"Hannah, dul, set, net, dasot, yosot...", ruft die 13-jährige Ilka Woytinas und bewegt dabei Arme und Beine im Hampelmannstil nach außen und innen. "Jetzt, Kathrin", fordert Trainer René Woytinas die Nachbarin auf. Es dauert eine Schrecksekunde, dann legt auch die elf Jahre alte Kathrin Ströber los. "...ilgob, yodul, yol", kann auch sie die koreanischen Zahlen bis zehn aus dem Stegreif.
Nach Kathrin Ströber ist ihr Opa Wolfgang Spakowski (65) dran. Mama Angela Ströber sitzt am Rand und schaut zu. Sie lächelt zufrieden und ist glücklich in solchen Momenten, in denen Kathrin ein Kind wie jedes andere ist. Tatsächlich leiden die Jungen und Mädchen, die immer freitags trainieren, an Entwicklungsverzögerungen, schwerer Diabetes, Versteifungen, geistigen Defiziten, körperlichen Behinderungen oder Muskelfehlbildungen. Ein Kind kann kaum sehen, trotzdem möchte es unbedingt die koreanische Kampfkunst erlernen.
Jetzt ist Annalisa Hanisch (15) an der Reihe. Sie trainiert immer mit ihrem Papa und hat schon den gelben Gürtel. Gelb steht im Taekwondo als Symbol für den Erdboden - also für den Ursprung, auf dem alles wächst. Im Klartext bedeutet das: Annalisa ist keine blutige Anfängerin mehr. Sie kann ihrem Papa durchaus Paroli bieten. Während er schon bei den Aufwärmübungen ganz schön ins Schwitzen kommt, läuft sie zur Hochform auf. Voll konzentriert und mit jugendlichem Eifer ist sie bei der Sache. Gleich daneben wärmen sich Antonia Hacker (17), Fabio Arlt (9) und Astrid Ambrosius (16) mit Springübungen auf, um locker zu werden.
Erst wenn jeder Muskel gedehnt ist, kommt René Woytinas zum eigentlichen Teil, der Technik. "Ich denke nicht daran, was jeder im Einzelnen hat. Ich nehme alle so an, wie sie sind und wir versuchen, gemeinsam das Beste daraus zu machen. Die Erfolge sprechen für sich", sagt der Trainer. Weder die Kommandos noch die Techniken unterscheiden sich in irgendeiner Weise vom herkömmlichen Training.
Unlängst waren René Woytinas und Co-Trainerin Eva Christ-Kunz, eine Schwarzgurt-Trägerin, mit seinen speziellen Taekwondo-Kämpfern bei den "Special Olympics" in München. Dort durften die Kulmbacher Kids ihr Können zeigen. Taekwondo wirkt zwar auf Menschen mit Behinderung äußerst positiv, aber außer in Kulmbach wird es als Therapieform lediglich an Schulen in Kempten und in Bad Tölz gelehrt.
"Für meine Tochter Ilka ist zum Beispiel die Balance schwierig", erklärt der Trainer. Das Mädchen leidet unter einer Muskelstörung. "Es macht Spaß", sagt die 13-Jährige und konzentriert sich doppelt stark. Denn sie will es schaffen, alle Bewegungen genau so hinzukriegen wie der Papa.
Die "besonderen" Taekwondo-Schüler zeigten in München einen Formenlauf, im Fachjargon Hyong genannt. "Das hat wirklich gut geklappt", lobt der Trainer. Er erklärt, dass so ein Formenlauf aus vielen vorgeschriebenen Bewegungen besteht. Allein die erste Hyong, die einfachste Übung mit dem Namen "Himmel und Erde", setzt sich aus 19 vorgeschriebenen Bewegungen zusammen, aus Block- und Angriffstechniken, die genauestens eingehalten werden müssen. Sogar die Platzierung der Schläge ist genau vorgeschrieben, die Schrittstellungen sowieso.
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