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Schreibwettbewerb

Schreibwettbewerb: Beitrag von Frank Hollweg

Die Bayerische Rundschau hat einen Schreibwettbewerb ausgelobt. Hier veröffentlichen wir die 21 Teilnehmer-Geschichten.
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Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert
Beim Schreibwettbewerb der Bayerischen Rundschau haben 21 Teilnehmer mitgemacht.Archiv/Ralf Ruppert

Frank Hollweg, Azendorf:

Julia konnte ihren Augen kaum glauben. Obwohl erst wenige Wörter gelesen, wusste sie, wie die Nachricht enden würde. Wie bei einem schlechten Film, wo man automatisch hinschaut, musste sie schnell weiterlesen. War denn alles umsonst gewesen? Die ganzen Bemühungen, all die Kraft und Energie, die sie in den letzten Tagen einsetzte, vergebens? Angst machte sich schon jetzt breit. Sie konnte und kann es nicht glauben. Der Kloß in ihrem Hals wurde immer dicker. Ihr Atem wurde immer schwerer. Tränen machten das lesen der Nachricht nicht gerade einfacher. Nur noch verschwommen konnte sie die Nachricht zu Ende lesen. Immer wieder musste Julia den Satz von vorne beginnen. Zu viele Gedanken, aber auch die Angst kreisten in ihrem Kopf herum. Das kann doch nicht wahr sein. Das nächste Ziel ist, einen klaren Kopf zu bekommen, um über alles nachdenken zu können. Tief durchatmen heißt die Devise, raus aus dem Gebäude, am besten in einen Park und danach bei einer Tasse Kaffee über alles nachdenken. Schritt für Schritt sollte jetzt jede Handlung klar überlegt sein. Dazu musste Julia einfach mit sich im Reinen sein. Aufgestanden, die Bluse glatt gezupft, die imaginäre Krone zurechtgerückt verlässt Julia den Raum. Sie war überrascht, als sie sogar daran dachte, die Alarmanlage zu deaktivieren. Die Tür öffnete sich und bereits beim ersten Atemzug der frischen Luft, wusste sie, dass dies die richtige Entscheidung war. Warum auch immer die Alarmanlage 24 Stunden aktiviert und somit scharf geschalten war, konnte ihr bis dato noch niemand erklären. So geheimnisvoll war schließlich ihr neuer Job auch nicht. Aber bei manchen Kolleginnen und Kollegen hat sie immer noch keinen genauen Durchblick, was genau da vorgeht. Auch die eine Etage, für die man nochmal eine separate Zutrittsgenehmigung benötigte, ließ sie manchmal noch daran zweifeln. Aber das sollte jetzt nicht ihr Problem sein.

Erstmal tief durchatmen. Die Ausrede, bereits eine halbe Stunde nur an diesen Tag eher in die Mittagspause zu gehen, wurde Julia sofort abgenommen. Somit hatte sie jetzt Zeit, über alles nachzudenken. Mit etwas Abstand vom Bürogebäude und dem nicht allzu weit entfernten Wald an der Stadtgrenze habe sie nun ein Ziel. Den Kopf freimachen, tief durchatmen und alles Erlebte neu sortieren und hoffentlich emotionslos zu betrachten. Wütend und schnellen Schrittes läuft Julia davon. Das Bürogebäude im Rückblick wurde kleiner, der Wald war gar nicht mehr weit weg.

Noch völlig in Gedanken, entglitten Julia die Worte "dieser Schuft". Das Erinnerungsvermögen war sofort wieder da. Schließlich musste Julia in ihrem Smartphone nur ein paar Mal nach oben wischen, um die ersten Nachrichten zu lesen. Das wird ihr helfen, alles neu zu sortieren und neutral zu betrachten, so ihr Plan. Dabei war es eigentlich ihr Malheur, als sie den netten älteren Mann damals vor einigen Monaten kennenlernte.

Nach ihrer ersten Woche in ihrem neuen Job habe sie ihre beste Freundin Yvonne eingeladen. Ein Cocktailabend musste her und schließlich hatten sie sich beide viel zu berichten. Das wäre ein idealer Zeitpunkt, um alles zu erzählen. Yvonne war zuvor für zwei Wochen auf einer Karibikkreuzfahrt und schickte damals schon immer mal zweideutige Nachrichten. Und Julia selbst hatte viel zu erzählen, was der neue Arbeitgeber so mit sich brachte. All die Eigenheiten, aber auch manche herzliche Begrüßungen zu ihren Eintritt in einer völlig anderen Arbeitswelt.

Julia erinnerte sich gut, sie war damals bereits 20 Minuten zu früh in die Bar gekommen und bestellte sich erst ein alkoholfreies Getränk, um die Zeit zu überbrücken, bis Yvonne sich dazugesellte. Hätte sie zur Begrüßung von Yvonne nicht mit den Armen herumgefuchtelt, wäre das Glas auch nicht heruntergefallen. Wenn es denn nur heruntergefallen wäre. Nein, es wurde aufgrund der Wucht richtig an den Nachbarstuhl geschmettert und somit auch an den Jackenärmel von Nico, wie er sich dann später vorstellte. Das Glas zersprang in gefühlte 1000 Stücke und bereits beim Anblick auf den Boden war es unschwer zu erkennen, dass Teile des Jackenärmels völlig gefleckt waren. Mehrere Mal könne sie sich im Nachhinein darüber ärgern. Hätte sich nicht ein Glas Wasser trinken können? Nein, es musste ja was exotisches sein. Erst dadurch kam sie mit Nico ins Gespräch. Ach, es war fast romantisch. Aber die Worte "hätte, könnte, eventuell und vielleicht" werden ihr jetzt nicht weiterhelfen. "Wie komme ich da nur wieder aus diesem Schlamassel heraus?" dachte Julia. "Und erst die Bilder, die gemacht wurden". Wenn diese an die Öffentlichkeit geraten, ist ihre neue Position schneller weg, als ihr lieb ist. "Ich brauche jetzt Yvonne, die mir weiterhelfen muss und einen genialen Plan". "Nico ist doch jeden Mittwoch Abend in dieser ominösen Gruppe, da muss es passieren", so Julia und wählte Yvonnes Nummer. Das Freizeichen war zu hören. Es konnte losgehen. ...

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