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Schreibwettbewerb

Schreibwettbewerb: (No) Way out

Die Bayerische Rundschau hat einen Schreibwettbewerb ausgelobt. Hier veröffentlichen wir die 21 Teilnehmer-Geschichten.
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Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert
Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert

1. Preis: Tanja Pensel, "(No) way out

Kam sie eigentlich überhaupt jemals richtig zum nachdenken? Solveig Richter lehnte ihre Stirn gegen die kühle Fensterscheibe und blickte von ihrer Wohnung im 5.Stock hinunter auf die Straße.

Die Alarmanlage eines geparkten Wagens schrillte zu ihr herauf. Ein Grund für den Alarm war nicht zu erkennen. Immer mehr Menschen versammelten sich um den Wagen. Sie gestikulierten und redeten. Die Leute redeten. Immer redeten die Leute. Auch bei ihr im Haus.

Das, worüber sie am liebsten redeten, war Solveig. Wie sie lebte. Was sie tat. Vor allem seitdem seit einigen Wochen ein großer Unbekannter regelmäßig bei ihr ein und aus ging. Die Frau von gegenüber hatte sich nicht beherrschen können und sich nach dem Befinden "ihres werten Gatten" erkundigt. Als ob sie sich jemals vorher für das Befinden ihres Mannes interessiert hätte.

Solveig stieß ein Schnauben aus und schwenkte die Eiswürfel in ihrem Gin Tonic. Eine gefleckte Katze huschte an der Menschenansammlung vor dem Haus vorbei. Fünf Jahre war sie nun verheiratet - und fünf verdammte Jahre wohnte sie in dem hässlichen Wohnblock. In einer Stadt, die sie nicht mochte. Wegen ihm war sie hierhergezogen. Die Arbeit. Was gab es Wichtigeres im Leben.

Solveig kam eigentlich aus einem kleinen Dorf in der Nähe der großen Stadt. Sie war mit Pferden, Hunden und Hühnern aufgewachsen. Im Sommer barfuß. Im Winter Schneeengel auf den Wiesen. Damals hatte sie davon geträumt, eine Dame zu werden, mit Laptop und lederner Handtasche, und in einem Appartement in der Stadt zu wohnen.

Sie hatte sich ausgemalt, Immobilienmaklerin zu werden oder in einer kühlen, klimatisierten Bank zu arbeiten. Die Kleider die sie tragen würde, hatte sie selbst auf einen alten Block mit Buntstiften entworfen. Und immer trug sie in ihrer Vorstellung hohe Schuhe. Sie hasste hohe Schuhe. Am liebsten lief sie barfuß durch die Wohnung, die mit ihrer Traumvorstellung von damals wenig Ähnlichkeit hatte. Es war eng, stickig. Unten wurde noch immer diskutiert.

Sie hatten sich an der Tankstelle kennengelernt, an der sie damals jobbte. Eigentlich hatte sie so gut wie nie von ihrer Kasse aufgesehen, ihre Arbeit automatisch und ohne großes Getue erledigt. Er wäre ihr nie aufgefallen. Ein großer Typ, mit riesigen Händen, schütterem Haar und einer randlosen Brille. Einzig seine Stimme ließ sie kurz aufblicken. Tief und ruhig, fühlte sie sich an einen bestimmten Schauspieler erinnert, den sie einmal in einem Film gesehen hatte.

Deswegen hatte sie auch seine Einladung zu einem Abendessen angenommen. Ihr Vater hatte ihr immer prophezeit, dass sie keinen Mann finden würde, mit ihrem sandfarbenen Haaren und den dicken Fesseln. Vielleicht auch deswegen ging alles sehr schnell.

War sie jemals glücklich gewesen? Vielleicht am Anfang. Als alles noch diesen Zauber hatte, die Hoffnung auf etwas Neues. Schnell hatten sie geheiratet und waren in die Stadt gezogen. Er arbeitete als Handelsvertreter für eine große Fensterbaufirma. Sie hatte keine Ausbildung. Sie sollte sich um die Kinder kümmern. Die Kinder, die nicht kommen wollten. Egal, was sie versuchten. Er gab ihr daran die Schuld.

Sie füllte ihr Glas nach und nahm einen großen Schluck. Ihre Suche nach einer Arbeit erwies sich als schwierig. Mittlerweile war sie nicht mehr die Jüngste, und ihre Auffassungsgabe hatte auch nachgelassen. Sie trank zu viel. Aber was sollte sie auch sonst tun, dachte sie bitter. Der Alkohol entspannte und wärmte sie. Er hasste es, wenn sie in der Wohnung rauchte. Sie zündete sich eine Zigarette an und blies genüsslich den Atem aus. Sie hasste ihn.

Inzwischen schliefen sie in getrennten Betten, er im Arbeitszimmer. Sie vermisste ihn nicht. Seine riesigen Hände und sein schütteres Haar waren ihr zuwider. Wie er aß, wie er trank. Das alles regte sie auf. Seine Stimme langweilte sie. Es war kaum noch zu ertragen.

Energisch trat sie vom Fenster zurück, unten hatte sich mittlerweile eine beachtliche Menschentraube um das schrillende Auto gebildet.

Zum Glück war das alles bald vorbei. Sie würde die Wohnung, die Stadt und die Menschen hier nicht vermissen.

Energisch drückte sie ihre Zigarette im Glas aus. An der Tür stand eine kleine Tasche. Sie vergewisserte sich, dass alle Fenster geschlossen waren und alle Lichter gelöscht. In der Küche drehte sie den Gasherd auf und warf noch einen letzten Blick zurück.

Kurz zögerte sie und dachte an die beiden Kinder im 6. Stock, das Geschwisterpaar, ein kleiner Junge und ein nicht viel älteres Mädchen. Sie hoffte einfach, dass die beiden nicht zuhause waren.

Keiner bemerkte, dass die Frau mit den sandfarbenen Haaren und den dicken Fesseln das Haus durch die Hintertür im Keller verließ und in einen schwarzen BMW stieg, der in einer Nebenstraße auf sie wartete.

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