Kulmbach
Trennung

Scheidungskind soll nicht leiden

Was Eltern bei der Trennung beachten sollten, um den Nachwuchs nicht zu sehr zu belasten, erläutern Sozialpädagoge Klaus Rieger und Psychologin Margit Wenzler von der Diakonie Bayreuth, die Betroffene auch in Kulmbach beraten.
Artikel drucken Artikel einbetten
Eine Trennung belastet nicht nur die Ex-Partner, sondern vor allem auch die Kinder. Symbolbild: Fotolia
Eine Trennung belastet nicht nur die Ex-Partner, sondern vor allem auch die Kinder. Symbolbild: Fotolia
+2 Bilder

Unter Trennungen leiden nicht nur die betroffenen Paare, sondern in vielen Fällen auch die gemeinsamen Kinder. Was Eltern tun können, um zu verhindern, dass der Nachwuchs einen dauerhaften psychischen Schaden nimmt, erläutern Klaus Rieger und Margit Wenzler von der Psychologischen Beratungsstelle der Diakonie Bayreuth, die auch in ihrer Kulmbacher Außenstelle in der Waaggasse Sprechstunden für Betroffene anbietet. Die Beratungsstelle leistet Menschen, die sich von ihrem Partner trennen, Hilfe. Erfolgt das nur in der Einzelberatung oder auch in gemeinsamen Elterngesprächen? Klaus Rieger: Es gibt bereits getrennte Elternpaare, die gemeinsam zu uns kommen, um Probleme zu besprechen. Meist ist es aber nur ein Elternteil, der bei uns Rat und Hilfe sucht. Jeder Mensch ist verschieden, wird auch eine Trennung wie eine Scheidung unterschiedlich verarbeiten. Pauschale Ratschläge wird auch ein Psychologe oder Sozialpädagoge nicht geben können, oder? Margit Wenzler: Das ist richtig, denn die Menschen sind, ebenso wie die Ereignisse, die zur Trennung führen, sehr unterschiedlich. Grundsätzlich ist es unser Ziel ist, die Personen zu stärken, zu stabilisieren, damit sie mit der oft hoch emotionalen Ausnahmesituation besser klar kommen. Wenn Kinder betroffen sind, brauchen sie Unterstützung durch die Erwachsenen.

Es gibt verschiedene Phasen, die Erwachsene bei der Trennung durchleben. Klaus Rieger: Wir unterscheiden vier Phasen. In der ersten Phase will man noch nicht wahrhaben, dass man verlassen wird und ist oft wie im Schockzustand. In der zweiten Phase brechen die Gefühle auf: Wut, Verzweiflung, Angst und Selbstzweifel können sich ausbreiten, auch körperliche Beschwerden wie Schlaflosigkeit, innere Unruhe treten auf. In Phase drei sind die Betroffenen meist schon wieder soweit gestärkt, beginnen ihr Leben aktiver neu in die Hand zu nehmen. Grüblerische Gedanken und Hass treten nur noch selten auf. In der vierten Phase hat man wieder ein inneres Gleichgewicht erreicht und sich Selbstvertrauen erarbeitet, um sein Leben neu ausrichten zu können. Kommt es zur Trennung, sind oft auch die Kinder Leidtragende. Was können Eltern tun, damit diese keinen allzu großen Schaden nehmen? Margit Wenzler: Wenn die Situation emotional nicht zu aufgeladen ist und die Entscheidung, sich zu trennen, feststeht, sollten die Eltern versuchen, den Kindern im gemeinsamen Gespräch zu eröffnen, dass die Trennung bevorsteht. Denn für die Kleinen ist es besonders schlimm, wenn die Trennung unvorbereitet über sie hereinbricht. Ziel der Eltern sollte es sein, dies ohne gegenseitige Schuldzuweisungen zu tun. Es gibt Kindern Sicherheit, wenn sie Antworten auf ihre Fragen bekommen: Wer zieht aus und wohin? Bleibe ich in der gleichen Schule? Wie oft kann ich den anderen Elternteil sehen? Klarheit zu schaffen, minimiert die Ängste. Oft kommen bei Kindern selbst Schuldgefühle auf. Margit Wenzler: Ja, kleine Kinder geben sich schnell selbst die Schuld für die Trennung. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern offen sind für ihre Fragen, sich Zeit nehmen, um sich ihre Gedanken und Gefühle anzuhören. Sie sollten ihnen immer wieder mal versichern, dass sie keine Schuld haben. Ist es nach der Trennung für Paare eine Option, im gemeinsamen Haus oder der Wohnung zu bleiben? Klaus Rieger: Eine gemeinsame Wohnung ist auf Dauer ein schwieriges Konstrukt, weil Probleme vorprogrammiert sind, wenn sich die Eltern ein neues Leben aufbauen, vielleicht mit einem neuen Partner. Gehen Vater und Mutter getrennte Wege, bietet sich für Kinder später oft die Chance, von der neuen Konstellation zu profitieren. Schließlich lebt und lernt man möglicherweise dann in zwei Familien. Viele begehen den Fehler, den Ex-Partner vor dem Kind schlechtzureden. Klaus Rieger: Wie man reagiert, hängt davon ab, wie tief die Verletzungen sind, die man sich gegenseitig zugefügt hat. Grundsätzlich sollten Erwachsene darauf achten, dass sie die Kinder im Trennungsgeschehen nicht instrumentalisieren, indem man z.B. den anderen Elternteil abwertet. Das kann zu dauerhaften psychischen Schäden bei Kindern führen. Eltern sollten sich bemühen, frühzeitig aus dem "Kampfmodus" auszusteigen und in einen "Verhandlungsmodus" zu kommen. Es entlastet Kinder, wenn sie erleben, dass ihre Eltern weiterhin respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen. Leiden Kinder immer unter einer Trennung? Klaus Rieger: Eine Trennung belastet jedes Kind, ob es 3 oder 15 Jahre alt ist. In der Regel reagieren Kinder unterschiedlich: Ein Kleinkind wird weinerlicher, ängstlicher, sucht mehr körperliche Nähe; ein Schulkind kann in den Leistungen nachlassen oder zieht sich mehr zurück; ein 15-Jähriger reagiert vielleicht eher aggressiv oder überschreitet Regeln. Diese Symptome sind ein Hinweis darauf, dass die Kinder die Belastung auf ihre eigene Art bewältigen. Diese Auffälligkeiten werden wieder weniger und klingen im Lauf der Zeit normalerweise ganz ab. Was bedeutet eine Trennung für Eltern und Kinder langfristig?

Margit Wenzler: Der Verlust des Partners schmerzt emotional, aber es ist meist auch ein finanzieller und materieller Verlust. Es kann leicht ein Gefühl der Überforderung entstehen. Wichtig in dieser Zeit hoher Beanspruchung ist es, auf sich selbst zu achten und sich selbst zu stärken, aber auch das Wohlergehen der Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren. Hier können Freunde oder Verwandte helfen, eine Mutter Kind-Kur kann sinnvoll sein. Eine Trennung zu verarbeiten erfordert viel Zeit, meistens zwei bis vier Jahre.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren