Kulmbach
Sicherheit

Randalierer in Kulmbach: Polizei warnt vor Selbstjustiz

Nicht nur Bahnkunden, auch die Angestellten im Kiosk sind zur Zielscheibe der Attacken jugendlicher Randalierer geworden. Die Polizei patrouilliert sichtbar auf dem Areal.
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Die Bundespolizei ist nach den Randalen einer Gruppe Jugendlicher mit einem verstärkten Aufgebot auf dem Bahnhofsgelände präsent. Die Beamten waren gestern gefragte Gesprächspartner der Medien. Foto: Jochen Nützel
Die Bundespolizei ist nach den Randalen einer Gruppe Jugendlicher mit einem verstärkten Aufgebot auf dem Bahnhofsgelände präsent. Die Beamten waren gestern gefragte Gesprächspartner der Medien. Foto: Jochen Nützel
"Ich kann nicht sagen, dass ich mich noch wohl fühle." Die Mitarbeiterin im Bahnhofskiosk möchte ungenannt bleiben, aber sie hat einiges zu erzählen über die vergangenen Wochen und wie sich die Aggressivität der Jugendlichen immer weiter hochgeschaukelt habe. "Zuletzt ist man bei ihnen nicht mehr durchgedrungen mit vernünftigen Argumenten."

Es habe mit unflätigen Bemerkungen angefangen. "Dann hat mal einer hingespuckt, dann wieder was umgeschmissen. Anfangs hat es noch was gebracht, wenn man im Ton lauter geworden ist." Doch die Anfeindungen nahmen jüngst an Schärfe zu, sagt die Angestellte. "Da fielen Beleidigungen, die kann ich nicht wiedergeben." Die Jugendlichen kamen stets wieder - trotz Ladenverbots. Zuletzt habe sie sich nur noch zu helfen gewusst, indem sie mit der Polizei drohte. "Da kam gleich als Antwort aus der Gruppe: ,Die Bullen sollen uns bloß anfassen, dann bekommen die ruckzuck eine Flasche gegen den Hals.'"

Besagte Bundespolizei bezieht seit Tagen Stellung am Bahnhof. Thomas Leut hardt ist Inspektionsleiter der BP Selb, die für das Kulmbacher Areal zuständig ist. Am gestrigen Nachmittag ist der hoch gewachsene Polizist ein gefragter Gesprächspartner der Medien. Während seine Kollegen in der Eingangshalle sowie draußen an den Bahnsteigen patrouillieren, versucht Leuthardt die Situation einzuordnen: "Unser Anliegen ist es, die Sicherheit für die Bahnreisenden und Besucher zu gewährleisten."

Der Bahnhof sei aber aus Polizeisicht "kein Kriminalitätsschwerpunkt", sagt der Beamte. Er wisse aber um das "subjektive Sicherheitsempfinden" der Bürger, die sich durch die Vorgänge verunsichert fühlten. "Keiner will hier was verharmlosen, aber es gilt festzuhalten: Die Situation am Bahnhof ist noch verhältnismäßig ruhig, verglichen etwa mit Szenarien in Hof oder gar Großstädten wie Nürnberg."

Der harte Kern der Clique, die ihr Unwesen treibt, besteht nach Leuthardts Worten aus etwa zehn Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Auch Polizeibeamte blieben von den Wutattacken nicht verschont. "Wenn es gegen unsere Leute geht, ist das Prozedere eindeutig geregelt", sagt Leut hardt: "Wir stellen die Personalien fest und nehmen im akuten Fall die Betroffenen mit aufs Revier." Später werden die jungen Leute wieder in die Obhut ihrer Eltern übergeben. "Man kann sich natürlich fragen, inwiefern diese Eltern ihrem Erziehungsauftrag nachkommen."

Der Inspektionsleiter warnt jedoch eindringlich davor, als Betroffener oder Zeuge von Randalen das Gesetz in die eigenen Hände nehmen zu wollen. "Vor Selbstjustiz den Jugend lichen gegenüber ist ausdrücklich abzuraten. Richtig ist, sofort die Polizei zu verständigen." Die Bundespolizeiinspektion ist zu erreichen unter der Rufnummer 09233/7753990.

Hartnäckiges Klientel

Ruhe zu bewahren rät auch der Leiter der Kulmbacher Polizeiinspektion, Gerhard Renk. "Lassen Sie sich nicht provozieren." Denn wer gewalttätig gegen die Jugendlichen vorgehe, müsse mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen. Er zeigte sich überzeugt, die Lage in den Griff zu bekommen.
Renk weiß zudem, dass jede Stadt mit Jugendlichen Probleme hat. "Hier fällt allerdings auf, wie hartnäckig die sind gegenüber Jugendamt, Strafanzeigen und Jugendgericht." Allerdings handele es sich nur um Straftaten im Bereich Beleidigung, Sachbeschädigung und leichter Körperverletzung. "Wirklich zu Schaden gekommen ist noch niemand."

Ab heute wird die Polizeipräsenz am Kulmbacher Bahnhof nochmals erhöht. Das erklärte Oberbürgermeister Henry Schramm gegenüber unserer Zeitung. Wir haben die Verantwortlichen um Stellungnahmen zu den Umtrieben am Bahnhof gebeten.

Schramm: Polizeipräsenz nochmals erhöht

OB Henry Schramm: "Die Sache ist nicht leicht in den Griff zu kriegen. Wenn die jungen Leute nur den Ort wechseln, wird das Grundproblem nicht beseitigt. Ich habe mich schon an das Sozialministerium gewandt wegen Programmen, um die jungen Menschen an die Gesellschaft heranzuführen. Man muss das Problem von mehreren Seiten angehen: Die Polizei muss konsequent gegen die Rädelsführer vorgehen, die Justiz muss mitspielen und sie gegebenenfalls eine Zeit aus dem Verkehr ziehen. Und man muss auf der sozialen Ebene Türen öffnen."

Rüdiger Köhler, Landratsamt: "Es laufen Gespräche zwischen Jugendamt, Stadt und Polizei. Mit rechtsstaatlichen Mitteln ist es schwierig, der Situation Einhalt zu gebieten. Wir prüfen, ob ein Streetworker Abhilfe schaffen kann und wie man ihn finanziert. Fraglich ist natürlich, ob er Erfolg hat."

Klaus Schröder, Jugendamtsleiter: "Bei einigen der Jugendlichen waren und sind wir mit pädagogischen Maßnahmen präsent. Leider Gottes sind nicht alle damit zu erreichen. Es gibt Jugendliche, die haben eine Entwicklung im Elternhaus hinter sich, die nicht mehr durch pädagogische Maßnahmen zu kompensieren ist. Eine zwangsweise Jugendhilfe ist ohnehin nicht vorgesehen. Darüber hinaus sind nur ordnungsrechtliche Mittel möglich. Man kann aber niemanden wegen eines geringen Delikts in U-Haft nehmen. Wir nehmen die ganze Geschichte sehr ernst. Jeder Fall, in dem sich jemand im öffentlichen Raum belästigt fühlt, ist ein Fall zuviel. Grundsätzlich haben zwar die Eltern eine Aufsichts- und Erziehungspflicht. Aber wie kann ich Eltern rechtlich etwas anlasten, wenn sie auf ihre Kinder einfach keinen Einfluss mehr haben? Durch die Berichterstattung in den Medien und die Polizeipräsenz erhalten die jungen Leute Aufmerksamkeit, was für sie eine Bestätigung ihres Treibens ist."

Clemens Weißerth, Bereichsleiter der Jugendhilfe Fassoldshof: "Sicher denkt mancher automatisch: Die Randalierer - das waren doch bestimmt die ,Anstalter'. So heißen im Volksmund die jungen Leute, die bei uns wohnen. Wir wissen, dass unsere Heimkinder keine Engel sind. Aber ich kann definitiv sagen: Unsere Jungs gehören nicht zu den Vandalen im Stadtgebiet. Wir führen Anwesenheitslisten, mit denen das zu belegen ist. Außerdem stehen wir in Kontakt mit der Polizei, die wüsste das."

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