Kulmbach
Entdecker-Tour (125)

"Schlothexe" setzte von Kulmbach aus ihren Siegeszug um die Welt an

Eine alte Darrhaube steht als Industriedenkmal im Kulmbacher Grünzug. Sie erinnert an eine große Erfindung eines Unternehmers.
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Die alte Darrhaube - eine Kulmbacher Erfindung - steht heute im Grünzug. Foto: Erich Olbrich
Die alte Darrhaube - eine Kulmbacher Erfindung - steht heute im Grünzug. Foto: Erich Olbrich
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Ein Stück Kulmbacher Industriegeschichte steht als Denkmal im Grünzug. Eine alte Darrhaube, früher auf dem Schlot jeder Malzfabrik zu finden, war 1992 vor der Verschrottung bewahrt und sachkundig restauriert worden.

Weithin sichtbares Zeichen

Darrhauben sind nach und nach aus dem Kulmbacher Stadtbild verschwunden, nur noch wenige zeugen weithin sichtbar von der einst stolzen Malzindustrie.

Entwickelt und patentiert wurde die Darrhaube um 1900 in der Schlosserei Dörnhöfer in Kulmbach. Bis in die 1950er Jahre war sie weltweit unter dem Namen "Kulmbacher Modell" in zahlreichen Mälzereien eingesetzt. Die Hauben drehten sich durch den Wind immer auf die abgewandte Seite, so dass die feuchte Luft entweichen und Regenwasser nicht eindringen konnte, was für das Trocknen oder Dörren des Malzes sehr wichtig war. Früher konnte der Darrvorgang nur bei kühler Witterung stattfinden, da der Auftrieb der heißen Luft die Feuchtigkeit aus der Darre entfernte. Wurde es draußen wärmer, fehlte der nötige Auftrieb.

Mit Sogwirkung

Durch die auf den Luftabzugskanal aufgesetzte Haube entstand eine zusätzliche Sogwirkung, so dass der Darrvorgang auch bei höheren Außentemperaturen weiterbetrieben werden konnte. Die Darrhauben, die schnell den Spitznamen "Schlothexen" bekommen hatten, sind zwar auch heute noch funktionstüchtig, aber wegen der fortgeschrittenen Technisierung nicht mehr notwendig.

Im Frühjahr 1990 griff der Kulmbacher Künstler Axel Götz die Idee von Verleger Horst Uhlemann auf, eine Darrhaube zu retten. Nach einem vorbereitenden Treffen mit Edi Trapper, Georg Dörnhöfer und Werner Eschenbacher stellte Götz einen Antrag an den Stadtrat. In seinem Schreiben bat er auch um die Bereitstellung eines Grundstücks und um finanzielle Unterstützung bei der Realisierung.

Der Stadtrat stimmte zu und bewilligte 10 000 Mark. Da die Radial-Keilsteine, die für die Errichtung des Schlotstumpfes benötigt wurden, jedoch bereits allein 18 000 Mark kosteten, erhöhten sich die Herstellungskosten auf insgesamt rund 25 000 Mark. Der Stadtrat stellte auch diesen Betrag aus Mitteln für den "Kulturfahrplan 2000" über den Kulmbacher Kulturverein zur Verfügung.

Als geeigneter Platz wurde ein Grundstück im Grünzug vorgeschlagen. Dieser wurde nicht von ungefähr ausgewählt, denn er befindet sich in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Mälzerei der Sandler-Brauerei.

Lehrlinge als Maurer

Im Mai 1992 begannen die Maurerlehrlinge der Klasse MR 12 der Hans-Wilsdorf-Berufsschule mit ihren Lehrkräften Oskar Eichner und Edmund Schenkel mit dem Rundmauerwerk. Bereits am 24. Juli konnte Oberbürgermeister Erich Stammberger das Industriedenkmal der Öffentlichkeit übergeben.

Die Darrhaube sei ein Symbol für die gesamte Kulmbacher Wirtschaft, insbesondere für die Malz- und Brauwirtschaft. Damit sowohl Einheimische als auch Gäste Sinn und Zweck verstehen könnten, regte er noch an, ein Schild mit wichtigen Informationen anzubringen.

Revanche des Kulturvereins

Initiator Horst Uhlemann erinnerte daran, dass alle Kulmbacher Mälzereien, mit Ausnahme der Unima-Malzfabrik, mit Darrhauben ausgestattet waren, die das Kulmbacher Unternehmen Dörnhöfer gefertigt hatte. So sei es kein Zufall, dass Georg Dörnhöfer die Restaurierung übernommen habe. Uhlemann freute sich darüber, dass das Werk so gut gelungen war.

Vorsitzender Christian Schneider sagte, das Engagement des Kulturvereins in dieser Angelegenheit sei "eine Revanche für die Bereitschaft der Wirtschaft, die Aufgaben unseres Vereins mit ihren Spenden zu unterstützen". Bürgermeister Bernd Titus bezeichnete die Darrhaube als Denkmal der Kulmbacher Industriekultur und wünschte sich, dass dies der Auftakt für eine vielfältigere Gestaltung des Kulmbacher Stadtbildes sein möge. "Wir haben noch viele Ecken und Plätze, die zu gestalten sich lohnen würde".

Auf der Tafel ist Folgendes zu lesen: "Um 1900 patentiertes System der Schlosserei Dörnhöfer Waaggasse zur Malztrocknung, weltweit bis in die 50 er Jahre angewandt: Regulierung des Abzugs der Feucht-Luft aus dem Kamin durch die drehbar gelagerte Austrittsöffnung jeweils zur windabgewandten Seite."

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