Kulmbach
Interview

"Scheitern mit Ansage": Energieagentur-Sprecher kritisiert Klimapakt

Die Gewinnung von "grünem" Strom im Kreis Kulmbach stieg zuletzt stetig an. Doch die Einhaltung der Klimaziele verlangt nach einem weiterem Ausbau.
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Durch die 10H-Regel ist der Windkraftausbau in Bayern annähernd zum Erliegen gekommen.   Patrick Pleul, dpa
Durch die 10H-Regel ist der Windkraftausbau in Bayern annähernd zum Erliegen gekommen. Patrick Pleul, dpa

Die Zahlen können sich sehen lassen: Nach jüngsten Erhebungen stieg die Summe an Strom aus erneuerbaren Energiequellen (Wind, Solar, Biomasse,Wasserkraft, Kraft-Wärme-Kopplung) deutlich an. Für den Landkreis Kulmbach weisen die Zahlen der Energieagentur Nordbayern für das Jahr 2017 annähernd 360190 Megawattstunden aus - damit tragen die Erneuerbaren rein rechnerisch einen Anteil von 73 Prozent des Gesamtstromverbrauchs. Diesen Wert übertreffen nur Bayreuth, Hof und Bamberg (siehe Grafik). Doch reicht das in Zeiten von Klimazielen? Markus Ruckdeschel von der Energieagentur Nordbayern sagt: Nein. Herr Ruckdeschel, 73 Prozent Eigenversorgungsquote - das klingt exorbitant. Aber natürlich wird der Strom ins Netz eingespeist und nicht vor Ort "verbraucht". Trotzdem: Die Zahlen können sich sehen lassen. Doch der Windausbau stockt bekanntermaßen seit geraumer Zeit, nicht zuletzt durch die 10H-Regel. Ist das angesichts der Pariser Klimaziele nicht kontraproduktiv?

Markus Ruckdeschel: Die 10H-Regel hat den Windkraft-Ausbau im Freistaat quasi zum Erliegen gebracht. Zusätzlich hat der Bund rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, die Windräder im Binnenland benachteiligen. Es war ein Scheitern mit Ansage, seit Jahren absehbar. Wer ernsthaft Klimaschutz will, darf nicht nur Bäume umarmen, sondern muss auch ausreichend Möglichkeiten für Windkraft schaffen. Das gilt für ganz Bayern, vor allem für den Süden, aber eben auch für uns. Klar ist in Oberfranken schon viel passiert. Aber es gibt nicht nur ein Nord-Süd-, sondern auch ein Ost-West-Gefälle: Während in Hof mehr als 100 Anlagen stehen, dreht sich im Landkreis Forchheim nur eine einzige. Das kann man nicht fachlich begründen, sondern allenfalls politisch.

Der Landkreis Kulmbach liegt mit 33 Anlagen ganz gut im Rennen. Aber Potenzial wäre natürlich auch hier noch reichlich. Wieso sorgen wir bei der nächsten Ausbau-Welle nicht für echte Bürgerenergie-Anlagen? Dann bleibt das Geld in der Region.

Der Anteil am "grünen" Strom im Strom-Mix ließe sich Ihrer Meinung nach womit am ehesten weiter ausbauen?

Der Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare beim Strom klappt am besten mit Photovoltaik und Windkraft. Beide ergänzen sich perfekt im Jahreslauf: Photovoltaik im Sommer, Windkraft vor allem im Winterhalbjahr. Mit diesen beiden Pfeilern, zusätzlich mit einem gut durchdachten Speicherkonzept und der Nutzung intelligenter Technik kommt man ziemlich weit.

Wie gut stehen die Chancen für weitere Steigerungen bei der Wasserkraft oder bei Biomasse?

Da sieht es eher bescheiden aus. Ein größerer Ausbau ist in beiden Bereichen wenig realistisch. Denn bei der Wasserkraft kollidieren wir fast immer mit dem Naturschutz, und die reine Stromerzeugung bei Biogasanlagen ist im Vergleich zu Wind oder PV mittlerweile einfach zu teuer. Bei Biomasse geht es vor allem darum, den Betrieb der bestehenden Anlagen zu sichern, denn sie haben trotz allem zwei unbestreitbare Vorteile: Sie können, im Gegensatz zu Wind und PV, jederzeit Strom produzieren, könnten also diese natürlichen Schwankungen gut ausgleichen. Und sie erzeugen gleichzeitig Wärme und versorgen nicht selten ganze Dörfer mit Heizenergie. Hier muss der Gesetzgeber aber eine echte Perspektive für den Weiterbetrieb schaffen, ansonsten droht nach 20 Jahren EEG-Vergütung für viele Anlagen das Aus.

Ließe sich für den Kreis Kulmbach so etwas wie Energieautarkie durch Erneuerbare herstellen?

Natürlich ginge das. Die Frage ist eher: Braucht's das? 100 Prozent Eigenversorgung sind vielleicht auf einer abgeschiedenen Almhütte notwendig. In einer vernetzten Energiewelt - und unser Stromnetz endet ja nicht an der Landkreisgrenze - kann ich aber ganz einfach die Schwankungen in Erzeugung und Verbrauch durch Angebot oder Nachfrage aus einer anderen Region ausgleichen. Wenn wir jeden Landkreis komplett autark machen wollen, wird der Aufwand riesig und die Energiewende tatsächlich sehr teuer.

Es geht aber einfacher und billiger, wenn wir die vorhandenen Netze einbeziehen. Das hat übrigens nichts mit dem Netzausbau zu tun. Wenn jede Region beim Ausbau der Erneuerbaren ihre Hausaufgaben macht, brauchen wir eigentlich keine neuen Trassen.

Das Klimapaket der Bundesregierung sieht den Wegfall des Deckels für die Solarenergie-Gewinnung vor. Ein richtiger Schritt oder nur Kosmetik?

Der Deckel bei 52 Gigawatt wäre beim derzeitigen Ausbautempo in ein bis zwei Jahren wirksam geworden. Das hätte bedeutet, dass neue Anlagen keine feste Vergütung mehr für den Strom erhalten, den sie ins Netz einspeisen. Vor allem für kleine private Anlagen wäre das ein ziemlicher Motivationskiller gewesen. Insofern: Richtiger Schritt, der Deckel war von Anfang an unsinnig. Allerdings rechnet sich die eigene PV-Anlage heute vor allem über den Eigenverbrauch und eben nicht mehr so sehr über die Einspeisung. Plant man die Anlage richtig und leistet man sich dazu noch einen Speicher, spielt die Vergütung eigentlich keine große Rolle mehr. Und in der Industrie werden längst Anlagen errichtet, die komplett ohne EEG auskommen, weil der Strom zu fast 100 Prozent vor Ort verbraucht wird.

Deutschland hat die höchsten Strompreise in der EU, obwohl an der Börse eine Kilowattstunde unter 10 Cent kostet. Wie kommt die Diskrepanz zustande - und was wäre die Lösung?

Privathaushalte zahlen derzeit 30 Cent pro Kilowattstunde, mehr als 50 Prozent davon sind Steuern, Abgaben und Umlagen. Die Bundesregierung hat das Problem zumindest erkannt und in ihrem Klimapaket eine Senkung der EEG-Umlage aus den Einnahmen des CO2-Handels angekündigt. Aber diese 0,25 Cent pro Kilowattstunde ab 2021 machen doch niemanden wuschig! Das sind etwa 2,50 Euro pro Kopf und Jahr - das soll eine Entlastung für Familien und Mittelständler sein? Da empfehlen wir lieber, das eigene Dach zur Stromproduktion zu nutzen. Dort erzeugen Sie den Strom für rund 10 Cent pro Kilowattstunde.

Die Lösung lautet also ganz klar: Selbermachen. Wer lieber auf die Bundesregierung warten möchte, meinetwegen, aber er braucht Geduld und Gottvertrauen. Die Kanzlerin spricht ja immer davon, dass sie alle mitnehmen möchte. Wir rasen beim Klimaschutz mit Tempo 100 auf die Betonwand zu - ich möchte da gar nicht mitgenommen werden. Ich möchte, dass endlich einer bremst!

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