evakuiert. Denn auch der hochgiftige Qualm hätte Personen in den Wohnungen gefährdet. Insgesamt waren aber die Abstandsflächen um den Brandherd groß genug, um ein Übergreifen der Flammen zu verhindern. Wegen der enormen Wärmestrahlung haben wir die Gebäude gekühlt und die Situation unter Kontrolle bekommen. Brenzlig war es bei der nur wenige Meter entfernten Unima-Malzfabrik. Dort brannte bereits eine hölzerne Dachhaube. Das Feuer konnte jedoch schnell gelöscht werden.

Haben Sie auch mal daran gezweifelt, dass das Feuer eingedämmt werden kann?

Nein, eigentlich nicht. Ich war mir sicher, dass man es in den Griff kriegen kann. Im ersten Augenblick erschien es uns als das Hauptproblem: Wie lange hält die Statik? Denn Stahlträger verformen sich durch die Hitze und werden ab 700 Grad instabil. Ein Fiasko, wenn das Gebäude eingestürzt wäre. Man hat erst später gesehen, dass es innen auch gemauert war.

Welche Erkenntnisse hat die Feuerwehr damals gewonnen?

Problematisch bei solchen großen Einsätzen sind weniger das Material oder die Fahrzeuge - hier wurde in den vergangenen Jahren auch mehr und mehr aufgerüstet. Die Kommunikation und die Koordination sind am wichtigsten. Wir hatten seinerzeit nur einen Funkkanal. Deshalb war große Funkdisziplin notwendig. Seit 2011 tun wir uns wesentlich leichter, weil wir den Digitalfunk haben. Jetzt kann man jedem Einsatzabschnitt einen eigenen Funkkanal zuordnen.

Alarm in der Mittelau: Die Brauerei brennt

Der große graue Kasten prägte das Kulmbacher Stadtbild. 44 Meter hoch und 53 Meter breit beherrschte er die Silhouette bei der EKU-Unterführung in der Mittelau. Als Bierlager hatte das massige Gebäude ausgedient. Es sollte 2009 abgebrochen werden - später auch das alte EKU-Sudhaus daneben.

Spezialisten hatten ein paar Tage zuvor mit den Arbeiten begonnen: von oben nach unten (was ein Fehler war, wie sich herausstellte). Mit einem Kran wurde auch ein Fünf-Tonnen-Bagger aufs Dach gehievt. Am dritten Tag - es war der 6. Mai - wurden Stahlträger mit der Flex durchtrennt: Funkenflug, Styropor, das sich entzündete, und es war Feuer auf dem Dach.

Arbeiter rannten um ihr Leben

Eigene Löschversuche scheiterten. Für die zwölf Mitarbeiter der Abbruchfirma ging es um Sekunden - sie rannten um ihr Leben: im Treppenhaus Süd - nach unten - bloß raus. Um 13.37 Uhr setzte der Bauleiter den Notruf ab. Die Brauerei brennt.

Großalarm in der Mittelau: Feuerwehrleute aus Kulmbach, aus dem halben Landkreis und aus Bayreuth eilten an den Unglücksort. Dazu THW, Rotes Kreuz, Bergwacht, Polizei und die Unterstützungsgruppe des Landratsamts. Insgesamt 400 Helfer.

Währenddessen schlugen die Flammen aus dem Dach. Durch den böigen Wind breitete sich das Feuer schnell aus. Eine stinkende, schwarze Rauchwolke, die man kilometerweit sehen konnte, verdunkelte den Himmel über Kulmbach. Den beißenden Qualm bekamen vor allem die Stadtteile in östlicher Richtung ab: unter anderem die Seniorenwohnungen am Schwedensteg und das Volksfest. Der Festplatz wurde geräumt, der Familiennachmittag fiel aus.

Die Rettungskräfte evakuierten die umliegenden Häuser. Gefährdet war vor allem die dicht am Brandherd stehende Unima-Malzfabrik. Man wusste nicht, ob dort Explosionsgefahr drohte. Die Flammen hatten inzwischen auf die komplette Isolierung des Gebäudes übergegriffen. Die Aluminiumfassade schmolz. Mit Wasserwerfern und Löschschaum kämpften die Helfer gegen das Feuer.

Nachts noch mal löschen

Aufatmen um 16 Uhr: Der Brand war unter Kontrolle. Um 18.30 Uhr durften die auswärtigen Feuerwehren heimfahren, ein Kulmbacher Löschzug blieb bis 20.30 Uhr am Brandort. Nachts um 21.26 Uhr entdeckte die Brandwache wieder Feuer auf dem Dach. Noch mal ausrücken, noch mal löschen. Die Rettungskräfte hatten eine Katastrophe verhindert.

Die Abbrucharbeiten wurden mit Verzögerung fortgesetzt. Zwei Wochen nach dem Bierfest war die Brandruine verschwunden. An der Stelle parken jetzt die Autos der Brauereimitarbeiter. Das Kulmbacher Landratsamt ließ die Styroporrückstände der Fassade untersuchen und konnte eine Woche später Entwarnung geben: In der Rauchwolke waren keine giftigen Dioxine enthalten.

Staatsanwalt: Feuer wäre vermeidbar gewesen

Nach dem Brand des Brauereigebäudes in der Mittelau ermittelte die Staatsanwaltschaft Bayreuth wegen Brandstiftung. Das Verfahren wurde erst dreieinhalb Jahre später beendet.

Auf Anfrage erklärte Leitender Oberstaatsanwalt Herbert Potzel, dass ein Sachverständiger den Brandort untersuchte. Laut Gutachten handelte es sich um fahrlässige Brandstiftung. Es habe viel dafür gesprochen, dass das Isoliermaterial durch Funkenflug in Brand gesetzt wurde.

Der Gutachter habe festgestellt, dass der Brand zu vermeiden gewesen wäre. Man hätte von außen nach innen arbeiten müssen - also zuerst die Außenhaut und das Styropormaterial entfernen und dann flexen. So wären Gefahrenpunkte beseitigt worden.

Ermittelt, so Potzel, wurde gegen den Chef des Abbruchunternehmens und gegen den an der Planung der Abrissarbeiten beteiligten Statiker. Da bei beiden geringes Verschulden vorlag, sei das Verfahren im November 2012 gegen Geldauflage eingestellt worden.tir

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