Kulmbach
NS-Opfer

Schüler setzten "Stolpersteine" zum Gedenken

Schüler des Caspar-Vischer-Gymnasiums setzten am Sonntagnachmittag mit dem Künstler Gunter Demnig "Stolpersteine" zum Gedenken an das grausame Schicksal von Kulmbacher Juden, die NS-Opfer wurden.
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Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzte gestern Nachmittag  die  Kulmbacher "Stolpersteine". Die erste pflastersteingroße Messingstafel versenkte Demnik in der Langgasse vor dem Geschäft von Hermann Aberle im Boden. Aberle wurde wegen "Wehrkraftzersetzung" angeklagt und 1944 gehenkt. Foto: Dagmar Besand
Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzte gestern Nachmittag die Kulmbacher "Stolpersteine". Die erste pflastersteingroße Messingstafel versenkte Demnik in der Langgasse vor dem Geschäft von Hermann Aberle im Boden. Aberle wurde wegen "Wehrkraftzersetzung" angeklagt und 1944 gehenkt. Foto: Dagmar Besand
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Der Zeitpunkt für die öffentliche Gedenkstunde am Sonntag Vormittag konnte nicht besser gewählt sein: zwei Tage nach der sogenannten Reichskristallnacht vor 74 Jahren, die die systematische Verfolgung jüdischer Bürger einleitete. Für OB Henry Schramm, der ins Rathaus einlud, jedoch keineswegs bloße Erinnerungsroutine, wie die zahlreichen Zuhörer erkennen konnten: "Mit dem Stolperstein-Projekt wird ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt. Zugleich hilft die Aktion, die Menschen heute gegen rechte Tendenzen zu sensibilisieren", sagte Schramm.

Auch die 13 Schüler eines Seminars des Caspar-Vischer-Gymnasiums, die neun Monate für ihre zehn "Stolpersteine" recherchiert hatten, zeigten, dass sie engagiert hinter dem Projekt stehen.
Nachmittags setzten sie gemeinsam mit dem Künstler Gunter Demnig aus Köln vor den Wohnhäusern der jüdischen Familien Gedenksteine aus Messing.

"Durch unsere Arbeit wollen wir Kulmbacher Familienschicksale aufzeigen und exemplarisch die Gräuel des Hitler-Regimes vor Augen führen. Diese betreffen Juden genauso wie politische Gegner", erklärten Maria Lotter und Lena Passing eingangs für die Gruppe. Projektleiter Christian Kramer ergänzte: "Der lokale Bezug und das Erinnern an individuelle Schicksale - beides macht Geschichte greif- und verstehbar. Die stellvertretende Landrätin Christina Flauder lobte die Gymnasiasten für ihr Engagement und ihre Courage.

Traditionsgeschäft

Die Schülerinnen Nina Zeitler und Louisa Zirbs stellten das Schicksal der Familie Marcus-Davidsohn vor: Jahrzehnte betreibt Bernhard Marcus zusammen mit seiner Tochter Berta und ihrem Ehemann Georg Davidsohn ein gutgehendes Kurz- und Spielwarengeschäft am Holzmarkt 12. Das Ehepaar hat drei Kinder - Hilde und die Zwillinge Albert und Inge.

1934 wird ihnen das Geschäft am Holzmarkt gekündigt, ebenso ihre Wohnung in der Langgasse 10. Sie werden in einer Baracke beim Priemershof in Metzdorf einquartiert. Im Morgengrauen des 25. Februar 1942 bricht ein Gestapo-Kommando in die Behausung ein: Die siebenköpfige Familie wird zum Güterbahnhof getrieben, in dort bereitstehende Waggons verfrachtet und in das Vernichtungslager Krasnicyn im Distrikt Lublin deportiert.

Gezielte Existenzvernichtung

Zusammen mit den Marcus-Davidsohns zählt das Ehepaar Nathan und Selma Flörsheim zu den jüdischen Mitbürgern, die es nicht geschafft haben, sich durch Aussiedlung zu retten - wie dies die CVG-Schüler Luca Häsner, Pascal Luthardt und Katrin Worona bei ihrer Präsentation vorstellten. Nathan Flörsheim, seit 1913 als Viehhändler in Kulmbach tätig, wird mit vom NS-Bauernverband systematisch betriebenen Verleumdungen, er verkaufe "räudiges" oder "tuberkulöses Vieh", in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. Die Wohnung in der Langgasse 12 wird der Familie gekündigt. Während das Ehepaar seine Kinder Vera, Ilse und Herbert in den USA in Sicherheit bringen kann, werden Nathan und Selma neben den Davidsons in der Priemershof-Baracke eingepfercht und am 23. April 1942 im Morgengrauen abgeholt.

Abrechnung in NS-Manier

Karl Strauß - auch er Viehhändler, der seit der Jahrhundertwende in Kulmbach und dem Umland seinem Beruf nachgeht. Lara Bühler und Sabine Weingardt haben sein Leben recherchiert: Zusammen mit seiner Frau Frieda wohnt er in der Kronacher Straße 3. Nach der Machtübernahme Hitlers ist er Rufmord-Kampagnen ausgesetzt. Als es ihm gelingt, am Vorabend der "Reichskristallnacht" 1938 die Thora der jüdischen Gemeinde nach Bamberg zu schmuggeln, möchte man ihm dies heimzahlen - mit allen Mitteln: Man bezichtigt ihn, ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau zu haben.

Die verdächtigte Frau wird am 13. November 1938 mit einem Schmähschild durch Kulmbach getrieben. Strauß wird zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. 1942 wird er von seiner Haftanstalt Zweibrücken aus nach Auschwitz überführt. Dass der damals 71-Jährige der Todesmaschinerie entgangen ist, ist nicht vorstellbar.

Mundtot gemacht

Zwei, die aus politischen Gründen ermordet werden, sind Hermann Aberle und Matthäus Schneider. Martin Kowalski stellte den Radiohändler Aberle (Langgasse 7) vor. Aberle macht aus seinem Hass auf das System keinen Hehl. Er erzählt in seiner Stammkneipe "Café Beyerlein" und bei Kunden, denen er Radios liefert, halsbrecherische Hitler-Witze.

Von einem Parteigenossen in Rugendorf wird Aberle bei der Kreisleitung der NSDAP denunziert - nicht nur wegen "Beleidigung des Führers", sondern auch wegen des Verdachtes, die "Volksempfänger" zum Abhören des "Feindsenders" tauglich zu machen. Der Kulmbacher wird von der Gestapo verhaftet und dem Volksgerichtshof überstellt. Am 5. Mai 1944 wird er wegen "Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung" in München-Stadelheim gehenkt. Sein Sohn Ludwig kämpft mit Petitionen bis zum Schluss um das Leben seines Vaters. Vergeblich.

"Meld dich net krank, Matthis!"

Matthäus Schneider, mit dem sich die Schülerinnen Christina Hübner, Franziska Kintzel und Julia Müller beschäftigt haben, haben die Nazis schon vor 1933 auf ihrer Abschussliste: Er ist ein kritischer Journalist der gewerkschaftsnahen "Fränkischen Volksbühne", ein engagierter SPD-Politiker im Kulmbacher Rathaus und im Bayerischen Landtag in München. Nach dem "Rathaussturm" im März 1933 wird er verhaftet und zum Verzicht seiner politischen Ämter gezwungen. Zudem wird ihm ein einjähriger Hausarrest (Hagleite 24) auferlegt.

Matthäus Schneider beugt sich der Auflage, unterstützt aber nach wie vor Hilfesuchende beim Schriftverkehr mit den Behörden. Und er ist nicht bereit, sein "Grüß Gott" einem "Heil Hitler" zu opfern. Trotz völliger politischer Abstinenz wird er im Juni 1944 von der Gestapo verhaftet und nach Dachau deportiert. Nach zwei Monaten KZ-Aufenthalt bricht der schwer Asthma-Kranke zusammen. Der 67-Jährige meldet sich krank, um im Lazarett versorgt zu werden. En Mithäftling warnt ihn noch: "Meld' dich net krank, Matthis, da kommst du nicht mehr raus"! Er sollte Recht behalten. Schneiders Totenschein ist auf den 29. September 1944 ausgestellt. Ohne die Angehörigen in Kenntnis zu setzen oder gar ihre Einwilligung einzuholen, wird er im Krematorium des KZ eingeäschert.

Idee Der Bildhauer Gunter Demnig aus Köln erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in die Straße einlässt. Sein Projekt begann im Jahr 2000, Kulmbach ist der 803. Ort, der sich beteiligt. 38.000 Steine wurden bisher in Deutschland und ganz Europa verlegt. Finanziert wird die Aktion durch Patenschaften: Jeder Stein kostet 120 Euro.





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