Kulmbach
Schreibwettbewerb

Schreibwettbewerb: Glücksgefühl

Die Bayerische Rundschau hat einen Schreibwettbewerb ausgelobt. Hier veröffentlichen wir die 21 Teilnehmer-Geschichten.
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Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert
Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert

Frank Prüfner, Kulmbach

Glücksgefühl

Es regnete nun schon den dritten Tag unaufhörlich, aber es war kein warmer, wohltuender Sommerregen. Nein, es waren graue Bindfäden, die vom Himmel fielen. Kalt, unangenehm und deprimierend. Und wie so oft, saß der Mann in seinem braunen Lieblingssessel, dessen Armlehnen schon abgewetzt waren und der Bezug, auf dem seine Hände ruhten, schon glänzte. Er starrte mit leerem Blick in den Raum, ohne auch nur das Geringste bewusst wahrzunehmen. Er sah weder die Möbel oder die Bilder an den Wänden, noch die Dekoration in Form von Fotografien, Nippes und anderen Porzellanfiguren, die er bei so vielen Flohmarktbesuchen zusammengetragen hatte. All das schien unwichtig und nebensächlich geworden. Nichts von dem hatte noch Bedeutung.

Andere Gedanken und Erinnerungen beschäftigten ihn mehr und mehr... Er musste immer öfter über seine Jugendjahre nachdenken. Er war der einzige Junge von fünf Kindern gewesen, was in jungen Jahren nicht immer ganz einfach gewesen war. Doch er hatte seine Schwestern immer geliebt, hatte sie vor Jedermann verteidigt und wenn er gebraucht worden war, auch jetzt als erwachsener Mann, war er immer zur Stelle gewesen. Er hatte keine Bitte und keine Anfrage abgelehnt, in der Hoffnung, etwas mehr Beachtung seiner Geschwister zu bekommen.

Aber was ihm jetzt so zu schaffen machte, dass es umgekehrt anscheinend nicht so war. Wie oft hatte er sich gewünscht, wenigstens eine seiner Schwestern hätte einmal, nur einmal gemerkt, dass auch er Hilfe brauchte oder jemanden zum Reden nötig gehabt hätte. Dass er Probleme hatte, schien niemand zu merken, dabei hatte er sich immer gewünscht, dass die Familie zusammenhielt. Einer für den Anderen da war. Doch das Gegenteil schien der Fall zu sein. Der Mann holte tief Atem, bevor er sich eingestand, dass er für seine Schwestern irgendwie nur noch ein Fremder geworden war. Schon seit Jahren war keine Einladung mehr gekommen. Kein Geburtstagsglückwunsch, kein Frohes Weihnachten. Jetzt, da der Rest seines Lebens schon übersichtlicher wurde, dachte er manchmal darüber nach, ob es vielleicht an ihm lag? Ob es sogar seine Schuld war?

Doch jetzt war es zu spät. Er hatte dieses dumpfe, geradezu schmerzhafte Gefühl in sich, für seine Geschwister nur noch ein Gesicht in der Menge geworden zu sein. Jemand, den man grüßte, wenn man ihm zufällig auf der Straße begegnete. Visionen, davon, dass es eventuell besser war, selbst aus dem Leben zu scheiden, zuckten durch seinen Kopf. Und das Beängstigende bei diesen Visionen war, dass er keine Angst davor hatte. Bei jedem anderen würde bei solchen Gedanken eine Alarmanlage im Kopf schrillen. Doch ihm schienen sie direkt tröstlich. Alles einfach hinter sich lassen und seine Probleme würden sich wie morgendlicher Dunst in der Sonne auflösen. Dann würde er sicher wieder dieses Glücksgefühl in sich spüren. Dieses Glücksgefühl, das er schon so lange vermisste. Dieses Glücksgefühl, das er verspürte, als er ein Kind war. Ein Junge, umringt von seinen vier Schwestern, die auf den Nikolaus warteten, mit roten Wangen auf das Christkind hofften oder einfach ihren Bruder ärgerten. Solche und viele andere glückliche Erinnerungen oder nur kurze Bruchstücke davon zuckten ihm durch den Kopf. Wie er zum Beispiel seiner jüngeren Schwester einen Stoffhund geschenkt hatte, braun gefleckt mit weißen Pfoten. Wie er sie an die Hand genommen hatte und sie von seinem allerersten Lohn ins Kino und dann zu einem Eis eingeladen hatte. Und das mit gerademal fünfzehn Jahren. Seit dieser Zeit hatte er niemals mehr diese Glücksgefühle verspürt und er vermisste sie so sehr.

Doch wie sehr er sich auch anstrengte, wie sehr er sich bemühte, es half alles nichts. Im Laufe der Jahre war er für seine Geschwister immer durchsichtiger und durchsichtiger geworden. Und nun war er fast unsichtbar. War es am Ende doch am besten, einfach in die Garage zu gehen, das Tor zu schließen, sich ins Auto zu setzen, es anzulassen und einfach zu...?

Und plötzlich sah er etwas anderes vor seinem geistigen Auge. Er sah, wie sie alle zusammensaßen, lachten und ihm auch bei seinen ganz eigenen Problemen nicht im Stich ließen. Wie sie zu ihm hielten. Einfach Schwestern für ihn waren, so wie er es sich so gewünscht hatte.

Er erhob sich aus seinem schmuddeligen Lieblingssessel, ging zum Telefon und wählte. Schon nach dem zweiten Klingeln wurde abgenommen und er nannte seinen Namen. Freudiges Begrüßen und glückliches Lachen drang ihm entgegen. Schon jetzt stellte sich ein kleines, ein ganz kleines Glücksgefühl bei ihm ein. Etwas, das er solange vermisst, so lange nicht mehr gefühlt hatte. Sollte er doch noch nicht alle Hoffnung fahren lassen?

So lange hatte er sich bedauert, sich selbst bemitleidet. Dabei hätte er schon viel, viel früher einfach einmal selbst zum Hörer greifen sollen.

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