Kulmbach

Schreibwettbewerb: Ein Tag in Srinagar

Die Bayerische Rundschau hat einen Schreibwettbewerb ausgelobt. Hier veröffentlichen wir die 21 Teilnehmer-Geschichten.
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Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert
Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert

Günther Thyzel, Lopp:

Ein Tag in Srinagar

Die Krankenschwester wohnte auch auf dem Hausboot und hieß Brenda, kam aus Sydney und machte eine längere Indientour. Srinagar war ziemlich am Anfang ihrer Reise. Später wollte sie noch in den Süden nach Kerala reisen. Da der faule Koch nichts gekocht hatte, gingen wir in den Basar zum Essen. Es fiel uns auf, dass wir die einzigen Europäer bzw. australischen Gäste waren, sonst nur Männer im Restaurant. Wir bestellten Lammfleisch aus dem Ofen mit Naan Brot, dazu Cola, weil es kein Bier gab. Wir hatten gerade unser Lammfleisch gegessen, als es einen fürchterlichen Knall gab, man spürte eine Erschütterung bis an unseren Tisch. Im nächsten Moment hörten wir Geräusche, die sich anhörten wie tack tack, tack. Wir fragten den Kellner was los ist, der antwortete mit weinerlicher Stimme und erklärte uns, das ein Krieg im Basar ausgebrochen sei. Wegen Indira Gandhi, die mit der Bevölkerung haderte und den Bürgermeister von Srinagar abgesetzt hatte. Jetzt kam die Opposition und hat gleich mal gegen die Polizei gekämpft. Ja Super! Wir mittendrin, hatten beide keine Ahnung, wollten nur etwas Essen und jetzt das. Schnell bezahlten wir und rannten so schnell wie wir konnten zur Anlegestelle, wollten nur zurück auf das Hausboot. Ich spürte den Atem von Brenda, die hinter mir lief. Der erste Kahn der ankam war ein tolles Boot, alles mit roten Samt ausgeschlagen und es gab ein Himmelbett wo ringsherum Vorhänge waren. Ob wir eine Honeymoon Fahrt auf dem See haben wollten, fragte der Bootsführer. Wir schauten uns an und waren echt baff, hinter uns im Basar hörten wir die Schüsse und hier sollte es die Bootsfahrt für verliebte geben. Also im Moment war uns nicht danach, nur schnell zu unserem Hausboot.

Geschafft saßen wir noch einen Moment im Salon des Hausbootes, ich musste nachdenken.

So real hatte ich noch nie ein Gewehrfeuer gehört, außer bei der Bundeswehr auf dem Schießplatz. Aber hier hätte man leicht ins Schussfeld geraten können und das wahnsinnige war, daß alles so gelassen weiterging als wäre es ein Silvester Feuerwerk. Wir überlegten, was wir am nächsten Tag machen sollten, unbeschwert herum gehen oder fahren war wohl schlecht möglich. Gab es hier auf den Boot wenigstens eine Alarmanlage, ich glaubte eher nicht. Ich war zu aufgewühlt und habe mir das alte Log oder Gästebuch genommen um darin zu lesen. Das Buch war so alt wie das Boot und hatte Eintragungen von 1900 bis zum heutigen Tag. In akkurater Schrift berichteten Englische Offiziere, wie sie hier ihren Urlaub verbrachten, mit allen Angaben wie das Wetter war und so weiter. Ein Offizier vermerkte das der Koch ein fauler Sack war und nur widerwärtig seine Aufgaben erfüllte. Das kam mir bekannt vor und womöglich war unser Koch in der dritten Generation Koch auf dem Hausboot und hat diese Faulheit geerbt. Mit dem Unterschied, das es früher wohl Stockhiebe vom Offizier gab. Wir ärgern uns zwar, weil wir alles bezahlt hatten, jedoch selber zum Essen gehen mussten.

In meiner Kabine lag ich später auf der gefleckten Bettdecke und lauschte ob es noch Feuergefechte gab, konnte aber nichts hören. So schlief ich einen unruhigen Schlaf.

Hurra! Der faule Koch hat Frühstück gemacht, es gab Tee und Fladenbrot, das war`s mehr war nicht drin. Ich wollte noch wissen wie es im Basar weiterging, Tagsüber wäre es ruhig, erst Nachts könnte es wieder losgehen meinte er. Aber heute am 5 Juli 1984 ist ein Airbus von Air India entführt worden und das war auch der Flieger der Srinagar mit Delhi verband. Jetzt war ich hellwach. Was wird mit meinen Rückflug? Da durfte nichts schiefgehen. Alle Anschlussflüge von Delhi nach Hongkong und Manila nach Port Moresby waren fest gebucht. Sollte da etwas ausfallen werde ich sicher irgendwo stranden, also kam Alarmstimmung auf. Die Krankenschwester Brenda hatte keine Sorgen sie musste keine Termine einhalten. Nach dem großartigen Frühstück war ich bereit Bäume auszureißen, also zumindest Büsche oder so etwas in der Art. Am Ende waren es Grasbüschel, mehr war nicht drin!!!

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