Kulmbach
Schreibwettbewerb

Schreibwettbewerb: Jowan und Inke

Die Bayerische Rundschau hat einen Schreibwettbewerb ausgelobt. Hier veröffentlichen wir die 21 Teilnehmer-Geschichten.
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Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert
Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert

Inge Baumbach, Wirsberg:

Jowan und Inke

Es war mitten im Krieg und ich etwa 10 Jahre alt, als wir Jowan bekamen. Er war serbischer Kriegsgefangener und meinen Eltern als Hilfe in der Landwirtschaft zugeteilt worden. Man hatte ein etwas heruntergekommenes altes Haus in der Ortsmitte als Lager für die Gefangenen eingerichtet. Tagsüber mussten sie bei den Bauern arbeiten. Sonntags, wenn ich zu meiner Großmutter ging, kam ich dort vorbei und blieb neugierig eine Weile stehen, wenn alle auf der Treppe vor dem Haus in der Sonne saßen und sich offensichtlich langweilten. Unser Jowan war einer der Älteren unter ihnen. Er war groß und stattlich, hatte aber schon graue Haare und Falten im Gesicht. Später, als er ein paar Worte Deutsch konnte, erzählte er meiner Mutter, dass er Zuhause auch ein Mädchen, wie mich hatte, eine Enkelin. Vielleicht kam es daher, dass Jowan und ich so gute Freunde wurden. Ich half ihm deutsche Wörter zu lernen. Er zeigte auf die Gegenstände und ich sagte z. B. "Hammer" oder "Säge" und bemühte mich meistens hochdeutsch mit ihm zu reden. Es blieb natürlich nicht aus, dass Jowan einige Dinge nur in unserer Mundart kannte. Wie wir nannte er Brötchen "Labla" oder Kartoffeln "Erpfl". Weil wir keine Obstbäume hatten, war es eine feine Sache für uns Kinder, als uns jemand eine Schüssel Zwetschgen schenkte. Ich nahm einige heraus, rannte damit zu Jowan, drückte sie ihm in die Hand und rief: "Zwetschga!" Er lächelte wehmütig auf die oberfränkischen Zwetschgen herunter und sagte leise: "Bei uns Zwetschga soo ...". Staunend sah ich ihn an, als er mir dabei mit seinem Daumen und Zeigefinger wies, dass in seiner Heimat diese Früchte die Größe von Hühnereiern hatten. Da musste ich doch sehr nachdenken. Bei unserer Magd Trina, die schon jahrelang zur Familie gehörte, war Jowan anfangs nicht sehr beliebt. Ich hörte einmal wie sie, die in der Arbeit ebenso flink war, wie mit ihrem Mundwerk, bei meinem Vater klagte: "Wenn er nur nicht so langsam wäre!" Ja, ein bisschen stimmte das schon. Jowan tat alles gründlich, doch in einer bedächtigen Art. Es dauerte aber nicht lange und Trinas Kritik schlug mit der Plötzlichkeit einer Alarmanlage in großes Wohlwollen um. Nämlich an dem Tag, als an ihrem hölzernen Rechen zwei Zähne abbrachen. Jowan verschwand wortlos damit in unserem Schuppen und bald darauf hatte Trina ihren Rechen wieder. Tadellos in Ordnung, mit zwei neuen Zähnen. Es stellte sich heraus, dass Jowan Zimmermann war. In der ruhigen Zeit nach der Ernte oder an Regentagen führte er an den Geräten, die auf dem Bauernhof gebraucht wurden, geschickt allerlei Reparaturen aus. Er überraschte meinen Vater mit einem Schränkchen, das er an der Wand befestigt hatte. Im oberen Teil hingen sauber geordnet alle Werkzeuge; unten waren zwei Schübe für Nägel und Schrauben eingearbeitet. Auch für mich hatte mein Freund eines Tages eine Überraschung und das kam so:

Wochenlang schon wünschte ich mir einen Stallhasen. Doch mein Vater wollte nichts davon wissen und Trina schon gar nicht. Sie ahnte wohl, dass dies für sie eine Mehrarbeit bedeuten würde, wenn ich, wie bei Kindern üblich, nach kurzer Zeit die Lust an dem neuen Spielzeug verlieren würde. So stellte ich mich hinter Jowan und redete auf ihn ein: "Du sprechen: August, musst Inge Hasen kaufen!" Zu dieser Zeit sprach ich schon ganze Sätze mit ihm, wandte aber dieses gebrochene Deutsch an, weil ich glaubte, dass er es so besser verstehen würde. Jowan gab keine Antwort, er lächelte nur. Zwei Tage vergingen. Er werkelte wieder im Schuppen. Plötzlich trat er unter die Tür und rief: "Inke!" (so sprach er immer meinen Namen aus) und winkte mich mit der Hand herbei. Außer Atem vom Spielen rannte ich hinein und wäre beinahe über einen Hasenstall gestolpert. Er stand vor mir, wunderschön und nagelneu. Jowan lachte über das ganze Gesicht. Ich strahlte und zog sofort meinen Vater herbei. Jetzt leistete er keinen Widerstand mehr und ich wurde glückliche Besitzerin einen schwarzweiß gefleckten, kleinen Hasen. Bald darauf musste uns Jowan verlassen. Er und seine Kameraden wurden abkommandiert. Wie es hieß zur Arbeit in einer Rüstungsfabrik. Ob er seine Heimat jemals wiedersah? Wir hörten nie mehr von ihm. Viele Jahre, bis zum Abbruch unseres Schuppens, hing dort noch das Werkzeugschränkchen an der Wand und der Hasenstall stand verlassen in einer Ecke.

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