Kulmbach
Gesellschaft

Ratlose Eltern: Wohin mit dem Kind?

Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz nützt Kulmbacher Familien derzeit nicht viel. Die Nachfrage ist größer als das Angebot. Aber Besserung ist in Sicht.
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Es fehlt an Kitaplätzen im Landkreis Kulmbach, vor allem für die Jüngsten im Krippenalter. Symbolfoto: Monika Skolimowska/dpa
Es fehlt an Kitaplätzen im Landkreis Kulmbach, vor allem für die Jüngsten im Krippenalter. Symbolfoto: Monika Skolimowska/dpa

In der Theorie ist es ganz einfach: Eine Familie möchte ihr Kind in die Kita schicken, meldet den Nachwuchs an und weiß ihn gut betreut. Einen passenden Platz zu bekommen, ist für viele Eltern allerdings schwierig geworden, vor allem für die Jüngsten unter drei Jahren. Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich. In der Stadt Kulmbach sind derzeit alle Krippenplätze ausgebucht. Im Landkreis sieht es ähnlich aus.

Familieninterner Notfallplan

Für Eltern, die auf einen Betreuungsplatz angewiesen sind, ist das ein echtes Problem. Für das Kulmbacher Ehepaar, bei dem beide Partner im Schichtdienst arbeiten, zum Beispiel. Händeringend suchen sie einen Platz für ihren knapp einjährigen Sohn: "Wir brauchen das zweite Einkommen, um finanziell über die Runden zu kommen", sagt die Mutter, die aus diesem Grund zumindest in Teilzeit in ihren Beruf zurückkehrt. Aktuell klügelt sie mit Familienangehörigen einen Notfall-Plan aus, "aber eine Dauerlösung kann das nicht sein".

Andere Familien brauchen den Krippenplatz zwar nicht so dringend, hätten ihn aber trotzdem gerne - zumal es einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gibt. "Wir sehen, dass sich unser kleiner Sohn in Gesellschaft anderer Kinder sehr wohl fühlt, und deshalb finden wir es sinnvoll, wenn er in eine Krippe geht", erzählt uns ein Vater. Daraus wird wohl vorläufig nichts werden.

Der Kreisverband Kulmbach der Arbeiterwohlfahrt bietet 101 Krippenplätze an, davon 60 in Kulmbach. "Leider sind aktuell alle belegt, und wir müssen Eltern auf der Suche absagen", sagt Hauptgeschäftsführerin Margit Vogel. "Wo möglich, versuchen wir, an andere Träger weiterzuvermitteln."

Die "Die Kita gGmbH", die in Kulmbach einen Großteil der Plätze vorhält, wollte sich auf unsere Frage nach der aktuellen Situation nicht äußern. Fachbereichsleitung Elke Wuthe verwies stattdessen an die Stadt Kulmbach.

Dort ist man sich des Problems bewusst und bemüht sich um Lösungen. "Wir haben eine enorme Steigerung an neu geschaffenen Krippenplätze in den vergangenen zehn Jahren", sagt Oberbürgermeister Henry Schramm (CSU) und belegt das mit Zahlen. Die 22 Einrichtungen im Stadtgebiet betreuten im Jahr 2008 insgesamt 924 Kinder, davon 632 im Kindergarten, 107 in der Krippe und 185 im Hort. Heute sind es insgesamt 1087 Kinder - davon 580 im Kindergarten, 214 in der Krippe und 293 im Hort.

"Die Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren liegt im Stadtgebiet Kulmbach bei fast 49 Prozent, 214 von 438 geborenen Kindern haben einen Krippenplatz." Im bayernweiten Vergleich kann sich das durchaus sehen lassen. Da gibt es nämlich durchschnittlich nur für 37 Prozent der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz. Der Landkreis insgesamt liegt mit knapp 40 Prozent leicht über dem Landesdurchschnitt, so Rainer Blüchel vom Kreisjugendamt. Aktuell stehen im Kindergartenbereich 2206 Plätze zur Verfügung, in den Krippen 514 und in den Horten 820 Plätze.

Für den Ausbau der Kinderbetreuung nehmen die Kommunen viel Geld in die Hand: Wurden 2008 in der Stadt Kulmbach noch 2,9 Millionen Euro inklusive staatlicher Zuschüsse für die Betreuungsleistungen ausgegeben, sind es heuer stolze 7,8 Millionen Euro (1,8 Millionen Krippe, vier Millionen Kindergarten, zwei Millionen Hort). Die Hälfte dieser Kosten sind Eigenmittel der Stadt, bilanziert Henry Schramm.

Das sind eindrucksvolle Zahlen. Doch leider ändern sie nichts an dem momentanen Mangel. Der muss behoben werden, denn der Gesetzgeber hat 2013 jedem Kind ab einem Alter von einem Jahr (bei besonderen Voraussetzungen bereits ab sechs Monaten) einen Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung in einer Betreuungseinrichtung gegeben.

Dieser kann auch über Tagesmütter gewährleistet werden. "In Zusammenarbeit mit den Kommunen helfen wir Eltern, einen Betreuungsplatz zu finden", so Rainer Blüchel. Bisher habe im Landkreis noch niemand versucht, sein Recht auf dem Klageweg durchzusetzen. "Wenn man es realistisch betrachtet, wird es nicht für jeden die optimale Lösung geben können. Die Plätze lassen sich nicht spontan vermehren. Es muss ja auch die Qualität stimmen."

OB Schramm will alles daransetzen, dass Eltern, die einen Kita-Platz brauchen, diesen bekommen - auch vor dem Hintergrund, dass die Geburtenzahlen steigen und durch den Uni-Campus und das Grüne Zentrum mehr junge Menschen nach Kulmbach kommen werden. Deshalb soll schon bald eine neue Kita gebaut werden - mit 48 Krippenplätzen (vier Gruppen) und 75 Kindergartenplätzen (drei Gruppen). "Das wird die Situation deutlich entspannen."

Ein Träger für die neue Einrichtung ist bereits gefunden. Erste Gespräche finden Ende des Monats bei der Regierung von Oberfranken statt. Details möchte der OB erst in der April-Sitzung des Stadtrats bekanntgeben. Als Standort kommt ein städtisches Grundstück zwischen dem Beruflichen Schulzentrum und der Straße am Kreuzstein infrage.

In Bezug auf den künftigen Bedarf ist also eine Lösung in Sicht. Den Eltern, die jetzt einen Platz brauchen, bringt das allerdings noch nichts. Doch auch ihnen möchte die Stadt helfen: Sie wird deshalb beim Landratsamt als Aufsichtsbehörde beantragen, vorübergehend jede Krippengruppe um zwei Plätze aufzustocken - um die Zeit bis zur Fertigstellung der neuen Kita zu überbrücken.

Kommentar: Haus gebaut, Fundament vergessen

Das Versprechen klingt gut: Jedes Kind bekommt einen Platz in einer Kita, spätestens ab einem Alter von einem Jahr, bei Bedarf auch früher. Garantiert.

Toll - wenn es denn wahr wäre. Denn obwohl es seit 2013 diese Zusage als verbindlichen Rechtsanspruch gibt, gehen viele Kulmbacher Familien leer aus.

Das Problem: Ein Gesetz schafft keinen einzigen Betreuungsplatz. Das müssen die Träger tun, Baugrundstücke oder geeignete Immobilien finden, dazu auch noch ausreichend Fachpersonal. Für all das gibt es kräftige Unterstützung seitens der Kommunen und natürlich auch des Staats. Aber: Es dauert.

Da hat der Gesetzgeber flink ein Haus gebaut und Ansprüche zementiert, dabei aber geflissentlich übersehen, dass dieses Haus nur stabil steht, wenn es ein ordentliches Fundament hat. Ein Rechtsanspruch auf Plätze, die es nicht gibt, ist nicht viel wert.

Nun sind die Kommunen und Träger nicht nachlässig - ganz im Gegenteil. In Stadt und Landkreis wurde und wird kräftig in den Kita-Ausbau investiert.

Doch der Bedarf wächst schneller als das Angebot. Das hat nicht zuletzt etwas mit der gesellschaftlichen Akzeptanz der Kinderkrippen zu tun. Noch vor ein paar Jahren wurde eine Mutter vorwurfsvoll angeschaut, wenn sie nach einem Jahr Elternzeit wieder berufstätig sein wollte und ihr Kind "in fremde Hände" gab. Heute wird sie gefragt, warum sie nicht arbeiten geht und ihr Kind in die Krippe bringt...

Die Krux bei diesem Thema: Der Bedarf an Krippenplätzen ist sehr schwer planbar. Während man bei älteren Kindern davon ausgehen kann, dass fast alle in den Kindergarten und garantiert alle in die Grundschule gehen, ist es bei den Kleinsten doch sehr stark abhängig von den individuellen Wünschen und der Lebenssituation der Eltern, ob Betreuung nötig ist oder gewünscht wird. Diese Flexibilität ist sinnvoll, steht aber im krassen Widerspruch zu jeder langfristigen Planung. Eine Punktlandung mit voller Bedarfsdeckung wird so auch in Zukunft eher die Ausnahme sein als die Regel.

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