Kulmbach
Geschichte

Schon vor 35 Jahren hieß es: "Bauern kämpfen ums Überleben"

Der Waldauer Gustav Sühler war 14 Jahre Präsident des Bayerischen Bauernverbands und damit einer der profiliertesten Agrarpolitiker der Bundesrepublik.
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Ein Spezi besonderer Art war Franz Josef Strauß. Gustav Sühler und der CSU-Chef haben sich wiederholt miteinander angelegt. Auf dem Zentral-Landwirtschaftsfest auf der Theresienwiese in München zeigen sie sich jedoch sehr harmonisch. Foto: Bayerischer Bauerverband
Ein Spezi besonderer Art war Franz Josef Strauß. Gustav Sühler und der CSU-Chef haben sich wiederholt miteinander angelegt. Auf dem Zentral-Landwirtschaftsfest auf der Theresienwiese in München zeigen sie sich jedoch sehr harmonisch. Foto: Bayerischer Bauerverband
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Nach der Wende zieht er in seine letzte große Schlacht. Beim Bayreuther Bauernmarkt 1990 posiert er vor einer fetten Muttersau, daneben ein weiß-blau bemaltes Ferkel. Die Aktion nennt sich "eine ausgemachte Schweinerei". Ihre Botschaft: Nach der Grenzöffnung wird der bundesdeutsche Markt von billigem Schweinefleisch aus der DDR überschwemmt, die bayerischen Anbieter erzielen nur noch magere Preise.

Leeres Stroh gedroschen

Der Waldauer Gustav Sühler war ein Meister spektakulärer Demos: 1989 zum Beispiel rückt er mit einem Trupp von Jungbauern im Zentrum von Regensburg mit Mähdreschern an. Mit Mistgabeln laden sie Spreu auf die Wagen, um zu demonstrieren, was man in Brüssel tut: "Leeres Stroh dreschen." In München treibt er Ferkel und Rinder durch die Fußgängerzone. Auf den mitgeführten Transparenten heißt es "Ohne Wende sind Bayerns Bullenmäster und Schweinehalter am Ende."

Unter dem Präsidenten Sühler wird die Öffentlichkeitsarbeit des Bayerischen Bauernverbands (BBV) massiv verstärkt. Schlepperdemos, Großveranstaltungen in der Münchner Olympiahalle, Anzeigenserien, Flugblätteraktionen, eine Werbetour "Das kulinarische Dorf" mit Petra Schürmann und Sterneköchen - stets geht es um eine doppelte Botschaft: "Wir wollen Bauern bleiben" und "Wir Bauern kämpfen ums Überleben".

In den Fußstapfen des Vaters

Sühlers Aufstieg zum Spitzenfunktionär ist ohne seinen Vater nicht denkbar. Adam Sühler, Kleinlandwirt in Lindau mit einem acht Hektar großen Hof, kennt die drückenden Nöte des Standes. Als Bürgermeister von Lindau engagiert er sich im Bayerischen Landbund, macht sich als Kämpfernatur einen Namen und wird 1928 in den Landtag gewählt. Als die Nazis zur Macht kommen, versuchen sie den bodenständigen Politiker vor ihren Karren zu spannen. Doch Adam Sühler weist das ihm angetragene NSDAP-Reichstagsmandat brüsk zurück: "Mit euch will ich nichts zu tun haben." Eine höchst riskante Abfuhr, wie der Historiker Peter Zeitler in seiner Dissertation "Neubeginn in Oberfranken 1945 - 1949" schreibt. Sein Landtagsmandat wird ihm sofort aberkannt.

Auch seiner evangelischen Kirche hält Adam Sühler die Treue. Als Lektor in Trebgast stellt er sich unbeirrt auf die Kanzel, ohne Rücksicht auf mitstenografierende Denunzianten. Seinem Sohn Gustav verbietet er, in die Hitler-Jugend einzutreten. Doch der widersetzt sich der väterlichen Autorität: Bei Kriegsausbruch meldet er sich als Siebzehnjähriger freiwillig zu einem Nachtjagdgeschwader. Er ist einer der wenigen Überlebenden der deutschen Nachtjagd.

Abgeordneter und Staatssekretär

Nach dem Krieg machen Vater und Sohn parallel Karriere. Adam Sühler baut in den Landkreisen Kulmbach und Stadtsteinach aus den alten Landbund-Strukturen den Bayerischen Bauernverband auf. Als CSU-Kandidat wird er in den Landtag gewählt, ein Jahr später zum Staatssekretär im Landschaftsministerium ernannt. Zusätzlich gehört er dem bayerischen Senat an. 1964 wird er den Stuhl für seinen Sohn räumen.

Gustav Sühler, der in einen 37 Hektar großen Bauernhof in Waldau einheiratet, wird über die Landjugend nach oben getragen. Er wird zum Landesobmann gewählt, in den Vorstand des BBV berufen, 1958 zum Bezirksvorsitzenden gewählt und 1977 schließlich zum Präsidenten des Gesamtverbands. Zu Sühlers Zeit ist der Bauernverband die mächtigste Lobbygruppe in Bayern.

"Filzokratie in Schwarz"

Die Symbiose zwischen BBV und CSU prägt die Politik im Freistaat. Für Kritiker ist es eine "Filzokratie in Schwarz", ein abgekartetes Spiel zur Bindung der Bauernschaft. Hochrangige BBV-Funktionäre sitzen für die CSU in den Parlamenten - Sühler ist von 1957 bis 1965 Mitglied des Deutschen Bundestags.

Doch man täte Sühler Unrecht, ihn in die Ecke eines braven CSU-Parteisoldaten zu stellen. Denn er macht den Mund auf und schreckt auch vor einem Eklat nicht zurück: Beim Deutschen Bauerntag im Juli 1987 in Aachen lädt er seinen Parteifreund und Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle kurzfristig aus, da er beim Gerangel um die Milchmengen-Regelung in Brüssel einer dreiprozentigen Zwangskürzung der Milchquote zugestimmt hat.

Ein Spezi von Franz Josef Strauß

Ein Spezi besonderer Art ist Franz Josef Strauß. Sie brauchen sich gegenseitig, sitzen oft beieinander, dennoch legt sich Sühler massiv mit dem mächtigen CSU-Chef an. Im Dezember 1987 bezeichnet er den von Strauß lautstark propagierten "Jahrhundertvertrag" als Luftnummer. CSU-Führung und Staatsregierung toben. Der Waldauer zeigt sich ungerührt. Nicht minder vehement kritisiert Sühler die von Strauß im Zusammenhang mit Milliardenkrediten an die DDR vereinbarten Fleischimporte aus den Ostblockstaaten. Vor dem Untersuchungsausschuss erklärt er 1992 schonungslos: "Mir ist keine einzige Aktion von Strauß bekannt, um Schaden von den bayerischen Bauern abzuwenden."

In Sühlers Zeit fallen die großen EG-Agrarreformen nach 1984: der Abbau der Produktionsüberschüsse und die schrittweise Kürzung der Subventionen bei Getreide und Rindfleisch um 33 Prozent. Als Ausgleich sollen die Landwirte Direktzahlungen erhalten; weitere Gelder sollen in die Agrarstukturpolitik fließen. Bis zu seinem Rücktritt 1991 aus gesundheitlichen Gründen kämpft Sühler dafür, möglichst viel für die Bauern herauszuschlagen. Verbesserungen im Sozialbereich, mehr Altershilfe, die Aus- und Fortbildung der bäuerlichen Jugend, Hilfen für die kleinen Bauern in den strukturschwachen Regionen sind die ständigen Themen in seinen Reden. Manches hat er erreicht, vieles blieb Wunsch.

Keine einfache Person

Gustav Sühler war keine einfache Persönlichkeit. Er war in der Öffentlichkeit gewinnend, von raubauzigem, kämpferischem Charme, konnte aber privat eigensinnig und stur sein. Auch als Spitzenfunktionär hat er sich nie von seinen Wurzeln entfernt. Sooft es möglich war, hat er auf dem Bauernhof in Waldau mitgearbeitet und seine Ehefrau Irmgard entlastet. Bei seiner Wahl zum BBV-Präsidenten 1977 fallen zwei Sätze, die glaubhaft seine Empfindung wiedergeben: "Ich bin Bauer und sage das mit Stolz." Und mit Blick auf den kärglichen Bauernhof seiner Eltern in Lindau: "Ich hatte aber nie das Gefühl, dass wir arme Leute waren."

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