Kulmbach
Schreibwettbewerb

Schreibwettbewerb: Uschi, die gefleckte Katze

Die Bayerische Rundschau hat einen Schreibwettbewerb ausgelobt. Hier veröffentlichen wir die 21 Teilnehmer-Geschichten.
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Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert
Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert

Barbara Fries, Kulmbach:

Uschi, die gefleckte Katze

"Tiere können nicht nachdenken und keine Pläne fassen, sie werden durch ihren Instinkt gelenkt", so ist die Meinung vieler Leute über unsere tierischen Mitbewohner. Aber sie alle haben noch nicht Uschi, die Katze, kennengelernt. Sie ist ein zierlicher Stubentiger mit einem auffallend gefleckten Fell, der ein warmes Plätzchen am Ofen liebt, aber auch gerne auf Raubzüge geht. Uschis Besitzer sind nicht reich und wohnen in einem einfachen Haus, aber ihre Katze wird äußerst verwöhnt und ist deshalb mit der ganzen Welt sehr zufrieden. Von einem ihrer zahlreichen Abenteuer möchte ich heute berichten.

Nach Katzenmanier durchstreifte Uschi die umliegenden Gärten, nur vor dem Haus der wohlhabenden Familie "von Hohenstein" versperrte eine hohe Mauer mit einem eisernen Tor den Zutritt, was die Neugierde der kleinen Katze her-vorrief. Eine rote Leuchte wies auf eine Alarmanlage hin, eine Kamera sicherte den Eingang und ein großes Schild mit "Vorsicht vor dem Hund" sollten Ein-dringlinge jeder Art von dem Betreten des Grundstückes abhalten. Uschi wollte zu gerne wissen, was sich hinter der meterhohen Mauer verbarg, aber für die zierliche Katze war das Hindernis nicht zu überwinden. Sie hatte Geduld und lauerte hinter einem Busch, als sich das Eingangstor wie von Zauberhand öffnete und ein Auto durch die Einfahrt hineinfuhr. Blitzschnell schlüpfte die Katze durch das Tor, bevor es sich wieder schloss, und flüchtete sich in die dichten Büsche. Ihr Blick glitt über ein mächtiges Anwesen mit einem prachtvollen Haus, das dem kleinen Tier sehr imponierte. Dabei hatte sie Glück, denn der Hund Bruno war längst in die Jahre gekommen. Mit seinem dicken Bauch und seinen schlechte Augen und Ohren eignete er sich nur noch bedingt als Wachhund. Schwanzwedelnd und mit großer Freundlichkeit begrüßte er ge-rade seine heimkommenden Besitzer. Katzen hatte er in seiner Jugend verfolgt, mittlerweile brachte ihn nichts mehr aus der Ruhe.

Die Familie schaffte die Einkäufe in die Küche und in einem unbeobachteten Augenblick schlüpfte Uschi durch die Tür hinein ins Haus und stieg die Treppe nach oben. Für die kleine Katze war das ein aufregender Ausflug und nachdem sie von Zimmer zu Zimmer gestreift war, legte sie sich auf ein Sofa und schlief ein. Die Familie und der Wachhund hatten den Schlafgast nicht bemerkt und im Haus kehrte Stille ein. Entspannt lag die Katze da, ihr Atem wurde immer ruhiger.

Es war so gegen 2.00 Uhr am Morgen, als Uschi erwachte, sich streckte, räkelte und großen Hunger verspürte. Auf leisen Pfoten schlich sie nach unten, vorbei an dem schlafenden, schnarchenden Hund und den Schlafzimmern der Familie. Ihre feine Nase führte sie zu Brunos Fressnapf, der noch gut gefüllt war, denn alte Hunde fressen bekanntlich nur kleine Portionen. Das schmeckte!

Nachdem die kesse Katze sich den Bauch mit Hundefutter vollgeschlagen hatte, suchte sie den Ausgang, aber alle Fenster waren verriegelt. Uschi wollte wieder nach Hause und fing an, nervös auf- und abzulaufen. Mit einem Satz sprang sie auf das Fensterbrett in der Küche, kratzte energisch daran und da passierte es: Der ohrenbetäubende Lärm der ausgelösten Alarmanlage durchzog die Stille der Nacht, Uschi stieß erschrocken gegen die Blumen am Fenster, die mit Getöse auf den Boden fielen, und für zusätzlichen Lärm sorgten.

Selbst Hund Bruno war erwacht, rannte, für sein Alter in erstaunlichem Tempo, in die Küche und stimmte ein tiefes Gebell an, um den vermeintlichen Einbrecher zu stellen. Einige Minuten später war so einiges los, denn der Sicherheitsdienst war bei Alarm umgehend zur Stelle. Einige Männer durchstreiften das gesamte Haus, bemerkten die heruntergefallenen Blumentöpfe, fanden jedoch keinen Einbrecher und schon gar nicht Uschi. Die saß nämlich nahe der Eingangstür unter einem Schrank und wartete nur auf die Gelegenheit, unbemerkt durch den Hauseingang zu fliehen.

Die Männer vom Sicherheitsdienst und die Familie waren ratlos, wie die Alarm-anlage ausgelöst worden war. Als Schuldigen machte man schließlich Bruno aus, der mit gesenktem Blick neben seinem bis auf den letzten Krümel geleerten Napf saß und die Welt nicht mehr verstand. Als Welpe hatte er viel angestellt und schien, so mutmaßten seine Besitzer, in fortgeschrittenen Jahren wieder in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Der Futternapf blieb am nächsten Tag leer, schließlich hatte sich Bruno offensichtlich in der Nacht so richtig den Bauch vollgeschlagen.

Und Uschi? Die kehrte nach Hause zurück, legte sich auf ihr Kissen und wurde, wie an jedem Morgen, mit einem großen Napf voller Katzenfutter geweckt. Sehr zum Erstaunen ihrer Besitzer rührte sie an jenem Morgen nichts davon an, denn sie hatte überhaupt keinen Hunger! Besorgt um die Gesundheit ihres Stu-bentigers wurden alle Leckereien aufgeboten, die der Katze bei Krankheit schmeckten. Uschi nahm schließlich, zur Freude ihrer Besitzer, etwas Leberwurst und Hühnchen zu sich und war offenbar bald wieder auf dem Wege der "Besserung".

Dass Tiere nachdenken, steht außer Frage. Bruno grübelte die nächsten Tage noch über die ungewohnten Düfte an seinem Fressnapf nach, überlegte, warum er denn in der besagten Nacht geschimpft worden war und weswegen er am nächsten Tag Diät halten musste. Uschi plante hingegen bereits ihre nächsten Ausflüge, wobei sie mit viel List und Tücke vorgehen wollte. Könnten Hunde sprechen, so hätte Bruno zur Aufklärung des Vorfalls beitragen können. Könnten Katzen schreiben, Uschis erster Roman wäre längst erschienen.

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