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Neuenmarkt
Messfahrten

Schneller ankommen mit der Bahn in Oberfranken

Können die Züge auf der Sachsen-Franken-Magistrale schneller fahren? Für die Bauindustrie wäre das wünschenswert. Jetzt fanden erste Testfahrten mit "Prozeit" statt - einem von der TU München entwickelten Programm.
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Der Messzug wird für die Teststrecke vorbereitet. Während der Fahrt werden Daten erhoben. Es erfolgt eine millimetergenaue Erfassung der Gleisgeometrie, zudem wird ein Umgebungs-Video gedreht. Fotos: Werner Reißaus
Der Messzug wird für die Teststrecke vorbereitet. Während der Fahrt werden Daten erhoben. Es erfolgt eine millimetergenaue Erfassung der Gleisgeometrie, zudem wird ein Umgebungs-Video gedreht. Fotos: Werner Reißaus
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Schneller ankommen in Oberfranken? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit geraumer Zeit die bayerische Bauindustrie. Der Grund: Die Anbindung von Städten und Gemeinden in Oberfranken ist vielerorts nicht optimal. Am Dienstag fanden deshalb erste Testfahrten mit dem "Prozeit"-Sonderzug auf den Strecken zwischen Neuenmarkt-Wirsberg, Hof, Marktredwitz, Hersbruck, Bayreuth und Kirchenlaibach statt. Start war am Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg, die erste Messfahrt erfolgte auf der "Sachsen-Franken-Magistrale". Dabei wurden Geschwindigkeiten von knapp 180 km/h erreicht.

Diplom-Geograph Martin Schneider von der Geschäftsstelle Nord- und Ostbayern des bayerischen Bauindustrieverbands erläuterte das Manko am Großraum Bayreuth. Schneider: "Keine zweite Region dieser Größe in Bayern muss ohne ICE- und sogar ohne IC-Verbindungen auskommen.
Dabei könnte auch Bayreuth mit einem Anschluss über Schnabelwaid von der neuen Sachsen-Franken-Magistrale profitieren. Dafür braucht die Stadt aber Zuggeschwindigkeiten von 130 km/h und mehr." Derzeit, so Schneider, würden im "Bayreuther Stern" nur 100 km/h erreicht.

Potenziale werden ermittelt

Die Beantwortung der Frage, ob die Bahn schneller fahren kann, ist jetzt für "Prozeit" ein klassischer Auftrag. Das neue IT-Tool ermittelt Potenziale zur Beschleunigung von Strecken und wurde gestern erstmals auch in Oberfranken getestet. Fachleute der TU München erläuterten während der Testfahrten, wie kurvenreiche Strecken mit "Prozeit" schneller werden können. Mit an Bord war auch der Geschäftsführer der Bayreuther Firma Markgraf, Karl-Günther Krauß, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der oberfränkischen Bauindustrie an der Initiierung der Testfahrten beteiligt war. "Wir wollen für Oberfranken Argumente dafür schaffen, wie das Infrastrukturnetz der Schiene verbessert und wie die Region in die Taktung des überregionalen Schienenverkehrssystems eingebunden werden kann", sagte Krauß. "Der Einsatz war es uns auch wert, denn Oberfranken darf in der Infrastruktur nicht abgehängt werden."

Mit den Messdaten - das Programm hat die Technische Universität München entwickelt - kann errechnet werden, wie viele Minuten auf welcher Strecke mit welchen Maßnahmen eingespart werden können. Diese Maßnahmen müssen natürlich auch finanziert werden. Das Programm ist, wie Karl-Günther Krauß erklärte, hoch wissenschaftlich: "Mit ,Prozeit' wird die Schiene nicht nur schneller, sondern auch attraktiver. Die bauliche Lösung liegt in der Optimierung von Gleisüberhöhungen in den Kurven. Bereits minimale Anpassungen erzielen einen spürbaren Zeitgewinn. Einfach ausgedrückt: Die Fahrzeit eines Zuges lässt sich verringern, indem die Geschwindigkeit in den Kurven erhöht wird."

Der Diplom-Ingenieur verwies auf den Test auf der ICE-Strecke von Nürnberg nach Regensburg. Hier habe "Prozeit" einen möglichen Zeitgewinn von fünf Minuten ermittelt. Dafür müsse die Gleisüberhöhung neu justiert werden - für etwa 900 000 Euro.

"Ein Schnäppchen"

Krauß: "Ein Schnäppchen im Vergleich zum Schienenneubau. Zum Teil können die Arbeiten auch mit der normalen Wartung am Gleis erledigt werden."

Landrat Klaus Peter Söllner (FW) schickte mit Bürgermeister Siegfried Decker (NG) den Messzug am Nebengleis des DDM um 8 Uhr auf die 329 Kilometer lange Teststrecke. Er machte deutlich, dass neben den langfristigen Zielen Elektrifizierung der Franken-Sachsen-Magistrale sowie der Strecke Hof-Bayreuth/-Hochstadt-Marktzeuln im Raum Bayreuth/Kulmbach der Bau von zweiten Gleisen ein wichtiges Ziel sein muss: "Dafür setzen wir uns beim Bundesverkehrsministerium mit allem Nachdruck ein und wollen mit dem Freistaat eine Realisierung im nächsten Bundesverkehrswegeplan erreichen.

Nadelöhr im Bahnbetrieb

Eingleisige Bahnstrecken, so Söllner, seien ein Nadelöhr im Bahnbetrieb mit erheblichen Folgen: Zugverspätungen weiten sich mangels Ausweichmöglichkeiten rasch auf die gesamte Region aus. Und bei der Fahrplangestaltung gebe es viele Einschränkungen aufgrund der geringen Streckenkapazitäten. Auch nach Ansicht des Landrats liegt eine baldige Verbesserungsmöglichkeit in der Erhöhung der Streckengeschwindigkeiten: "Durch schnellere Züge werden die eingleisigen Streckenabschnitte rascher frei. Bei den kurvenreichen Strecken, die wir nun wegen der Mittelgebirgstopographie und der frühen Trassierung im 19. Jahrhundert haben, kann durch eine Erhöhung der Kurvengeschwindigkeiten viel erreicht werden. Dies ist sowohl für konventionelle Züge als auch für Neigetechnikzüge durch die Überhöhung von Gleisen möglich. Der bauliche Aufwand ist meist gering, da eine stärkere Überhöhung beim regelmäßigen Streckenunterhalt, also beim so genannten Stopfen der Gleise, gleich mit vorgenommen werden kann."
Dem Bauindustrieverband dankte Söllner, dass dieser mit dem Programm "Prozeit" die Diskussion angestoßen hat und die Sachsen-Franken-Magistrale sowie die Umlandbahnen von Bayreuth als konkretes Beispiel in Nordostbayern untersuchen lässt. "Ich appelliere schon jetzt an die Bahn, diese Chance zu ergreifen", sagte der Landrat.
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