Rugendorf
Volksbegehren

Rugendorfer Ökolandwirt ist enttäuscht von Berufskollegen und Politik

Martin Weiß äußert großes Unverständnis über die Kritik, die Abgeordnete von CSU und FW sowie der Bauernverband am Volksbegehren äußern.
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Keine Pestizide, kein Kunstdünger: So bewirtschaften 9400 Biobauern in Bayern ihre Flächen. Der Markt soll weiter wachsen. Skolimowska, dpa
Keine Pestizide, kein Kunstdünger: So bewirtschaften 9400 Biobauern in Bayern ihre Flächen. Der Markt soll weiter wachsen. Skolimowska, dpa
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Ein Exot ist er längst nicht mehr. Das war Martin Weiß vor 29 Jahren: Damals, 1990, hat der Rugendorfer seinen landwirtschaftlichen Betrieb, den er 1970 von den Eltern übernahm, auf Bio umgestellt. Nach 20 Jahren konventioneller Bewirtschaftung: mit Kunstdünger und Pflanzenschutz. Das ganze Besteck sozusagen.

Das Unbehagen gegen diese Art der Lebensmittelerzeugung wuchs wie das Getreide auf seinen Feldern, räumt der heute 66-Jährige ein. Er habe miterlebt, was die Mittel aus der Chemiefabrik unter den Insekten anrichteten - und zieht einen martialischen Vergleich: "Das war wie ein Flächenbombardement im Krieg. Selbst wenn wir heute, um im Bild zu bleiben, Waffen mit angeblich chirurgischer Präzision einsetzen - so besteht doch die Gefahr eines Kollateralschadens."

Das Ergebnis: Das viel zitierte Artensterben, selbst bei Insekten, sei Fakt. Mit all den Auswirkungen auf Fauna und Flora. "Das ist so gewaltig, das lässt sich nicht leugnen", sagt der Rugendorfer, fügt aber hinzu: "Wobei die Landwirtschaft sicher nicht die alleinige Schuld daran trägt." Dennoch unterstützt er das Volksbegehren "Artenvielfalt - Rettet die Bienen". Unterschrieben hat er bereits.

Unrühmliches Bild

Ein unrühmliches Bild in der Debatte gebe seine eigene Standesvertretung ab. Dem Bauernverband stellt Weiß ein schlechtes Zeugnis aus. Er, einst selbst BBV-Vertreter, bekundet: "Ich finde es falsch, wie man hier gegen alles argumentiert. Die Landwirtschaft ist nun mal ein großer Spieler in der Natur. Und das bedeutet: Die Landwirtschaft ist in nicht geringem Maße daran beteiligt, dass die Situation so ist, wie sie ist." Man deute zwar an, dass die Bauern ihrerseits mit Blühstreifen und anderen freiwilligen Leistungen ihren Beitrag zum Artenschutz leisteten. Doch Weiß findet: "Das reicht halt nicht."

Das Volksbegehren bezeichnet der Landwirt als "Hilfeschrei von Menschen, die stellvertretend für Tiere und Pflanzen, die sich nicht selber artikulieren können, die Stimme erheben". Es sei richtig, so vorzugehen. "Man sieht ja auch jetzt wieder an Markus Söders Gedanken für ein eigenes Artenschutzgesetz: Politik bewegt sich nur, wenn eine große öffentliche Mehrheit hinter einem solchen Vorstoß steht - und damit der nötige Druck da ist."

Druck auf Gymnasium

Damit meint Weiß aber explizit nicht den "Druck", den Landtagsabgeordnete von CSU und Freien Wählern jüngst, wie berichtet, auf das Kulmbacher Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium ausgeübt haben sollen. Zum Hintergrund: Weil Elternbeirat und Biologielehrer des als Umweltschule ausgezeichneten MGF dazu aufriefen, beim Volksbegehren zu unterschreiben, gab es "Redebedarf" vonseiten einzelner Mandatsträger. "Es ist unser gutes Recht, in aller Sachlichkeit mit dem Direktor zu reden, weil die politische Neutralität nicht gewahrt wurde", betonte Rainer Ludwig (FW). Martin Schöffel (CSU) stellte klar, er habe lediglich um Aufklärung gebeten, was hinter der Schulaktion steckt. "Wie sollen sich Kinder von Landwirten fühlen, wenn eine Schule die Bauern als Alleinschuldige abstempelt?" Zudem hatte der Bauernverband seinerseits sein Veto angemeldet.

Der Elternbeirat sprach von "verdeckter Einflussnahme von außen" und sah eine Grenze überschritten. Dem pflichtet Martin Weiß ausdrücklich bei. "Man sollte nicht von den Bürgern demokratisches Verhalten einfordern, um ihnen im Umkehrschluss genau dann den Mund zu verbieten, wenn die geäußerte Meinung nicht passt."

"Den Schritt nie bereut"

Doch was ist mit dem Hinweis des Bauerverbands, wonach die im Volksbegehren geforderte 30-Prozent-Quote für Ökolandbau bis 2030 ausgerechnet auch Biobauern wie Martin Weiß das Wasser abgrabe, weil der Markt so viele zusätzliche Anbieter nicht vertrage? Der 66-Jährige überlegt kurz, dann sagt er: "Ich habe als BBV-Obmann 1983 die erste Ortsversammlung zum Thema Ökolandbau gehalten. Mir hat ein Vertreter des Landhandels, der auch Pflanzenschutz anbot, entgegnet, ich würde niemals ausreichend ver dienen und reumütig umkehren."

Doch er habe den Schritt nie bereut. "Sicher war es zu Beginn ein enger Markt, der sich erst ausbilden musste. Ich habe das Programm zur Umstellung auf ökologischen Landbau mit Hektarbeihilfen genutzt, aber noch sieben Jahre konventionell vermarktet. Es gibt immer noch Umstellungsbeihilfen, aber viele Variationen für umweltschonende Bewirtschaftung auch für alle Landwirte."

Nicht zu vergessen, so Weiß: Dank der Einsparungen, die er durch weniger Maschineneinsatz und die gesparten Summen für Pestizide habe, erziele er unterm Strich - wie die meisten seine Kollegen auch - "ein lohnendes Ergebnis. Und das in der Gewissheit, so gut wie möglich im Einklang mit der Natur zu wirtschaften, nicht gegen sie."

Insofern wäre es wünschenswert, so der Rugendorfer, der Bauernverband würde sich konstruktiv an Lösungen beteiligen und nicht einfach nur ablehnen. "Offenbar sind der Verband und mit ihm viele seiner Mitglieder wie gehabt das Sprachrohr der Agrarindustrie. Ich selber bin früher bei Schulungen als Landwirt auch auf diesen Weg getrimmt worden. Man bekommt gesagt: ,Es geht nicht anders.' Viele glauben das. Landwirtschaft neu zu denken, etwa ohne den herkömmlichen Pflanzenschutz, muss man lernen. Bei mir war es häufiger Versuch und Irrtum. Irgendwann ich bin zu eigenen Lösungen gekommen. Und es funktioniert."

Reichaltiges Bodenleben

Auf seinen Äckern habe er nachgewiesenermaßen ein deutlich reichhaltigeres Bodenleben mit mehr Insekten. "Imker haben mir bestätigt, dass Bienen dank der Beikräuter viel Nahrung finden. Im Ökogetreide wachsen Taubnesseln und Vogelmiere. Die habe ich früher auch bekämpft, jetzt eben nicht mehr - und es summt und brummt."

Dass er für seine kritische Haltung das Prädikat "Nestbeschmutzer" angepappt bekommt, stört den 66-Jährigen nicht. "Den Vorwurf habe ich mir schon öfter anhören müssen. Ich habe mich nie gescheut, unangenehme Dinge anzusprechen, sowohl als Landwirt als auch in meiner Zeit als Bürgermeister. Ich bin immer noch Mitglied in der CSU - aber deswegen muss ich nicht alles richtig finden, was die Partei macht. Und Umweltschutz bedeutet halt nicht automatisch, dass Landwirte unter Druck gesetzt würden. Ich finde, sowohl meine Branche als auch die Politik müssen sich für ihr Tun kritisieren lassen dürfen."

Doch kommt bei aller Debatte der Verbraucher nicht zu kurz - oder zu gut weg? Er, der Bio predige und doch Massenware esse? "Freilich wäre es wünschenswert, würde jeder mit ökologischem Gewissen einkaufen", findet Martin Weiß - und schiebt das "aber" gleich nach: "Aber ich bin kein Missionar. Erst sollte jeder bei sich anfangen, also die Erzeuger bei ihrer Art zu produzieren. Man muss den Menschen eine andere Art vorleben und sich mit ihnen darüber austauschen. Das ist das Bohren dicker Bretter, doch unsere Zukunft und die unserer Kindeskinder sollte uns das wert sein."

Weil er sich dieser Verantwortung bewusst sei, habe er vor über 20 Jahren eine Kooperation mit dem Demeter-Verband geschlossen, der besonders strenge Maßgaben an die Bewirtschaftung anlegt. Sein Hof werde jährlich überprüft - von der Buch- bis zur Stallführung. "Als ich umgestellt habe, durfte ich nicht mal mehr leere Düngemittelsäcke lagern."

Jüngst machte Bioland von sich reden, als der Erzeugerverband verkündete: Seine Produkte gibt es künftig bei Lidl. Das galt früher als Frevel: Bio-Waren im Discounter-Regal! Martin Weiß freut das - bei allen Bedenken, die man einer solchen Partnerschaft gegenüber haben könne. "Es ist wichtig, dass der Biolandbau größere Aufmerksamkeit bekommt. Und die Menge der Verbraucher kauft nun mal beim Discounter."

Definition Der ökologische Landbau ist per Definition des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft eine "besonders ressourcenschonende und umweltverträgliche Wirtschaftsform, die sich am Prinzip der Nachhaltigkeit orientiert". Deutschland sei mit rund neun Milliarden Euro Umsatz (2017) der größte Markt für Bio-Lebensmittel in der gesamten europäischen Union. Bilanz: Bayern nimmt laut Landwirtschaftsministerium mit 9900 Ökobetrieben und einer ökologisch bewirtschafteten Fläche von 345000 Hektar bundesweit den Spitzenplatz ein. Über die Hälfte der produzierten Öko-Milch komme aus Bayern.

Ziel: Die Staatsregierung wolle die Erzeugung von Bio-Produkten aus Bayern bis 2020 verdoppeln. Bereits 2012 war das Landesprogramm "BioRegio Bayern 2020" ins Leben gerufen worden; es sieht Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Beratung, Förderung, Vermarktung und Forschung vor.

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