Stadtsteinach
Jubiläum

Seit 50 Jahren Mädchen für alles bei Salem in Stadtsteinach

Ursula Müller ist seit 50 Jahren Mädchen für alles bei Salem International in Stadtsteinach. Und dabei wollte sie doch partout nicht nach Stadtsteinach ziehen. Zu hässlich und zu groß fand sie das ehemalige Posterholungsheim damals. Aber Bürgermeister Werner Döll ließ nicht locker.
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Ursula Müller mit Bildern aus frühen Stadtsteinacher Tagen. 50 Jahre arbeitet sie inzwischen für das Hilfswerk Salem International. Foto: Matthias Beetz
Ursula Müller mit Bildern aus frühen Stadtsteinacher Tagen. 50 Jahre arbeitet sie inzwischen für das Hilfswerk Salem International. Foto: Matthias Beetz
Diese Tasse Kaffee und dieses Stück Apfelkuchen hat Ursula Müller ihr Leben lang nicht vergessen. Ins Cafe "Mozart" in Karlsruhe, wo die examinierte Säuglings- und Kinderkrankenschwester damals beruflich tätig war, hatte sie dazu ein freundlicher Herr eingeladen. Das war 1963. Noch heute, 50 Jahre später, muss sie bei dem Gedanken an das Treffen mit ihrem späteren Ehemann schmunzeln. "Dort hat mich Gottfried Müller eingeholt", formuliert sie treffend.

Denn eben jener Gottfried Müller hatte bereits Jahre zuvor einen unternehmerischen Marathon gestartet und sich der Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft verschrieben. Waren es zunächst Obdachlose und Haftentlassene, um die sich der damals gut 40-Jährige kümmerte, merkte er bald, dass beim Thema Resozialisierung schon im Kindesalter angesetzt werden muss. Mit der Gründung des Hilfswerkes "Salem" am 16. September 1957 in Stuttgart wurde diese Zielsetzung immer klarer.

Dass er seine spätere Ehefrau Ursula sechs Jahre danach in Karlsruhe "eingeholt" hat, stand in direktem Zusammenhang damit. Denn die damals 23-Jährige war von der Ausbildung her bestens für die Salem-Aufgaben geeignet. "Am 1. Juni 1963 habe ich dann bei Salem angefangen", erinnert sich die heute 73-Jährige.

In den Folgejahren waren aber nicht nur die beruflichen Kenntnisse der in Backnang geborenen Salem-Mitarbeiterin gefragt, sondern immer mehr auch ihr Organisationstalent. Dinkelsbühl, München, Starnberg, Fürth-Tambach und Nürnberg waren nur einige Stationen, an denen sich Salem in teils gemieteten oder eigenen Häusern für Säuglinge, kleine Kinder und Jugendliche engagierte. Und je mehr Einrichtungen dazu kamen, desto deutlicher formulierte Gottfried Müller seine Idealvorstellung von der Salem-Zukunft: "Jung und alt, gesund und krank, Mensch und Tier und die Werkstätten gehören zusammen", erinnert sich Ursula Müller an die Worte ihres Mannes.

"Zu hässlich, zu groß"

Wie Salem dann nach Stadtsteinach gekommen ist? Ursula Müller muss lachen. Denn 1968 tauchte ein Makler auf, der Gottfried Müller zum ehemaligen Posterholungsheim in Stadtsteinach lotste. "Nein danke, zu hässlich, zu groß", lautete der erste Kommentar von Ursula Müller. "Aber der damalige Bürgermeister Werner Döll hat uns keine Ruhe gelassen", erzählt sie.

Am Ende sollte Werner Döll sein Ziel tatsächlich erreichen. 1969 mietete Salem zunächst die Postbauten, 1970 wurden sie von der Hilfsorganisation gekauft. Endlich konnten die bis dato getrennten acht Salem-Einrichtungen an einem Ort zusammengeführt werden.

Doch der Umbau sollte viel Geld und Kraft kosten. "Ich war dann halt Mädchen für alles" erzählt Ursula Müller. Und der Einsatz sollte sich lohnen. Die bis zu 120 Kinder konnten in Stadtsteinach nicht nur in Familiengruppen wohnen, sondern sich in Bäckerei, Schreinerei oder Keramikwerkstatt später auch ausbilden lassen. Hinzu kamen bald Sauna, Hallenbad, Reitbetrieb, Gästehaus und Kurklinik.

Parallel dazu wurde in Höchheim in den Haßbergen eine viehlose Landwirtschaft mit Gärtnerei aufgebaut, die Salem Stadtsteinach mit Lebensmitteln versorgte. Wie in Kovahl bei Lüneburg entstand auch dort nach und nach ein weiteres Kinderdorf. Dass die Salem-Kinder vegetarisch aufwuchsen, war damals keine Frage des Geldes. "Meine Kinder sollen gesund ernährt werden", lautete Gottfried Müllers Credo. Was in der heutigen Zeit eine Selbstverständlichkeit ist, bescherte Salem damals doch einige Häme.

Salem wird international

Ursula Müller, seit 1973 mit dem Salem-Gründer verheiratet, war auch in den Folgejahren stark gefordert, als das Hilfswerk international wurde. Dorfgründungen in Uganda, Togo und Russland sowie Hilfsaktionen in eine Vielzahl von Ländern folgten.

Doch Ursula Müller erlebte mit Salem auch schwarze Stunden. Anfang der 1980er Jahre kam es zum Bruch mit pädagogischen Mitarbeitern, der darin gipfelte, dass das Kinderdorf in Stadtsteinach aufgelöst und den Einrichtungen in Höchheim und Kovahl angegliedert wurde. "Das war eine harte Zeit", sagt sie nachdenklich.

Aus dem operativen Geschäft bei Salem hat sich Ursula Müller längst zurückgezogen, die Rolle als Mädchen für alles ist ihr aber auch nach 50 Jahren geblieben. "Sie ist wirklich mit ganzem Herzen für Salem da. Nicht als Chefin, wohl aber als Macherin mit Instinkt und großem Erfahrungsschatz", bestätigt ihr denn auch Sohn Samuel, der das Hilfswerk inzwischen zusammen mit Heiko Weiß leitet.

Ursula Müller, die seit 2009 verwitwet ist, fühlt sich nach wie vor wohl in Stadtsteinach. Und das sicher auch deshalb, weil das Mädchen für alles inzwischen für die beiden Enkelkinder Karla und Frieder sorgen darf, die der Oma sichtbar viel Freude bereiten.

Der besondere Wunsch

Was sich Ursula Müller für die Zukunft wünscht? Da muss die 73-Jährige nicht lange überlegen: "Ich wünsche mir, dass der Samuel immer die Kraft und die Weisheit hat, dieses wirklich große Werk von Gottfried Müller weiterzuführen."

Ein Werk, das für Ursula Müller vor 50 Jahren mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Apfelkuchen einen angenehmen Anfang nahm. Und bis heute Freude bereitet: "Ja, ich würde es wieder so machen."
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