Kulmbach
Kunst

Schülerkunst in Kulmbach: zerstört und geschmäht

Jetzt ist auch die letzte Puppe weg: Für die Schülerinnen und Schüler des Caspar-Vischer-Gymnasiums hat eine außergewöhnliche Kunstaktion ein jähes Ende gefunden.
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Er hielt am längsten durch. Aber nach drei Tagen wurde auch der "Gitarrist" zerstört. Foto: Sonja Adam
Er hielt am längsten durch. Aber nach drei Tagen wurde auch der "Gitarrist" zerstört. Foto: Sonja Adam
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Drei Tage lang haben die Puppen, die sie überall in der Innenstadt und im Stadtpark verteilt hatten, für Gesprächsstoff gesorgt. Drei Tage lang haben sie manche Menschen so provoziert, dass diese gewalttätig wurden. Nun sind die Puppen aus der Stadt verschwunden. Beschädigt. Zerschlagen. Zerstört.
Einzig der "Gitarrist" saß drei Tage lang intakt am Hintereingang des "Fritz"-Einkaufszentrums. Auch blieb aber von den Attacken nicht verschont. Als letzte Opfer hat Kunsterzieher Andreas Schoberth ihn gestern zurückgeholt ans CVG.

Jetzt herrscht Kunstpause. Bis Dienstag. Dann werden neue Puppen aufgestellt. "Aber dann nur solche, die keine Menschen in Notsituationen zeigen", beschwichtigt der Kunstlehrer.
Das nämlich hatte die Kulmbacher empört: Die Figuren, die die jungen Leute Werken des Installationskünstlers Mark Jenkins nachempfunden haben, zeigten Erschreckendes: Menschen mit Tüten über dem Kopf - tot? Menschen, die reglos auf dem Boden liegen - eine Notsituation?


Kunst darf provozieren

Kunstlehrer Schoberth ist überrascht, wie heftig die Reaktionen waren. "Aus meiner Sicht kann Kunst ein Wohnzimmer dekorieren, sie darf aber auch provozieren oder Fragen stellen", sagt er. "Ich verstehe in gewisser Hinsicht die Ablehnung. Aber ich denke auch, dass man sich vielleicht eher über die erschreckende gesellschaftliche Wirklichkeit aufregen sollte , die die Figuren repräsentieren."

Andererseits freut es ihn natürlich, dass über die Kunstwerke gesprochen wird. "Kommunikation ist ein Teil der künstlerischen Arbeit. Für mich wäre es eigentlich schlimmer gewesen, wenn wir keine Beachtung gefunden hätten."

Die Heftigkeit der Reaktionen freilich irritiert die jungen Künstler doch sehr. "Es hat uns sehr geschockt, wie die Leute reagiert haben", sagt beispielsweise Kristina Röhrich. "Wir hatten gedacht, dass die Leute einfach näher rangehen - und dann schon merken, dass es sich nicht um echte Menschen handelt."

Damit, dass die Figuren wohl nicht alle "überleben" werden, haben die Schüler schon gerechnet. Aber dass es so schnell geht, das habe sich niemand vorstellen können, meint Jessica Gaudeck. "Und dass gesagt wurde, da könne ja jeder seinen Müll einfach abstellen, finde ich schade, denn wir haben uns viel Mühe gemacht. Die Kritik ist schon hart."

Beachtung finden wollten die jungen Leute mit ihrem Projekt natürlich, sagt Julia Mayr-Kießling. Davon, dass viele Menschen die Kunstwerke für so schlecht halten, sei sie doch überrascht gewesen. "Und es ist auch schade, dass so viele zerstört wurden. Ich kann eigentlich nicht verstehen, dass man die Klamotten wegnimmt und dass man auf die Figuren draufschlägt. Das bringt doch nichts."

Etliche der Puppen wurden ganz bewusst und mutwillig zerstört. Kunstlehrer Schoberth selbst hat beobachtet, wie Leute auf die Figuren eingeschlagen haben. Er habe sie zur Rede stellen wollen, sagt er. "Aber sie sind davongelaufen."


Keine Beschwerden bei der Stadt

Über die so intensiven Reaktionen ist auch der Schulleiter erstaunt. "Damit hatten wir nicht gerechnet. Unsere Absicht war es eigentlich nicht, zu provozieren", versichert Klaus Gagel. Und wundert sich: "Dass die Menschen ein Drahtgestell, das mit Kleidung überzogen ist, als so bedrohlich ansehen, ist eigentlich erstaunlich."

Was manche Menschen so empört hat, war amtlich genehmigt von der Stadt Kulmbach. "Ich war über das Kunstprojekt informiert. Die Stadt Kulmbach ist für solche Dinge eigentlich immer offen", versichert Oberbürgermeister Henry Schramm. Bei der Stadt habe es wegen der Puppen keine Beschwerden gegeben.

Die Polizei hingegen hat sich mehrfach mit den Puppen beschäftigen müssen, wie stellvertretender Inspektionsleiter Reinhard Eber bestätigt. "Die Leute sind einfach erschrocken", sagt der Polizist, für den diese Art von Kunst doch fragwürdig ist. "Ich kenne die Zielsetzung nicht. Aber die Leute, die im Stadtpark unterwegs warten, gingen wirklich von einer Gefahrenlage aus."

Einige alarmierten die Polizei, setzten sogar einen Notruf ab. "Eine Puppe saß auf einer Bank und hatte eine Plastiktüte über dem Kopf. Eine andere Figur lag auf einer Bank, einer dritte stand mit dem Kopf im Abfalleimer daneben. Die Leute haben die Puppen wirklich für echt gehalten..."


Kein Anblick für Kinder

Zwar wusste die Polizei von den Figuren, kannte aber keine Details. So habe erst eine Fußstreife im Stadtrat für Klarheit sorgen können. "Eine Frau, die mit ihrem Kind unterwegs war, ist gehörig erschrocken. Kindern sollte man einen solchen Anblick auch ersparen", meint Eber - und hegt insgeheim die Befürchtung, dass Aktionen wie diese im Ernstfall Menschen davon abhalten könnten, Hilfe zu holen.

Wenn die jungen Leute und ihr Lehrer Andreas Schoberth in der nächsten Woche die Aktion fortsetzen, wollen sie niemanden mehr vor den Kopf stoßen. So wird eine Puppe, die eine Pistole in der Hand hält, nicht in der Öffentlichkeit zu sehen sein. "Wir wollen die Situation nicht überspitzen", sagt Andreas Schoberth dazu.

Ein Ziel, immerhin, wurde mit der Aktion bereits erreicht. "Kunst soll Aufmerksamkeit erwecken", schreibt Katrin Brehm, ebenfalls eine der jungen Künstlerinnen. "Kunst soll Reaktionen hervorrufen. Folgt man diesen Argumenten, dann ist das Kunstprojekt von uns Schülern des Caspar-Vischer-Gymnasiums schon jetzt ein voller Erfolg."
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